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Bissingen

24.02.2019

Warum sich montags nur Männer in Bissingen treffen

Nur Männer und nur mit Hut (von links hintere Reihe stehend): Johann Reiter, Stefan Rieß, Armin Bräuninger, Johann Rößle, Bernd Vogl, Christian Konrad, Jürgen Konle, Rudolf Schwarz, Helge Duderstadt (ganz hinten) und Anton Harlacher; vordere Reihe von links: Karl Lippert, Leo Knaus, Josef Konrad, Ehrenmitglied Albert Hämmerle und Josef Knaus. Jeden Montag trifft sich die Truppe im Bissinger Gasthaus Post.
Bild: Bronnhuber

Plus Es sind nur Männer geduldet, alle haben ein persönliches Sabbertuch, und jede Woche gibt es eine andere Wette. Das ist der Hutclub Bissingen.

Wissen Sie, wie lange die Spur wird, wenn man die Zahnpastatube komplett am Stück ausdrückt? Oder wie viele halbe Nüsschen in einer handelsüblichen 200-Gramm-Nuss-Dose sind? Es gibt 18 Männer im Kesseltal, die wissen das. Nicht etwa, weil sie bei Nuss- oder Zahnpastaherstellern arbeiten. Weil sie um diese kuriosen Antworten wetten. Für ihr Leben gern und um Geld. Wer die Männer sind? Das sind Freunde aus Bissingen und den Ortsteilen im Alter von 45 bis 90 Jahren. Sie treffen sich, weil sie ihre Kameradschaft, aber vor allem ihre Traditionen pflegen. So ist es Brauchtum, dass sich der Holz-Konne, der Duddi, der Webermörtel, der Bergleschuster oder der Mühldone – die Männer rufen sich nach ihren alten Hausnamen – jeden Montag zur selben Zeit am selben Ort treffen. Und das schon seit knapp 30 Jahren. Das ist der Hutclub Bissingen.

19.30 Uhr. Gerade noch rechtzeitig kommt Bernd Vogl, „dr’ Vogl“, in die Stube im Gasthaus Post in Bissingen hereingeeilt. Schnell zieht er den schwarzen Hut auf, ein letzter Blick aufs Handy, und er nimmt Platz an Tisch drei. Nicht, dass Wirt Josef Ganzenmüller – ebenfalls Mitglied im Hutclub – seine Tische nummeriert hätte. Die Tischordnung haben die Männer in den Jahren selbst gewählt. Von Gründungsmitgliedern bis hin zum Nachwuchs.

Den Hut dürfen die Bissinger nie vergessen

Nicht die einzigen Regeln, an denen die Bissinger seit Jahren festhalten, wie Josef Konrad, der Holz-Konne, erzählt. „Wir haben genaue Abläufe und einige Spezialitäten. Das ist im Hutclub wichtig“, sagt er und holt aus seiner Jackentasche ein kleines, graues Dreieckstuch hervor. Es ist das Hutclub-Sabbertuch. Ein jedes Mitglied hat dies, jedes ist mit einem individuellen Spruch versehen. Auf dem Tuch von Holz-Konne steht beispielsweise: „Alles, was ich anlecke (auch das Bier), gehört mir.“

Der „Holz-Konne“ mit seinem persönlichen Hutclub-Sabbertuch.
Bild: Bronnhuber

Helge Duderstadt und Stefan Rieß lachen laut auf. Sie sitzen mit Konrad an Tisch zwei. „Aber das Wichtigste ist natürlich der Hut. Egal, welches Modell. Hauptsache schwarz. Der ist Pflicht“, erzählt Duddi, also Duderstadt. Und der Webermörtel alias Rieß fügt hinzu: „Sonst wird man bestraft.“ So ist es in den Vereinsregeln festgeschrieben, dass früher 20 Mark und heute zehn Euro dann bezahlt werden müssen, wenn einer seinen Hut vergisst. Es kostet auch einen Zehner, wenn während der Treffen ein Handy aktiv ist.

Im Gasthaus Post gibt es Schokolade und Pommes

Die Abende selbst, sie finden jeden Montag um 19.30 Uhr seit jeher im Gasthaus Post statt, haben grundsätzlich den gleichen Ablauf. Im Wechsel zahlt ein Hutclub-Mitglied das Abendessen. Die kulinarischen Wünsche reichen von „Baurabrotzeit“, Schnitzel mit Pommes bis hin zu überbackener Blockschokolade und saure Nierle. Zum Verdauen gibt es einen Schnaps mit dem immerselben Trinkspruch. „Und es ist immer der Landknechtschnaps“, sagt Stefan Rieß und stoßt mit Helge Duderstadt, dem Sprecher des Hutclubs, an. Nicht das einzige alkoholische Getränk, das an diesen Montagabenden über die Theke von Gastwirt Ganzenmüller serviert wird. Von Eskapaden, Blödsinn oder gar Tratschereien wollen die selbstbewussten Hutträger aber nichts wissen. Oder nicht erzählen. „Was im Hutclub passiert, bleibt im Hutclub“, sagt Josef Konrad und schmunzelt. Das wüssten auch die Frauen und Familien zu Hause.

Wirt und Hutclub-Mitglied: Josef Ganzenmüller am Zapfhahn.

Der Montag ist heilig. Kaum fehlt einer, dafür braucht es schon driftige Gründe. Einzig im Sommer sei es ein wenig lockerer, da dürfe man auch mal fehlen. Eines sind die Montagabende aber immer: gesellig und sehr musikalisch. Begleitet von Ziehharmonika und Gitarre singen die Männer aus voller Brust Heimatlieder bis in die frühen Morgenstunden. Da spielt es keine Rolle, ob der eine schon eine Seite weiter im Textbuch ist. Denn: „Es geht um unsere Kameradschaft und unseren Zusammenhalt. Das ist uns sehr wichtig“, sagt Duderstadt. Seit knapp 30 Jahren, mit wechselnder Besetzung.

Warum Frauen beim Hutclub chancenlos sind

Gar nicht locker sind die Männer in Sachen Neuaufnahme. Jeder dürfe sich bei den Kesseltalern bewerben – aber nicht jeder würde aufgenommen. „Aber wer einen Schnaps ausgibt, das Essen zahlt und das auch noch schmeckt, der hat gute Chancen“, verrät Duderstadt mit Augenzwinkern. Chancenlos sind dagegen Frauen. Da machen die Männer, allesamt erfolgreiche Unternehmer oder Angestellte, auch keine Ausnahme. Niemals. „Das gab es noch nie und wird es nie geben“, sagt Karl Lippert und klopft auf Tisch eins. Er ist Gründungsmitglied. Einer, der den Hutclub mit ins Leben gerufen hat. Und der ist schon 1992 aus einer Wette entstanden. Die Frage, die sich Lippert und ein weiterer Kamerad eines Abends stellten: Ist der VW Käfer schwerer als der VW Golf?

Und so ist es auch noch heute jeden Montag Pflicht, dass ein Mitglied sich eine Wette ausdenkt. Die ist mal kniffelig, mal aufwendig, mal witzig. „Aber die gehört dazu“, sagt Stefan Rieß.

So wissen die Hutclub-Freunde eben, dass der Inhalt einer Zahnpastatube gut zwei Meter lang ist und 532 halbe Nüsse in eine 200-Gramm-Dose passen. Bis zur nächsten Wette. Am Montag, 19.30 Uhr, im Gasthaus Post.

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