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Vortrag

04.03.2017

Wenn Telefontechniker über Schicksale entscheiden

Stephan Dünnwald rechnet mit den Behörden ab.
Bild: Günter Stauch

Beim Rundgespräch der Unterstützergruppe „Asyl/ Migration Dillingen“ kommen Behörden gar nicht gut weg

Knapp 38 Stunden nach dem Ende der närrischen Zeit wurde ausgerechnet im Kirchenzentrum St. Ulrich in Dillingen eine Büttenrede nachgereicht. Mit dem Kanzlerinnen-Mantra „Wir schaffen das“ und „in diesem Sinne wünsch’ ich euch viel Kraft, damit ihr alle fleißig weiterschafft“ bewies Asyl-Koordinator Georg Schenk, dass er als ehemaliger Offizier nicht nur höchst humanitäre Einsätze führen, sondern auch Humor kann. Mit militärischer Präzision beendete der erste Vorsitzende der Unterstützergruppe „Asyl/ Migration Dillingen“ genau nach zwei Stunden ein Rundgespräch mit engagierten Bürgern, das wegen der derzeitigen Abschiebungen etwa von afghanischen Menschen von aktuellem Interesse war.

Ein besonderer Glanzpunkt dieser 120 Minuten, den neben Betroffenen und Helfern auch viel weltliche wie kirchliche Lokalprominenz füllten, stellte der Auftritt des bekannten Migrationsforschers Stephan Dünnwald dar. Der Absolvent der renommierten Ludwig Maximilians-Universität München, der in Augsburg promoviert hat, gilt als ausgewiesener Kenner der weltweiten Flüchtlingssituation. Und mit seinen Alltags- Schilderungen vom Umgang mit Menschen aus aller Herren Länder und der Mitgliedschaft im Bayerischen Flüchtlingsrat auch als Mann der Praxis.

Diese Menschenrechtsorganisation mit Ablegern auch in den 15 anderen Bundesländern hat – wie Dünnwald beeindruckend darlegte – seit zwei Jahren allerhand zu tun: „Wir sind verwaltungsmäßig eher klein und haben nur zwei winzige Büros in München und Nürnberg, aber ich versichere Ihnen, unser Netzwerk ist groß.“ Das gelte auch für die Unterstützung der ehrenamtlichen Kräfte, konnten sich die an der Flüchtlingshilfe aktiven Helfer unter den rund 60 Besuchern aus dem ganzen Landkreis angesprochen fühlen. Bei der Hilfestellung etwa in Form von Fort- und Ausbildung sei man allerdings auch auf Spenden und Fördermitglieder angewiesen. „In ganz Bayern sind das 800, ich schätze mal, so viele hat allein schon der Tierschutzverein Ihrer Stadt“, scherzte Dünnwald, bevor er dann bei der Kritik an manchen deutschen Behörden wieder eine ernste Miene aufsetzte. Zum Beispiel, wenn bestimmte Bedienstete in gehobener Position etwa beim Innenministerium „einfach nicht mit uns sprechen wollen.“

Allerdings fiel bei dem prominenten Experten auf, dass er den ganzen Abend eher sachlich denn emotional vortrug, obwohl ihm manche Stellen wie an vielen Beispielen dargelegt ziemlich zugesetzt hätten und noch immer tun würden. So geißelte der Fachmann zum Beispiel die Praxis des „qualitativ-schlechten“ Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Personen mit den unterschiedlichsten Berufshintergründen in einem Sechs-Wochen-Kurs zu Entscheidern über das Schicksal geflohener Menschen heranzuziehen.

„Da war jemand vorher bei der Telekom und macht so etwas jetzt, das halten wir für fahrlässig“, wurde Stephan Dünnwald deutlich, der dann meist mit ruhig-nüchterne Stimme die Zustände im deutschen Asylwesen anprangerte. Was wohl nicht nur an seiner Erkältung lag, sondern vor allem seinem selten aufbrausenden Stil. Die Geräuschkulisse änderte sich mit dem Auftritt von Koordinator und Oberst a. D. Georg Schrenk spür- und hörbar, als dieser nicht nur die Sturheit mancher Behörden aufs Korn nahm – „auch wenn ich jetzt weiß, dass Vertreter vom Landratsamt unter uns weilen.“ Sondern auch seiner Ansicht nach unsinnige Arbeitsverbote für Asylbewerber, deren Abschaffung kürzlich bei einem Treffen von 80 Helfergruppen am Starnberger See gefordert worden sei. „Sprechen wir es doch deutlich aus: Wenn diese Leute dazu verdonnert werden, dann stehen sie rum, starren an die Decke, trinken vielleicht zu viel, und dann heißt es wieder diese Schmarotzer.“

Auch vom Publikum heraus wurden die Abschiebungen von gut ausgebildeten, deutsch-sprechenden Asylanten moniert. „Das demotiviert die Helfer und Arbeitgeber ebenso“, sprach Stephan Dünnwald den meisten aus der Seele. Da kam der Umschlag mit einer Spende über 500 Euro wohl gerade zur rechten Zeit, den Zweiter Bürgermeister Franz Jall im Namen der Kommune überreicht – verbunden mit einem dicken Dank an die Helfer.

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