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Was Oma und Opa raten

24.03.2016

Wenn sie noch einmal jung wären …

Sie waren schon einmal jung. Doch was wäre, wenn sie das noch mal wären? Die Bewohner des Heilig-Geist-Stifts Dillingen (von links) Kornelia Marder, Siegfried Berchtenbreiter, Mathilde Schäffler, Anna Knoll, Helmut Paul, Hildegard Geiger, Brigitte Hurler, Helena Paul, Maria Zeidler, Sieglinde Krampl und Ernestine Rösch.
Bild: Foto: Stadler

Viele Bewohner des Heilig-Geist-Stifts Dillingen hatten keine Wahl. Sie haben früh gearbeitet, ihre Familien brauchten Geld. Was sie heute anders machen würden.

Charlie Chaplin hat einmal gesagt: „Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme.“ Erst im Alter weiß man die Jugend doch erst richtig zu schätzen. Im Heilig-Geist-Stift Dillingen wohnen Menschen, die es wissen müssen.

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Kornelia Marder etwa. Sie ist 79 Jahre alt. Dass viele junge Menschen heute danach streben, zumindest für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen, kann sie nachvollziehen. „Ich hatte die Möglichkeit damals nicht. Aber meine Enkel haben sie.“ Marder selbst war nie weiter von zu Hause weg als in Italien. „Und im Bayerischen Wald“, sagt sie. Weit weg, das könne sie mit 79 nicht mehr. „Aber auch wenn ich jung wäre – ich würde das nicht tun.“ Auch Mathilde Schäffler ist unsicher. „Damals hätte ich da kein Geld für gehabt“, sagt sie. Mit 18 hat sie im Krankenhaus zu arbeiten begonnen und ist dort bis zur Rente geblieben. Und wenn sie heute jung wäre und die Möglichkeiten hätte, würde sie dann ins Ausland gehen? „Ich glaube nicht“, sagt sie, „da wäre ich zu feige dazu.“

Ernestine Rösch hingegen hat schon viel von der Welt gesehen. Sie war unter anderem in Kanada, auf dem Matterhorn und hat Kreuzfahrten gemacht. Wäre sie noch einmal jung, würde sie sich „auf alle Fälle“ noch mehr von der Welt anschauen. Hawaii, das wäre ihr Traum. Doch sie habe früher nichts vermisst: „Als wir Kinder waren, war schon Wandern ein Erlebnis.“

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Sigi Berchtenbreiter war immerhin schon im nahen Ausland, in Österreich und der Schweiz. Wenn er heute 18 Jahre alt wäre, wäre sein Ziel Australien. „Das ist so anders. Ganz am anderen Ende der Welt und auch eine andere Mentalität.“

Mit am Tisch im Aufenthaltsraum des Seniorenheimes sitzt das Ehepaar Paul. Wer eine so lange Ehe führt, kann auch Ratschläge für junge Leute geben. Helmut Paul sagt: „Ich habe von Haus aus gesagt, bevor ich 30 bin, heirate ich nicht.“ Und das würde er auch jedem empfehlen. 1955 wurde er 30 und setzte sein Vorhaben in die Tat um. Mit Frau Helena, die mit ihm im Heilig-Geist-Stift wohnt, konnte er 2015 die diamantene Hochzeit feiern.

Allerdings gibt es auch pessimistischere Hochzeitsgeschichten im Seniorenheim. Hildegard Geiger sagt: „Ich würde nicht mehr heiraten.“ Ihre Ehe sei nach ihrem Schlaganfall „nicht mehr gut auseinandergegangen. Er wollte mich dann nicht mehr“, sagt die 85-Jährige. Als sie geheiratet hat, sei sie „schon 30, nicht mehr jung“ gewesen – für die damalige Zeit war das spät. Ihr Vater habe ihr dennoch von der Hochzeit abgeraten und am Ende recht behalten. Man solle „sehr gut aufpassen, wen man heiratet“, lautet ihr Ratschlag daher. „Wenn es der Richtige ist, dann natürlich. Aber wenn man jung ist, weiß man das nicht so genau.“

Geiger sagt, das wäre aber nicht das Einzige, was sie anders machen würde. Ballett hätte sie gerne einmal ausprobiert. Außerdem wäre ihr Traum dann „eine kleine Landwirtschaft“. Ihr aus Tschechien stammender Vater hatte einen Hof, sie selbst habe allerdings als Näherin gearbeitet.

Auch Maria Zeidler erzählt von einer Liebesepisode in jungen Jahren. Als vertriebene Sudetendeutsche sei das für sie damals nicht leicht gewesen: „Ich hatte einen ganz netten Verehrer. Aber seine Mutter hat gesagt, was willst du denn mit so einer Dahergelaufenen?“ Später habe die Mutter das allerdings bereut. Als Zeidler mit der Familie in Deutschland ankamen, „wurden wir hingestellt, als ob wir anders sind“, sagt sie. Doch mit der Zeit hätten sie die Einwohner kennengelernt, dann sei es besser geworden. „Es ist wichtig, dass die Menschen einem vertrauen können“, stellt sie fest.

Die Familie, da sind sich die Senioren einig, sei nach wie vor das Wichtigste. „Ich empfehle jedem, Kinder zu bekommen“, sagt Ernestine Rösch. „Ich habe das leider nie gemacht. Da habe ich was verpasst.“

Hermann Keller, Jahrgang 1929, war früher Diakon in Dillingen. Er fasst zusammen: „Am Kriegsende begann für uns ein neues Leben. Wir haben versucht, aus dem, was sich uns geboten hat, das Beste zu machen.“ Und das mache die Jugend heute eben auch: „Das Leben nach dem Angebot gestalten.“

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