1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. „Wilde Tiere“ im Landratsamt

Hegeschau

26.05.2011

„Wilde Tiere“ im Landratsamt

Copy of Kreisjägervereinigung Dillingen Hegeschau007.tif
4 Bilder
„Wie bekommen die kleinen Schweine ihre Streifen los?“, war eine der vielen Fragen, die eine kleine Schülerin angesichts der Präparate im Landratsamt stellte.

Kreisjägervereinigung präsentiert sich mit einer großen Ausstellung. Doch die Idylle trügt: Vor allem Hasen und Rebhühner werden immer weniger

Dillingen/Nördlingen „Bin ich da wirklich richtig?“ Die Dillinger Kauffrau traute gestern ihren Augen nicht: Statt nüchterner Verwaltungsatmosphäre „empfängt“ sie mitten im Foyer des Dillinger Landratsamtes eine Wildschweinrotte, und von der rechten Seite beäugt sie ein Muffel-Widder. So perfekt sind die Präparate von Ludwig Krinner aus Geiselhöring, dass man glauben könnte, die Tiere seien lebendig. Mitglieder der Kreisjägervereinigung Dillingen haben sich alle Mühe gegeben, um die Hegeschau, die noch bis einschließlich kommenden Sonntag auf zwei Stockwerken der Behörde an der Großen Allee zu sehen ist, zu einem Natur-Event zu machen.

Oben, im ersten Stock, hat sich eine Rehfamilie inmitten blühender Margeriten versammelt, schräg gegenüber sagen sich Füchse und Hasen gute Nacht. Eine Idylle, die zumindest bei Meister Lampe trügt: Ausgeräumte Felder mit immer weniger Nahrungsangeboten haben den Feldhasen auch im Landkreis Dillingen stark dezimiert: Wurden 1970 noch 2800 Feldhasen zur Strecke gebracht, sind es zwischenzeitlich nur mehr 750, und in vielen Revieren wird das Wildtier überhaupt nicht mehr bejagt.

Gülle aus Biogasanlagen

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Noch ärmer sind die Rebhühner dran, die sich bei der Ausstellung zwischen Marderhund und Waschbär tummeln: 2000 Stück wurden 1970 geschossen, jetzt gerade noch ein Prozent davon, wobei so gut wie alle Revierinhaber im Landkreis dem gefährdeten Tier schon seit 20 Jahren nicht mehr nachstellen.

Dass Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner zu den zusätzlich 1,8 Millionen Hektar noch einmal 1,2 Millionen als Anbauflächen für Biogasanlagen ausweisen will, wie Moritz Fürst zu Oettingen-Wallerstein bei seinem Grußwort kritisierte, trägt zur Gesundung von Hase und Rebhuhn also nicht bei, zumal auch die verbliebene Gülle aus Biogasanlagen den Feldtieren schaden könnte.

Die Graugans hingegen fliegt auf der Gewinnerseite, seit im Rahmen von Naturschutzmaßnahmen immer mehr Biotope und Baggerseen mit Flachwasserzonen entstehen. So stark ist die Population inzwischen angestiegen, dass das Landratsamt inzwischen Anträgen auf Schonzeitverkürzung stattgibt, um den Schaden an Saatgut und verkoteten Wiesen zu begrenzen, wie der Jagdberater an der Unteren Naturschutzbehörde, Jürgen Rainer, bei der gleichzeitig stattfindenden Jahreshauptversammlung der Kreisjägervereinigung bekannt gab.

Auf den zahlreichen Schautafeln der Ausstellung lassen sich solche Entwicklungen über die heimische Wildbiologie „auch für den Laien verständlich“ ablesen, lobte der Präsident des Bayerischen Landesjagdverbandes, Prof. Dr. Jürgen Vocke, bei einem Rundgang.

In seiner Grundsatzrede im Sitzungssaal des Landratsamtes, wo die Gehörne der im vergangenen Jagdjahr erlegten Rehböcke und Damhirsche aufgereiht sind, betonte Vocke die Notwendigkeit, die Bedürfnisse des Wildes und der menschlichen Naturnutzung in Einklang zu bringen. Das aber setze ein faires Miteinander der an der Jagd Beteiligten, vor allem der Jäger, Land- und Forstwirte voraus.

Da wurde Vockes Stellvertreter schon deutlicher: Wer Mäusefraß mit Wildverbiss vergleiche, der beschädige nicht nur die Würde der Wildtiere, sondern degradiere auch den Jäger zu einem „Rattenvernichter“, sagte Moritz Fürst zu Oettingen-Wallerstein vor dem Hintergrund der immer lauter werdenden Kritik an den Staatsforsten, die seit Jahren zum endgültigen Halali auf das Rehwild blasen würden.

„Wer sagt, in den Staatsforsten wird auf wildbiologischer Ebene gejagt, sagt die Unwahrheit“, geißelte denn auch der Hauptorganisator der einwöchigen Hegeschau, der Jäger-Kreisvorsitzende Helmut Jaumann (Wertingen). Immer mehr Revierinhaber seien nicht mehr bereit, an den großen Drückjagden auf Schwarzwild teilzunehmen, weil sie dem Staat nur als Vorwand dienten, „unsere Rehe totzuschießen.“

Appell des Landrates

Dagegen appellierte Dillingens Landrat Leo Schrell in seinem Grußwort an die gesamte Jägerschaft und die Bayerischen Staatsforsten, mit der Bejagung des Schwarzwildes nicht nachzulassen und auch heuer wieder revierübergreifende Drückjagden durchzuführen. Die Graugänse seien inzwischen zur „Problemwildart zwei“ im Landkreis aufgestiegen.

Jaumann, der auch als Schwarzwild-Experte gilt, sagte in seiner Rede mit Blick auf die Forderungen der Bauernverbände und Landwirtschaftsämter sarkastisch: „Inzwischen haben wir ja offenbar nur mehr Wildarten, die zu bekämpfen sind.“ Angesichts solcher Politik wolle man mit dieser Hegeschau den Bürgern die Leistungen der Jäger vor allem im Bereich der Hege heimischer Tierwelt demonstrieren.

Trotz aller Kritik – auch das Amt für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten in Wertingen bringt sich bei dieser Ausstellung ein mit Dioramen über die heimischen Land- und Auwälder. Donautal-Aktiv ist mit dem Naturschutzprojekt „der schwäbische DonAuwald“ präsent.

Auch Schulklassen kommen

Nicht nur Erwachsene schauen bei der Ausstellung vorbei, sondern auch Schulklassen. Bis zu 300 Kinder werden die Schau bis Ende der Woche gesehen haben, sich mit ihren Lehrerinnen und Lehrern über den „Lebensraum Hecke“, die Jagdschule Schwaben und über das Verhalten der Wildtiere informieren. Ein großer Anziehungspunkt für die Kinder ist auch der Ausstellungsraum der Hegegemeinschaft Kesseltal mit Power-Point-Präsentation und Präparaten von Damhirsch und Keiler. Und unter dem Gezwitscher von einer Vogelstimmen-CD erklärt der Nördlinger Vogelkundler Wenzel Baierl, wie Nistkästen und Futterstellen gebaut werden und welche Arten in Wald und Flur vorkommen. Für ein paar Tage ist eine andere Welt in das Landratsamt Dillingen eingezogen.

Die Ausstellung im Landratsamt Dillingen ist bis Sonntag geöffnet. Donnerstag und Freitag zu den üblichen Bürostunden, Samstag und Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Sonntag von 13.30 bis 14.30 Uhr Pfostenschau (Hundeschau) und Standkonzert der Jagdhornbläser.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Mr.%20Singh.jpg
Porträt

Von Manitoba über Göllingen nach Äthiopien

ad__starterpaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket