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Gundelfingen

11.06.2019

Rummenigge: Zur großen Fußball-Karriere braucht es eine Menge Glück

Die Profis von morgen im Gundelfinger Schwabenstadion? Wer den Sprung in den bezahlten Fußball schaffen will, braucht auch eine große Portion Glück. Dies stellte Ex-Bayern-Kicker Michael Rummenigge (Mitte) bei seinem Fußball-Camp am Pfingstwochenende fest.
Bild: Karl Aumiller

Michael Rummenigge begeistert beim Camp seiner Fußball-Schule in Gundelfingen knapp 50 junge Kicker aus der Region. Der ehemalige Mittelfeldstar des FC Bayern kritisiert dabei eine Entwicklung im Jugendfußball.

Mit dem FC Bayern holte er drei Meistertitel, mit Dortmund den DFB-Pokal: Michael Rummenigge. Der Mittelfeld-Stratege wechselte 1981 als 17-Jähriger nach München. Anfangs hatte er keinen leichten Stand, weil er stets Vergleichen mit seinem Bruder Karl-Heinz, damals einer der besten Stürmer der Welt, standhalten musste. Aber Michael Rummenigge setzte sich durch. Heute betreibt der 55-Jährige unter anderem eine Fußballschule. Am Wochenende coachte der Ex-Profi im Schwabenstadion knapp 50 junge Kicker aus der Region beim Fuballcamp, das unsere Zeitung in Zusammenarbeit mit dem FC Gundelfingen präsentierte. Eine gute Gelegenheit, mit Michael Rummenigge zu sprechen.

"Nach dem Gewinn der Fußball-WM zu lange gefeiert"

Nach dem WM-Aus in der Gruppenphase vor einem Jahr in Russland stand der deutsche Fußball schwer in der Kritik. Haben Jogis Jungs den Kontakt zur Weltspitze verloren?

Michael Rummenigge: Wir haben 2014 nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien zu lange gefeiert. Und es wurde nach diesem Triumph versäumt, unsere Talente weiterzuentwickeln.

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Das ist eine Kritik an der Personalpolitik des Bundestrainers Joachim Löw.

Rummenigge: Wenn man einen Spieler wie Leroy Sané zu Hause lässt, dann muss sich ein Trainer hinterher schon die Frage gefallen lassen, ob das die richtige Entscheidung war. Nachher ist jeder klüger. Aber der Auftritt unserer Spieler war kraftlos. Da standen Weltmeister auf dem Platz, die satt waren.

Inzwischen hat Joachim Löw aber die Richtung geändert, Stammspieler wie Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng, der von Ihrer Agentur bis 2015 betreut wurde, wurden aus der Nationalelf befördert. Wie empfanden Sie den Rauswurf?

Rummenigge: Von der Sache her kann der Bundestrainer durchaus diese Entscheidung treffen. Die Art und Weise, wie das gelaufen ist, halte ich aber für keinen guten Stil. Ich habe dies über meinen Bruder Karl-Heinz mitbekommen. Die sind ziemlich spontan in München angekommen. Nach 20 Minuten war das Thema dann erledigt. Dies hätte man diesen verdienten Spielern wirklich in einem anderen Rahmen mitteilen können.

Für Breitner, Pfaff und den Bruder die Taschen getragen

Ihr Bruder Karl-Heinz Rummenigge war in den 1980er-Jahren vielleicht der beste Stürmer der Welt. War das für Sie ein Fluch oder doch eher ein Segen?

Rummenigge: Als ich 1981 mit 17 zu den Bayern kam, war Karl-Heinz bereits ein Weltstar. Vergleichbar heute mit einem Ronaldo. Ich bin meinen eigenen Weg gegangen, und es war zwei Jahre lang eine harte Arbeit. Es klingt abgedroschen, aber ich habe für Paul Breitner, Jean-Marie Pfaff und meinen Bruder die Taschen getragen und die Koffer geschleppt. In einem Spiel habe ich den drei die Stollen angeschraubt, als ich dann kurz vor dem Ende eingewechselt wurde, gelang mir das spielentscheidende 1:0.

Beim Blick auf die Weltspitze im Fußball: Haben wir in Deutschland zu wenig Talente – oder läuft in den Nachwuchsleistungszentren etwas falsch?

Rummenigge: Wir haben zu wenig Spielertypen, Straßenfußballer, die in entscheidenden Momenten etwas Verrücktes machen. Meiner Meinung nach verfolgen unsere Nachwuchsleistungszentren einen Irrweg. Da soll jeder Spieler alles können. Wir brauchen aber Individualisten und müssen die Stärken unserer Kicker fördern. Heute jammern alle, dass uns richtige Torjäger fehlen. Wir müssen darauf achten, dass sich die Jungs freier entfalten und ihre Stärken ausspielen können. Dann sollen sie dribbeln, und wenn sie fünf Mal hängen bleiben, gelingt vielleicht beim sechsten Mal die entscheidende Spielszene.

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119 Bilder
Drei Tage Fußball für die Nachwuchskicker
Bild: Karl Aumiller

Unsere einheimischen Talente schaffen aber meist den Sprung in die Bundesligen nicht, da werden dann Nachwuchskicker aus dem Ausland verpflichtet …

Rummenigge: Das ist der falsche Weg, denn auch in Deutschland gibt es viele talentierte Spieler. Die Vereine müssen darauf achten, dass jede Saison mindestens ein bis zwei Spieler aus der U19 und der U23 in den Profikader hochgezogen werden. Wenn Sie auf den FC Bayern schauen, wird die Sache klar: David Alaba war der letzte, der es aus der eigenen Jugend in die erste Mannschaft geschafft hat. Und das ist zehn Jahre her. Wir müssen unseren Talenten eine Chance geben.

Fantastische Bedingungen hier beim FC Gundelfingen

Sie sind hier in der schwäbischen Provinz gelandet, was haben Sie für einen Eindruck von Gundelfingen?

Rummenigge: Es sind fantastische Bedingungen hier beim FC Gundelfingen. Der Rasen im Schwabenstadion kann mit der Allianz-Arena in München und dem Signal-Iduna-Park in Dortmund mithalten. Der Einsatz der Fußballabteilung des FCG für unser Camp ist großartig. Nächstes Jahr feiert der FC Gundelfingen sein 100-jähriges Bestehen. Und da kommen wir wieder her, und hoffen, dass 100 Jungs und Mädels bei unserem Camp dabei sind.

Haben Sie hier Talente gesehen?

Rummenigge: Es sind einige Talente hier auf dem Platz in Gundelfingen. Und alle haben ein tolles Training gemacht.

"Der Traum vom Fußball-Profi kann schnell vorbei sein"

Was empfehlen Sie jungen Kickern?

Rummenigge: Trainieren, trainieren, trainieren. Talent ist das eine, Fleiß und Willen sind das andere. Auch wenn alle von der Championsleague träumen, darf die Schule nicht vernachlässigt werden. Wir brauchen ja auch intelligente Spieler. Zudem kann der Traum vom Fußball-Profi schnell vorbei sein. Und dann brauchen die Jugendlichen einen Beruf. Mein Sohn Marco war damals ein großes Talent, er spielte mit Marco Reus und Nuri Sahin in der U16 und war dort Kapitän. Dann fing die Misere mit dem Riss des Kreuzbands an. Mit 21 musste er dann seine Karriere beenden. Was ich damit sagen möchte: Zu einer großen Karriere braucht es auch eine Menge Glück.

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