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Fußball

15.11.2020

Wenn um 15 Uhr die Pfeife stumm bleibt

Fußball-Schiedsrichter in der Corona-Zwangspause: Sarah Eser kann gegenwärtig allenfalls unserem Fotografen die Gelbe und Rote Karte zeigen.
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Fußball-Schiedsrichter in der Corona-Zwangspause: Sarah Eser kann gegenwärtig allenfalls unserem Fotografen die Gelbe und Rote Karte zeigen.
Bild: Karl Aumiller

Plus Corona-Zwangspause: Was Schiedsrichter aus dem Landkreis Dillingen machen, anstatt am Sonntag Spiele zu leiten und farbige Karten zu verteilen. Wir sprachen mit Referees der Gruppe Donau, denen ihr Hobby sehr fehlt.

„44 Fußballbeine rasen hin und rasen her“, textete Mitte der 70er-Jahre Fredl Fesl in seinem „Fußball-Lied“. Nicht mitgezählt hatte er hierbei die beiden Schiedsrichter-Beine. Dem Referee widmet der bayerische Kult-Barde etwas später im Liedtext eigene Zeilen: „Einer ist meist schwarz gekleidet. Hat ein Ding, auf dem er pfeift. Und die Spieler sind beleidigt, wenn er in die Tasche greift.“

Zeitsprung ins Jahr 2020: Sonntagnachmittag, 15 Uhr, gleich ertönt ein schriller Pfiff – und das runde Leder rollt. So war es zumindest, ehe das lästige Coronavirus die Fußballer des Landkreises von ihren Spielfeldern verscheuchte. Seit November lastet für dieses Jahr endgültig bleierne Stille auf den Sportstätten. Keine Partien werden zur Kreisliga-Primetime angepfiffen, keine Anfeuerungsrufe hallen durch den herbstlichen Nebeldunst. Doch nicht nur Kicker, Zuschauer und durstige Vereinsheimhocker bleiben bis zum Frühjahr ausgesperrt. Auch eine weitere wichtige Fußball-Partei kann ihrem Hobby aktuell nicht nachgehen: die Schiedsrichter – männlich wie weiblich.

Was aber tut ein Referee, wenn er keine Fouls ahnden, Abseitsstellungen anzeigen oder verhaltensauffälligen Spielern farbige Karte unter die Nase halten darf? Wir hörten uns bei einigen Spielleitern der SR-Gruppe Donau um.

Zeit für Landwirtschaft und Freund

„Mir fehlt am Wochenende jetzt schon der Ausgleich zur Arbeit“, sagt Sarah Eser aus Aislingen-Windhausen. Die 19-Jährige ist seit 2018 Schiedsrichterin und hatte seither 60 Einsätze im Nachwuchsbereich und bei den Erwachsenen der B-Klasse, rund ein Dutzend davon im laufenden Jahr. Mehr werden es 2020 wegen Corona nun nicht mehr werden. Eser: „Mein letztes Spiel habe ich vor drei Wochen geleitet – C-Jugend in Lauingen.“ Ohne das Schiedsrichter-Hobby hat sie nun mehr Gelegenheit, „um daheim meinem Papa in der Landwirtschaft zu helfen“, oder Zeit mir ihrem Freund zu verbringen. Groß an ihrer Kondition muss Sarah Eser nicht arbeiten: „Die baut sich bei mir nicht so schnell ab. Sonst mache ich halt Fitness im Studio, aber das geht zurzeit ja auch nicht.“

Der Untermedlinger Referee Thomas Spägele erkundet mit seiner Frau Conny (unteres Bild) die E-Bike-Strecken in der Region.
Bild: Aumiller

Etwa 50 Spiele leitet Thomas Spägele in einem normalen Jahr, heuer hat er es gerade mal auf vier gebracht: „Eines im Frühling, drei im Herbst“, zählt der 56-Jährige auf: „Dafür bin ich mit meiner Frau unbandig viel auf unseren E-Bikes im Landkreis unterwegs.“ Statt Kilometer auf dem Fußballfeld abzuspulen, hat er rund 1800 auf dem Fahrradsattel verbracht. Der Maschinenschlosser hat in seiner aktiven Zeit als Fußballer 700 Spiele für den FC Medlingen bestritten „und mit 46 Jahren noch ein Tor in der ersten Mannschaft geschossen“, wie er schmunzelnd anmerkt. Anschließend wurde der Schiedsrichter-Schein gemacht. Spägele fehlt nun der persönliche Kontakt zu seinen Referee-Kollegen: „Online ist ok, aber kein gleichwertiger Ersatz für die Versammlungen.“ Auch der Kontakt zu anderen Menschen auf dem Sportgelände ist ihm wichtig. Um Fußball zu erleben, trieb es den Untermedlinger sogar über die Landesgrenze nach Württemberg, wo ja nach dem ersten Lockdown schon früher als in Bayern wieder gekickt werden durfte: „Bei einem WFV-Pokalspiel in Sontheim hat sich der Schiedsrichter-Kollege verletzt – und ich bin ab der Halbzeit für ihn eingesprungen.“

Die Leidenschaft kann nicht ausgelebt werden

Erst seit 2018 geht Reinhard Badke aus Lauterbach seinem Schiedsrichter-Hobby nach: „Sonst 40 bis 50 Mal im Jahr. Seit März war ich aber wegen Corona kaum im Einsatz. Also, ich vermisse das eindeutig.“ Statt auf dem Sportplatz verbringt er jetzt Zeit mit seinen drei Söhnen, von denen zwei auch Schiedsrichter sind, und hält sich mit ihnen im hauseigenen Fitnessstudio in Form. Sein Wunsch ist, dass die Fußball-Vereine im Frühjahr wieder mit ihrer Vorbereitung beginnen können. Er findet: „Für jede Art von Freizeitsport sind das gerade schon massive Einschränkungen: Die Leidenschaft ist da, aber man darf sie nicht ausleben.“

Schiedsrichter Clemens Kraus (links) hält sich mit Joggen fit für einen Re-Start nach der vorzeitig ausgerufenen Winterpause im Frühjahr.
Bild: Aumiller

Obwohl erst 17 Jahre alt, bringt es Clemens Kraus bereits auf insgesamt 300 Einsätze. Kein Wunder, schließlich hat der Gymnasiast schon mit zwölf seinen Neulingskurs bei der Schiedsrichter-Gruppe Donau absolviert. „Es war schön, zwischendrin mal wieder einige Spiele pfeifen zu können“, sagt der junge Mann aus Altenmünster über das Corona-Jahr.“ 15 Spielleitungen stehen für ihn 2020 zu Buche. Um sich fit zu halten, trainiert Kraus vor allem seine Ausdauer mit Laufen und Radfahren. Er wünscht sich, dass möglichst bald ein Corona-Impfstoff zur Verfügung steht und die Saison 2019/21 dann zu Ende gebracht werden kann, „zur Not kann ja der Ligapokal wegfallen“. Sein Fazit für sich persönlich: „Das Erlebnis Schiedsrichter ist nicht einfach zu ersetzen.“

Allen von uns befragten Schiedsrichtern spricht Sarah Eser aus der Seele, wenn sich auf das Ende der kürzlich wegen Corona vorzeitig ausgerufenen Winterpause blickt: „Ich hoffe wirklich, dass es dann im März wieder losgeht mit dem Fußball.“

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