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28.11.2009

Archäologischer Sensationsfund aus Daiting

Daiting Unspektakulärer könnte eine Weltsensation wohl kaum vor dem Gebäude der bayerischen Staatssammlung vorfahren. In einem blauen Volvo bringt Raimund Albersdörfer zwei millionenschwere Exemplare versteinerter Archaeopteryxe von Eichstätt nach München. Einer davon ist der bisher verschollene Urvogel Nummer acht. Ende der 80er Jahre wurde er in einem Daitinger Steinbruch gefunden und war seit dieser Zeit verschwunden.

Mysterien rankten sich um das in Fachkreisen "Phantom" genannte Exemplar, denn niemand hatte es im Original zu Gesicht bekommen. Lediglich ein Abdruck tauchte 1996 über einen Mittelsmann bei einer Sonderausstellung in Bamberg auf. Eine dicke Steinplatte. Am rechten Rand ist sie abgebrochen. Dort liegt das Tier. Rund 20 Zentimeter hoch, zehn breit. Neun Knochen und ein zerquetschter Schädel.

Wie vom Erdboden verschluckt

Nach der Ausstellung war es wieder wie vom Erdboden verschluckt. Niemand wusste, wer der Besitzer ist. Bis sich Albersdörfer in diesem Jahr auf die Suche machte. Den Fossilienhändler hatte der Ehrgeiz gepackt. Auf der Mineralienmesse in München Ende Oktober wollte er einen der zwei verschollenen Urvögel präsentieren. Nummer drei ist immer noch unauffindbar, aber durch seine guten Kontakte fand Albersdörfer die Nummer acht. Er hatte Glück. Der Besitzer hatte inzwischen das Interesse an dem Vogel verloren und bot es Albersdörfer zum Kauf an. Und der schlug zu.

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"Der Archaeopteryx ist wie eine unerreichbare Ikone. Zu wissen, dass er jetzt meiner ist, ist ein interessantes Gefühl", erzählt er. Wie viel er für das einzigartige Exemplar bezahlen musste, verrät er aber nicht. Fossilienhändler können schweigen.

Aber Albersdörfer ist auch Paläontologe. Er hat sich nicht nur dem Handel von Fossilien, sondern auch deren Erforschung verschrieben und deswegen setzt er sich dafür ein, dass das seltene Exemplar der Wissenschaft zugänglich bleibt. Als erste Station nach der Mineralienmesse stellte der Franke seinen Urvogel deswegen dem Solnhofer Bürgermeister-Müller-Museum zur Verfügung. Gut drei Wochen waren dort vier der zehn bisher gefundenen Archaeopteryxe zu sehen. Vergangene Woche packte Albersdörfer seinen Urvogel sowie die Leihgabe Urvogel Nummer zehn in einen schwarzen Hartschalenkoffer und fuhr sie nach München. "Security und gesicherte Autos wären viel auffälliger als mein Volvo", sagt Albersdörfer, während er die historischen "Kronjuwelen" der Forschung auf der Rücksitzbank verstaut. Die einzige Sicherheitsmaßnahme: Pinkelpausen sind verboten.

In der Staatssammlung soll gerade das Daitinger Exemplar richtig unter die Lupe genommen werden. So manches Geheimnis könnte der Urvogel aus dem Schiefer-Randgebiet noch verbergen. Er ist nämlich der erdgeschichtlich jüngste Archaeopteryx. Die Gesteinsschicht, in der er gefunden wurde, ist einige hunderttausende Jahre jünger, als jene, in denen die anderen Urvögel lagen. "In der Zwischenzeit könnten sich die Tiere weiterentwickelt haben", erklärt Albersdörfer. Oder auch nicht. Aber auch diese Erkenntnis würde der Wissenschaft weiterhelfen.

Der Steinbruch ist verfüllt

Die Daitinger nehmen den Rummel um "ihren" Archaeopteryx gelassen hin. Auch sie haben erst vor Kurzem erfahren, dass einer der entwicklungsgeschichtlich bedeutendsten Funde aus ihrer Gemeinde stammt. Bürgermeister Johann Roßkopf freut sich, dass das Tier nach dem Fundort benannt wurde: "'Daitinger Archaeopteryx' klingt doch toll." Wer das Tier gefunden hat, weiß auch er nicht. Der Fundort ist inzwischen verfüllt. Gestrüpp überdeckt den ehemaligen Steinbruch. Doch das Interesse an den Daitinger Gesteinsschichten ist durch das Auftauchen des Archaeopteryx neu entfacht worden. "Ein Paläontologe interessiert sich für ein rund drei Hektar großes Areal", erzählt der Bürgermeister. Die Gemeinde habe sich aber noch nicht entschieden, ob sie verkaufen wird. Vor Jahren musste die Kommune das Grundstück bei der Flurbereinigung kaufen, weil keiner den schlechten Acker mit der steinigen Erde wollte, wie Roßkopf sagt. Dass Millionenfunde darin stecken, konnte damals keiner ahnen. Die Gemeinde jedenfalls hat nicht das nötige Kleingeld, auf Schatzsuche zu gehen.

Die Fossilienjagd ist ein mühseliges und teures Geschäft. Denn wer garantiert, dass noch mehr Urvögel in das Meer gespült wurden, das vor 150 Millionen Jahren die Region überschwemmte? Die Gegend war von einem subtropischen Schelfmeer bedeckt, kleine Inseln ragten aus dem flachen Wasser, auf denen der Archaeopteryx vermutlich lebte. Nur wenn seine Leiche ins Meer gelangte, auf den Grund sank und dort schnell vom sauerstoffarmen Sediment überdeckt wurde, bestand die Chance für ihn, zum Fossil zu werden. Die Suche danach, Millionen Jahre später, gleicht der nach einer Stecknadel im Heuhaufen.

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