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DAFF-Festival

12.05.2018

Bewegte Bilder, bewegende Bilder

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6 Bilder
Im Film „Backstage“ von Marc Eggers erleben die Zuschauer die Vorbereitungen für ein Konzert des Sängers Seal (im Bild) mit. Heidi Klum stellte den Kontakt her.

Wie nicht-kommerzielle Filmemacher aus ganz Deutschland in der Tillystadt mit Niveau und Know-how begeistern. Bis Sonntag gibt es noch viel zu sehen.

Rain Der Abspann von „Backstage“ lässt Imposantes vermuten, denn die Liste an Mitwirkenden will schier kein Ende nehmen. Sie fühlt sich – unterlegt mit einschmeichelnder Musik – wie im Kino an. Zwei Namen stechen besonders hervor: der des berühmten Sängers Seal und der von Heidi Klum. Um Seal ging es im Film, der die Arbeit hinter den Kulissen eines Konzerts dokumentiert. Und Heidi, die Mütter aller Models, die in den USA lebt, hat wohl den Kontakt hergestellt. Also doch Hollywood? Also doch großes Kino?

Mitnichten! Was sich seit Donnerstag in der umfunktionierten Rainer Dreifachsporthalle auf Großleinwand abspielt und dort noch bis Sonntag andauert, findet fernab jener Filmindustrie statt und auch weit abseits der Aufmerksamkeit, die Cineasten den amerikanischen Blockbustern schenken.

Leider – muss man sagen! Denn ist es auch kein großes Kino, was dort über die Leinwand flimmert, so ist doch allemal großartig, was nicht-kommerzielle Filmemacher zustande bringen. Ohne gigantische Budgets – freilich mit Kreativität, Originalität, Leidenschaft, Herzblut und handwerklichem Know-how. Oder, wie Wolfgang Volker zu sagen pflegt: „Mit Körper, Geist und Seele.“ Der Hobbyfilmer aus Viersen bei Düsseldorf hat extra 680 Kilometer zurückgelegt, um bei den Deutschen Autoren-Filmfestspielen in Rain dabei zu sein. Er selbst konnte diesmal keinen Wettbewerbsbeitrag nominieren, beobachtet aber voller Interesse, welche Produktionen laufen. „Alle Filme, die hier gezeigt werden, ob Dokumentationen, Natur- oder Fiktionsfilme haben Sinn und Verstand, denn unser Anspruch ist hoch.“

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Wer an den beiden ersten Tagen den Weg in die Rainer Dreifachsporthalle gefunden hat, weiß, wovon Wolfgang Volker spricht. Und stimmt dem zu, was seine Frau und Jury-Mitglied Iris Lindemann so ausdrückt: „Die Bilder müssen sprechen. Man muss die menschlichen Hintergründe, die Atmosphäre und das Anliegen, die Botschaft, die ein Film hat, spüren.“

Botschaften gibt es viele an diesem Wochenende. Oft geht es um die Schönheit der Natur – im eigenen Lebensraum, aber auch in exotischen Gefilden. Simone und Frank Thernes aus Hamburg etwa verbinden zwei Leidenschaften: die des Tauchens und die des Filmens. Sie haben die Unterwasserwelt der Karibik erspürt und zeigen unter dem Titel „Jäger“ den Kampf gegen den Feuerfisch, der sich ausgebreitet hat und ein sensibles ökologisches Gleichgewicht zu zerstören droht. Sie haben leuchtende Bilder faszinierender Meeresbewohner eingefangen und tauchen mutig mit den Haien. „Haie sind Raubtiere, das schon“, erklären sie hinterher dem staunenden Publikum, „aber sie sind kalkulierbar.“

Die Botschaft der Hoffnung ist es, die Frank Lauter in „Braunsbach – Leben nach der Flut“ transportiert. Er war mit seiner Kamera in dem württembergischen Dorf, das 2016 von völlig entfesselten Naturgewalten überschwemmt wurde und sich in einer Lawine aus Schlamm und Geröll wiederfand. „Die Not schweißt die Menschen zusammen, die ihre Existenzen davon schwimmen sehen“, ist die tröstliche Erkenntnis und die bewundernswerte Haltung, die am Ende stehen bleibt.

Botschaften können aber auch gänzlich ohne Worte auskommen, wie in der Produktion „Into the Battle“, die Soldaten und Angehörige vor der großen Schlacht von Jena und Auerstedt zeigt. Filmemacher David Cebulla hat faszinierende Bilder bei einem historischen Spektakel eingefangen, bei dem dieses Ereignis inszeniert wurde. Er lässt diese Momente auf den Zuschauer wirken – einzig mit von Melancholie getragenen Tönen, ohne jeglichen Text.

Und oft geben Filme auch sehr private, sehr persönliche Dinge ihrer Macher preis, die sich damit auch verletzbar machen. „Zwischen den Zeilen“ ist eine solche Produktion, gedreht von Marijan Gomboc. Ein sehr leiser Spielfilm über eine Frau, die so sehr in ihrer eigenen Welt lebt, dass ihre engsten Angehörigen nicht an sie herankommen. Ein Film zwischen Herbstlaub, Schweigen und Angst – zwischen Erinnerungen, Vergessen und Sehnsucht.

Doch auch das Lachen kommt nicht zu kurz. Etwa als Florian Jankowsky und Silvia Friedrich in bewegten Bildern schildern, wie sich Kundin und Verkäufer im Supermarkt beinahe erotisch über Klopapier unterhalten. „Das volle Programm“ – so der Titel dieses hochkomischen Vier-Minuten-Streifens.

Die Filmleute, die nach Rain gekommen sind, sind eine große Familie. Nur rund 10000 Mitglieder hat der Bundesverband deutscher Filmautoren (BDFA). Wer sich da auf Festivals trifft, kennt sich. Sie umarmen sich zur Begrüßung, sind alle per Du, selbst Marcus Siebler, der Präsident des BDFA ist nicht in abgehobener Position, sondern einer von ihnen. Auch Willi Berner und seine Vereinsfreunde vom Filmclub Rain, die Ausrichter vor Ort, kennen sie alle. Dennoch wollen die Amateur-Filmer nicht unter sich bleiben. Sie wünschen sich mehr öffentliche Wahrnehmung und die Chance, Außenstehenden zeigen zu dürfen, was sie bewegt und was sie können. „Wahrscheinlich ist der Wettbewerb mit der Fernbedienung einfach zu hart“, mutmaßt Wolfgang Volker. „Wenn man daheim bequem auf dem Sofa liegen kann und sich per Knopfdruck Filme aller Art holt, dann tun wir Filmautoren uns einfach schwer mit dieser Konkurrenz.“

Doch wen sie einmal gepackt haben, für diese Art von Filmen begeistern konnten, den lässt die Faszination so schnell nicht los. Die belgischen Eheleute Christian Surdiacourt und Martin Bracke drehen selbst keine Filme, sind aber 900 Kilometer aus Gent angereist und sitzen nun gebannt vor der Großleinwand in Rain. „Wir gehen von Festival zu Festival“, erzählen sie „und sind jedes Mal neugierig auf all diese Themen und Umsetzungen. Denn Film ist in jedem Land anders.“ Im April war das Ehepaar in England, im Anschluss an Rain geht es weiter an den österreichischen Attersee – auf zu neuen Filmen.

Das ist die eine Seite – die der faszinierten Zuschauer. Und die andere, die der Macher? „Filmen ist wie ein Virus, das einen befällt“, so erlebt es Frank Lauter stets aufs Neue. „Wenn es ausbricht, dann muss man raus. Dann muss man neue Bilder einfangen ...“

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