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Landkreis Donau-Ries

26.11.2020

Corona-Lockdown: Für Berufskünstler geht es um die Existenz

Der Bariton Franz Xaver Schlecht aus Oberpeiching in seiner letzten Aufführung vor dem zweiten Lockdown „Amadeus Musicus“. Der 38-Jährige hat Glück, einen festen Vertrag an der Oper in Leipzig zu haben.
Foto: Roberto Cacciato

Plus Für Profikünstler kann es eng werden. Wer ein zweites Standbein oder festes Engagement hat, kann sich glücklich schätzen. Für andere sieht es düster aus.

Franz Xaver Schlecht steht gerade auf der Bühne der Dresdner Semperoper. Er singt und spielt mit ganzer Leidenschaft den Part des Hans Scholl. Es ist Probentermin für die Kammeroper „Die Weiße Rose“ und der 38-jährige Berufssänger, der aus Oberpeiching stammt, hat zu tun. Premiere hätte schon am 9. Oktober sein sollen. Hätte! Denn wie alles Kulturelle in diesen Tagen fiel auch der öffentliche Start dieser Inszenierung der Corona-Pandemie zum Opfer. Auch der geplante Nachholtermin im Dezember ist pure Illusion. Hinter allem steht ein dickes Fragezeichen.

Wenigstens Proben sind erlaubt

Trotzdem ist Franz Xaver Schlecht halbwegs guter Dinge. Denn während die Semperoper beim ersten Lockdown noch komplett geschlossen war, hat jetzt lediglich das Publikum keinen Zutritt. „Wir Sänger und Musiker dürfen proben!“, erzählt er. Verhaltene Freude klingt aus seiner Stimme: Wenigstens das ist erlaubt!

Franz Schlecht darf sich in der momentanen Lage vergleichsweise glücklich schätzen. Er wird nicht wie andere Berufskollegen in Hartz IV fallen. In Dresden singt der Bariton zwar als Gast und weiß deshalb nicht, ob er außer einer Aufwandsentschädigung für die Proben irgendeine Gage bekommt. Aber an der Oper Leipzig ist er festes Ensemblemitglied mit Tarifvertrag. „Wir sind in Kurzarbeit“, schildert er, „aber ich komme auf 95 Prozent meines dortigen ursprünglichen Gehalts.“

"Was macht diese Situation mit uns als Menschen?"

Trotzdem rechnet er mit ordentlichen Einbußen, wenn er entgangene Engagements und Steuerabzüge durch das Kurzarbeitergeld berücksichtigt. Zwischen September und November hat er in vier verschiedenen Produktionen gesungen. Am 1. November fand die Premiere des Kinderstücks „Amadeus Musicus“ statt. Danach war Schluss. Franz Xaver Schlecht sieht den Lockdown bedenklich – mit all seinen Auswirkungen auf die Menschen. „Natürlich bin ich froh, dass wir in Deutschland nicht den Trump’schen Weg gehen“, stimmt er den Einschränkungen zu. „Wir müssen auf Corona reagieren. Aber es ist auch immens wichtig, dass wir Lebensfreude erhalten.“ Der Sänger fragt sich, „was diese seltsame Situation mit uns als Menschen macht“.

"Wir müssen einen Weg finden, lebendig zu bleiben"

Wenn Schlecht zur Probe in die Semperoper kommt, ist er dankbar, dass die Kantine geöffnet hat. Das Zusammentreffen mit anderen ist für ihn eine Freude. „Isolation hat Folgen für unsere seelische Gesundheit“, weiß er. „Viele Menschen haben mit Depressionen zu kämpfen. Wir müssen einen Weg finden, lebendig zu bleiben.“ Kritik übt der 38-Jährige daran, wie sich der Staat seinen Künstlern gegenüber verhält. „Ich persönlich kann mich beschäftigen und habe im Unterschied zu anderen auch keine Existenz bedrohenden Schwierigkeiten. Aber wir geraten zur Zeit dauernd in die unterschwellige Diskussion um die Frage: Brauchen wir Kunst und Kultur überhaupt?“

"Wir sind Menschen und keine Maschinen"

In diesem Bereich werde ohnehin generell gespart, sagt Schlecht. Erst recht würden jetzt Gelder dafür gekürzt. Er warnt vor den Auswirkungen: „Wir sind Menschen und keine Maschinen. Wir haben die Sehnsucht, uns zu treffen und all das, was Kultur bietet, zusammen zu erleben. Das macht uns als Gesellschaft aus!“

Bittere Zeiten bedeutet Corona für die Jazzerin Luisa Hänsel.
Foto: Roberto Cacciato

Luisa Hänsel hatte alles auf eine Karte gesetzt

Für Luisa Hänsel (29) aus Oberndorf kam Corona zum denkbar ungeeignetsten Zeitpunkt. Die Klarinettistin und Jazzsängerin hatte nach ihrem Musikstudium in Nürnberg gerade ihre sichere Einnahmequelle als Instrumentallehrerin an der Städtischen Musikschule in Rain aufgegeben. Sie begann im September 2019 den Masterstudiengang in Jazzgesang am Königlichen Konservatorium in Brüssel – doch dann kam der erste Lockdown im März und setzte diesem musikalischen Neustart ein Ende. „Ich hab alles auf eine Karte gesetzt und letztlich die A...karte gezogen, weil plötzlich alles weggebrochen ist“, sagt sie.

Momentan lebt sie vom Ersparten

Mit ihrem Jazz-Quintett war sie das ganze Jahr über gebucht, wollte ins Studio gehen, doch dann wurde alles auf Eis gelegt. „Wir sind zur Untätigkeit verdammt.“ Das einzige, was bleibt, ist, im stillen Kämmerchen zu üben und Noten zu Papier zu bringen. „Eigentlich steht im Dezember ein längst geplantes Advents-Projekt mit vier Konzerten an“, erzählt Luisa Hänsel, „aber dieses Vorhaben hängt wie ein Damoklesschwert über uns. Nicht zu wissen, wann man überhaupt wieder auftreten kann, das macht ja auch emotional etwas mit einem.“

Während des ersten Lockdowns hat Luisa Hänsel in einem Hopfengarten gejobbt. Das hat ihr finanziell über die Runden geholfen. Momentan hat sie keine Arbeit. Sie lebt vom Ersparten, das bald aufgebraucht ist. Ihrem Freund, mit dem sie zusammen gerade am Bodensee lebt, ergeht es nicht anders. Er ist Posaunist.

"Wir haben keine Lobby"

Angesichts dieser existenziellen Bedrohung empfindet es Luisa Hänsel als Hohn, was sie von den Politikern hört. „Da heißt es, wir sollen uns in Geduld üben und uns Kulturschaffenden gebührt höchster Dank. Aber das bringt nichts. Von tollen Reden können wir nicht abbeißen. Es gibt ja Milliarden-Förderpakete für Unternehmen, aber für die Kultur bleibt nichts.“

Oft hat Luisa Hänsel schon gehört, Musiker würden ihr Hobby als Beruf ausleben. Das macht sie wütend: „Die Kulturbranche ist ein Riesen-Wirtschaftszweig. Da werden Milliarden umgesetzt und es sind unglaublich viele Menschen beschäftigt. Aber wir haben keine Lobby.“

Wirtschaftliche Einbußen auch für „Kapfer & Kapfer“.
Foto: Roberto Cacciato

Alle Bühnenauftritte sind abgesagt

Viel Zeit verbringen die Zwillingsbrüder Alfred und Stefan – besser bekannt als „Kapfer & Kapfer“ – derzeit im eigenen Studio. Etwas anderes bleibt den 51-Jährigen nicht übrig, da sämtliche Bühnenauftritte abgesagt sind. „Es fühlt sich seltsam an, wenn dich der Staat in den Vor-Ruhestand schickt und du keinen Cent bekommst. Wir sind ja nicht systemrelevant“, sagt Alfred Kapfer.

Für gewöhnlich touren die Brüder mit ihren selbst komponierten deutschen Schlagern in Deutschland, Österreich und der Schweiz oder spielen auf Tanzveranstaltungen – „daraus generiert sich unser Haupteinkommen“, wie der Mertinger Alfred Kapfer sagt. Doch heuer geht da gar nichts. Was also bleibt zu tun? „Wir haben grade unsere neue digitale Single ’Engel in Blue-Jeans’ herausgebracht und arbeiten an weiteren Songs für uns und für andere – quasi auf Vorrat für die Zeit nach Corona. Denn da jetzt keiner auf die Bühne kann, fragen auch andere Künstler kaum bei uns nach Liedern nach, die wir für sie komponieren könnten.“

Das Duo lebt von seinen Reserven

Finanziell bekommt das Duo die Krise gehörig zu spüren. „Wir leben von unseren Reserven, aber das funktioniert nur vorübergehend. Und dann haben wir ein paar Gema-Einnahmen. Unterstützung haben wir durch unsere Ehefrauen, die beide auch berufstätig sind.“ Alfred Kapfer hofft, dass sich der Staat einen finanziellen Ausgleich für Künstler einfallen lässt. Sollte sich die momentane Situation zum Dauerzustand ausweiten, sieht er schwarz für viele: „Die kleinen Künstler wird es dann irgendwann gar nicht mehr geben.“

Vorsicht vor Covid 19 hält der Musiker und Sänger für wichtig – nicht allerdings die Angst vor dem Virus. „Corona ist da, aber wir dürfen es nicht übertreiben. Alles Übertriebene ist nicht gut“, findet er. Wonach er sich neben seiner gewohnten Berufsausübung sehnt, ist ein Stück weit die verlorene Normalität: „Wir wollen uns einfach wieder treffen dürfen und miteinander lachen.“

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