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Bäumenheim-Hamlar

08.06.2018

Die Rockmusik lebt in Hamlar weiter

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„Nashville“, „Jenseitz“ und „Rockmusik Hamlar“ – die Namen der Diskothek änderten sich, doch ansonsten blieb vieles gleich: (von links) DJ Achim Mayinger, Gründer Horst Scheidl, der aktuelle Betreiber Tom Schmidberger und DJ Stefan Schmidt-Bilkenroth.
Bild: Wolfgang Widemann

In dem Dorf im südlichen Donau-Ries-Kreis verwandelte sich vor 40 Jahren die Bahnhofsgaststätte in eine Musikkneipe. Die existiert noch immer. Vieles hat sich in der ganzen Zeit kaum verändert.

Wenn Horst Scheidl die einstige Bahnhofsgaststätte in Hamlar betritt, fühlt er sich wie mit einer Zeitmaschine zurückversetzt. Beim Betreten der abgedunkelten Räume, die spärlich beleuchtet sind, deren Wände die Gemälde von längst verblichenen Rockmusik-Stars und Konzertposter schmücken und mit jeder Menge Aufkleber teilweise zugepflastert sind, fühlt sich der 68-Jährige an die späten Siebziger zurückversetzt: „Es hat sich praktisch nichts verändert.“ Scheidl hat 1978 zusammen mit einem Kumpel in Hamlar eine Rockdisco eröffnet. Vielleicht ist Musikkneipe der bessere Begriff. Die gibt es auch 40 Jahre später noch. Die Einrichtung ist weitgehend die Gleiche geblieben, aus dem Lautsprechern kommt nach wie vor hauptsächlich klassischer Rock. „Rockmusik Hamlar“ lautet auch der momentane Name des Lokals.

Vor vier Jahrzehnten hieß der Laden noch „Nashville“. Es war die Idee eines DJs, die Disco nach der Musikstadt in den USA zu benennen. Horst Scheidl und sein Kumpel wollten damals einen Gegenpol zu den „Möchtegern-Schickimicki-Diskotheken“ schaffen, in denen hauptsächlich Schlager und Popmusik gelaufen seien, „aber nichts von Pink Floyd“. Die jungen Männer telefonierten Brauereien in der Region ab und fragten, ob sie geeignete Räume verpachten. In Unterbaar hatten die Rockmusik-Freunde Erfolg. Die dortige Brauerei, welche die Bahnhofsgaststätte angemietet hatte – was übrigens auch heute noch der Fall ist – verpachtete diese an das Duo. Dieses baute in die Wirtsstube eine Theke. Der frühere Tanzsaal diente fortan als eigentliche Disco. „Zwei Tage vor der Eröffnung ging uns das Geld aus, aber wir hatten noch keine Tische“, erinnert sich der gebürtige Bäumenheimer. Der bekam von seiner Oma 400 D-Mark: „Davon kauften wir uns Tischlerplatten und bauten uns die Tische selbst. Das Material für die Füße haben wir uns aus dem Wald geholt.“

Am 12. Mai 1978 startete in der Bahnhofswirtschaft eine neue Ära. Vor allem junge Leute seien anfangs gekommen. Das „Nashville“ sei gut besucht gewesen. Mit Konzerten sei man dann in einem weiteren Umkreis bekannt geworden. Als erste Band trat Scheidl zufolge die Band Bullfrog auf. Einen Rekordbesuch mit rund 400 zahlenden Gästen habe man beim Gastspiel der deutschen Krautrock-Gruppe Guru Guru verzeichnet. „Bis aus München, Ulm und Nürnberg kamen Leute zu uns.“ Im Sommer habe so mancher von Freitag auf Samstag im Auto vor dem „Nashville“ übernachtet.

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Das verdiente Geld steckten die Betreiber auch in die weitere Einrichtung des Lokals. Dazu gehörte eine Lüftung – wobei diese kaum Wirkung zeigte, wenn der Laden voll war und kräftig geraucht wurde. Nach etwa einem Jahr stieg Scheidls Partner aus. Die alte Küche und einen Abstellraum verwandelte Scheidl, der mit seiner Familie im ersten Stock wohnte, in die „Teestube“. Er selbst machte nach einem weiteren Jahr in Hamlar Schluss: „Ich brauchte was Neues. Außerdem war ich eigentlich kein Wirt. Es war aber eine tolle Zeit.“

Es übernahm ein neuer Pächter, das Konzept blieb unverändert. Nur der Name änderte sich irgendwann. „Jenseitz“ hieß jetzt die Diskothek. Die hatte und hat stets an drei Tagen geöffnet: mittwochs, freitags und samstags. Achim Mayinger war 17 Jahre alt, als er 1990 erstmals als DJ in Hamlar tätig war, zunächst mittwochs: „Ich fing mit 40 bis 50 Langspielplatten an. Von jeder ein Lied, das hat für einen Abend gereicht. Mit dem Honorar habe ich gleich neue Scheiben gekauft.“ Mayinger, der aus Oberndorf stammt und zwischenzeitlich in Rain lebt, ist auch heute noch regelmäßig am Mischpult. Gleiches gilt für Stefan Schmidt-Bilkenroth, 51, der ebenfalls seit Anfang der 1990er Jahre zum DJ-Team in Hamlar gehört. Damals lebte er in Gersthofen und war längst Stammgast in der Rockdisco, ehe er in dieser selbst für die Musik sorgte. Die Songs der Rolling Stones, von Led Zeppelin und Deep Purple gehören noch immer zum Repertoire. Es würden aber auch neuere Stücke gespielt, betont Mayinger: „Man geht schon auch mit der Zeit, aber bleibt im Stil.“ So haben auch beispielsweise die Red Hot Chili Peppers oder die Fantastischen 4 ihren Platz.

Die DJs merken an: „Es gibt wohl keine Disco, in der an einem Abend so viele Musikrichtungen gespielt werden.“ Denn zur Rockmusik gesellten sich Reggae, Irish Folk, Pop, Heavy und zwischendurch Weltmusik, etwa von Mari Buine. „Es läuft fast alles, außer Schlager und Klassik“, erklärt Schmidt-Bilkenroth, der mittlerweile in Donauwörth lebt.

Die DJs sind auch stolz darauf, dass der Neuburger Musiker Andreas Pichler, besser bekannt als Pichi, für die Kult-Kneipe im südlichen Donau-Ries-Kreis einen eigenen Song geschrieben und mit seiner Band Colourful Leaves eingespielt hat. „Hamlar, Hamlar, time stands still“ – „die Zeit steht still“ – lautet der Refrain.

Der Betrieb der Diskothek ging im neuen Jahrtausend weiter – auch nach dem Rauchverbot in Gaststätten.

Seit 2011 ist Tom Schmidberger der – inzwischen siebte – Pächter. Auch er war schon als Jugendlicher Stammgast, arbeitete dann am Ausschank und wurde von seinem Vorgänger gefragt, ober er das „Rockmusik Hamlar“ weiterführen wolle. Der Diplom-Geograf sagte zu – und ist nun Wirt im Nebenjob. Nach Jahren, in denen die Besucherzahlen zurückgegangen seien, habe sich die Situation stabilisiert, berichtet der 38-Jährige.

„Bis jetzt läuft es“, sagt er. Möglich sei es nur, weil seine Frau mitspiele und das Team aus langjährigen Mitarbeitern funktioniere. Das 40-jährige Bestehen wird nun am Freitag, 8. Juni, und Samstag, 9. Juni, mit dem Sommerfest gefeiert, bei dem an beiden Abenden jeweils zwei Bands auftreten: am Freitag Jingo-Lo-Ba (Santana-Cover) und The Shadow Lizzards (Vintage Rock) sowie am Samstag Scarlet Fall (Punkrock/Metal) und Triptonus (Stoner/Psychedelic).

DJ Stefan denkt in diesem Moment auch gleich an die Zukunft. „Bis 50 Jahre machen wir das“, sagt er mit Blick zu Schmidberger. Der bestätigt sogleich: „Gut, bis zum 50-jährigen Bestehen machen wir weiter.“ An der Einrichtung und an der Musik in dem alten Gemäuer, an dem außen der Putz bröckelt, wird sich bis dahin wohl kaum etwas ändern. Würde nach Ansicht von Gründer Scheidl auch nicht funktionieren: „Das ist eine Nische.“

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