1. Startseite
  2. Lokales (Donauwörth)
  3. Die erste Mahd wird oft zur Todesfalle

Landkreis Donau-Ries

19.05.2019

Die erste Mahd wird oft zur Todesfalle

So rettet man ein Kitz richtig: Man hebt es mit Handschuhen und/oder Gras hoch und bringt es in Sicherheit, damit die Geiß es später wieder problemlos annimmt. 
Bild: Foto: Degmayr

Plus Rehkitze, Junghasen und Wiesenbrüter kauern oft auf Feldern, wenn der Mähdrescher kommt. Sie werden verstümmelt oder getötet. Was kann man tun?

Biogasanlagen, die Industrialisierung der Landwirtschaft und im Zuge ihrer Entwicklung immer schnellere und größere Mähwerke, haben in den vergangenen Jahren zu zahlreichen und qualvollen Verlusten beim Jungwild geführt. So informiert Robert Oberfrank, Vorsitzender im Jagdverband Donauwörth. Die erste Mahd werde jedes Jahr zur Todesfalle, denn die Ernte falle mit der Brut- und Setzzeit von Rehkitzen, Junghasen und Wiesenbrütern zusammen, die vor allem in Wiesen ihren Nachwuchs sicher wähnen.

Die Jäger fordern mehr Verantwortungsbewusstsein: Wenn die Bauern jetzt im Mai mit der Futterernte beginnen, fallen den riesigen Maschinen jedes Jahr abertausende Rehkitzen, kleinen Hasen und Bodenbrütern zum Opfer. Diese werden „vermäht“ – grausam verstümmelt oder getötet.

Jungtiere haben keinen Fluchtinstinkt

Oberfrank und sein Vorstandskollege Albert Reiner skizzieren das Problem folgendermaßen: „Die Jungtiere haben keinen Fluchtinstinkt. Sie laufen auch bei großer Gefahr nicht weg, sondern drücken sich instinktiv in ihr Versteck. Maschinen mit großer Arbeitsbreite fahren oft mit hoher Geschwindigkeit über die Felder. Da haben die Tiere keine Chance mehr.“

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Auch die Landwirte sind sehr bemüht Unglücke zu verhindern – unnötiges Tierleid will keiner. Und - Sie haben ein juristisches Problem: Denn Sie verstoßen gegen das Tierschutzgesetz, wenn sie Jungtiere bei der Mahd verstümmeln oder töten, ohne im Vorfeld versucht zu haben, dies zu verhindern.

Deshalb appelliert Jägervorsitzender Oberfrank an die Landwirte: „Effektive Wildtierrettung beginnt bereits vor der Mahd. Nur wenn Landwirte die Mähtermine für Silage und Grünroggen zur Biomasseproduktion rechtzeitig mitteilen und abstimmen, hat der Jagdpächter die Möglichkeit, Wildscheuchen aufzustellen und die Wiesen und Felder nach Jungwild abzusuchen.“

Jäger wollen Landwirte unterstützen

Seit vielen Jahren unterstützen Jäger traditionell Landwirte, um zu verhindern, dass Kitze im Zuge des ersten Wiesenschnittes vermäht werden. Dabei versuchen Jäger, die in den Wiesen gesetzten Kitze vor dem Mahdtermin zu finden und in Sicherheit zu bringen. Eine Aufgabe, die rein rechtlich im Verantwortungsbereich des Landwirtes liegt.

Von Jägern gefundene Kitze werden in gut belüfteten Kartons oder Kisten auf ein Graslager gelegt und nachdem die Wiese gemäht ist wieder freigelassen. Oft werden die Kitze bei dieser Gelegenheit mit einer Ohrmarke versehen, um so weitere Erkenntnisse für die Wildtierforschung zu gewinnen. Die Geißen nehmen die mit Handschuhen und Gras aufgenommenen Kitze später problemlos wieder an.

Bedauerlicher Weise sind konventionelle Methoden, wie das Ablaufen der Wiesen, das Absuchen der Flächen mit einem geeigneten Hund oder auch Vergrämungsmaßnahmen, meist das Aufstellen von Scheuchen am Vorabend der Mahd, nur begrenzt erfolgreich. Es werden immer noch viele Kitze und Jungtiere auf den teils riesigen Feld- und Wiesenschlägen übersehen. Aber auch mit der richtigen Mähstrategie können viele Wildtiere vor dem Mähtod gerettet werden. Oberfrank und Reiner geben folgende Tipps:

Mähstrategie: Beim Grünlandschnitt sollte die Wiese grundsätzlich von innen nach außen gemäht werden, damit Rehe, Hasen und Bodenbrüter, während der Mahd noch die Möglichkeit zur Flucht haben. In Nordrhein-Westfalen ist dies mittlerweile eine gesetzliche Verpflichtung.

Wichtig zu wissen:

Schnitthöhe: Je höher der Schnitt, desto geringer sind die Verluste bei den Jungtieren, die sich auf den Boden drücken und bei Bodenbrütern. Bei der Ernte von Grünroggen für die Biogasanlage hat sich eine Schnitthöhe von 15 bis 20 Zentimetern in der kritischen Aufzuchtzeit bewährt. Von einer höheren Schnitthöhe profitieren Bodenbrüter, aber auch bodennah lebende Insekten, Nager und Amphibien

Vergrämung: Elektronische Wildscheuche (entweder zur Montage am Mähwerk oder stationär am Wiesenrand) die unterschiedliche Töne, wie Menschenstimmen, Musik oder Geräusche in unterschiedlicher Lautstärke aussenden versprechen Erfolg.

Aktuell unterstützt der Jagdverband Donauwörth durch eine Sammelbestellaktion von „elektronischen Kitzrettern“ die örtlichen Jäger, so Jägervorstand Albert Reiner.

Inzwischen gibt es mit dem Einsatz von Drohnen die Möglichkeitm, zumindest die Suche nach Kitzen, effizienter und zuverlässiger durchzuführen. Auch im Landkreis wird dies praktiziert. Überfliegt doch beispielsweise der Förderverein Kitzrettung Wemding-Gosheim mit Hilfe einer Drohne, die mit einer Wärmebildkamera und einem Bildübertragungssystem ausgestattet ist, betroffenene Wiesen.

Über die Wärmebildkamera können in den frühen Morgenstunden, bevor die Sonneneinstrahlung zu intensiv wird und den Boden erwärmt, die Kitze deutlich und zuverlässig erkannt werden. Hier können jeweils Streifen von bis zu 60 Metern Breite zügig abgesucht werden. An einem Morgen bis zu rund 30 bis 40 Hektar. Die Jungtiere auf den Wiesen werden so schnell gefunden und geborgen. Das Ganze hat aber einen stolzen Preis und somit seine Grenzen: Der Systempreis pro Drohne beträgt je nach Ausführung inklusive Zusatzakkus und Zubehör zwischen 9000 und 12000 Euro.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren