Newsticker

Biontech und Pfizer beantragen EU-Zulassung für Corona-Impfstoff
  1. Startseite
  2. Lokales (Donauwörth)
  3. Ehemalige Rainerin schreibt Buch über ihre Erlebnisse zum Kriegsende

Rain

03.10.2020

Ehemalige Rainerin schreibt Buch über ihre Erlebnisse zum Kriegsende

Mindestens fünf Granatentreffer machten das ehemalige Rainer Gefängnis im April 1945 unbewohnbar. Dort waren Annemarie Hege (heute Batteson) und ihre Familie untergekommen.
Bild: Müller

Plus Die ehemalige Rainerin Annemarie Hermine Batteson erinnert sich an das Kriegsende in der Tillystadt. 75 Jahre danach hat sie ihre Erlebnisse niedergeschrieben.

„Verehrte Hörer und Hörerinnen, der Rechspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels spricht zu Ihnen.“ Gleich darauf: „Meine verehrten Volksgenossen und Volksgenossinnen“. Ich stand wie gelähmt. Was er sagte, ging an mir vorbei, aber die letzten drei Sätze weiß ich noch Wort für Wort: „Ihre Felder werden wieder Früchte tragen. Ihre Mühlen werden wieder mahlen. Und Ihre Kinder wer-den wieder lachen.“ Wieder pfiff eine Granate übers Haus, vom Keller schrien sie zornig nach mir …So beginnt die Schilderung der damals knapp 16-jährigen Annemarie Hermine Hege über den Anfang vom Ende des sogenannten Rainer Gefängnisses.

Es war Mittwoch, 25.April 1945, nachmittags um 16.30 Uhr. Zwölf Stunden später war das stattliche Gebäude durch fünf Granatentreffer so schwer beschädigt, dass es unbewohnbar war. Nach dem Krieg wurde es abgebrochen und nicht wieder aufgebaut. Das Gebäude stand zwischen Tharasgasse und Koller-Anwesen (Schlossstraße 12), südlich des Kindergartens. Wie durch ein Wunder gab es bei den im Keller ausharrende Personen keine nennenswerten Verletzungen. Der Granatenbeschuss kurz vor der Einnahme Rains durch Alliierte Truppen traf vor allem den Norden der Altstadt.

Ein wertvoller Zeitzeugenbericht für die Stadt Rain

Für die Lechstadt legte die Autorin heuer im Gedenkjahr „75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges“ einen sehr wertvollen Zeitzeugen-Bericht vor. Es ist einmal die Sichtweise eines Kindes beziehungsweise einer Jugendlichen. Es ist auch die Sichtweise einer zugezogenen Familie, noch dazu einer „protestantischen“ im traditionell katholischen Rain. Die Erinnerungen geben auch Einblick in das Leben der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rain, die bis 1937 ihren Betsaal im Schloss hatte und durch die Verhältnisse den schon geplanten Kirchenneubau forcieren musste.

Die siebenköpfige Familie Hege hatte im Herbst 1933 ihre Wohnung mit Werkstatt in Lagerlechfeld räumen müssen. Vater Philipp Hege hatte sich nach mehreren beruflichen Stationen mit der Fabrikation des von ihm entwickelten Benzin-Pressgasherdes in Lagerlechfeld selbstständig gemacht. Wohl weil er mit einem Juden Geschäftsbeziehungen hatte, wurden ihm die Räume 1933 gekündigt und er fand schließlich in dem jahrhundertealten Gefängniskomplex in Rain neue Wohn- und Geschäftsräume. Die Wohnung des Wärters war leer, die acht Zellen wurden von der örtlichen Polizei nur noch sporadisch gebraucht, da Gefangene ins Neuburger Gefängnis überstellt wurden.

Über elf Jahre im ehemaligen Gefängnis

Das Haus wurde für die Bedürfnisse der Familie Hege umgebaut, auch die Fabrikation der Pressgasherde kam wieder in Gang. Ohne Groll sowohl bezüglich des neuen Wohnumfeldes wie der politischen Situation schildert Annemarie Hermine Batteson, so ihr Name seit Verehelichung mit einem britischen Staatsbürger, ihre Kindheits- und Jugendzeit in Rain. Über elf Jahre wohnte sie im ehemaligen Gefängnis, nahezu die gesamte Zeit des „Dritten Reiches“.

In der „Kinderschule“ und der ersten Klasse der Mädchenschule, gleich gegenüber dem „Gefängnis“, unterrichteten noch die Armen Schulschwestern. 1937 wurde die katholischen Nonnen aus dem Schuldienst entfernt, Annemarie und ihre Kameradinnen erhielten eine weltliche Lehrerin. Die Oberschulzeit – ab 1941 ein Jahr in Neuburg, danach in Donauwörth – war vom Krieg geprägt, der Schulweg war schließlich mit Lebensgefahr verbunden.

Das Grab der Eltern Hege auf dem Rainer Friedhof (Mauer zur Münchner Straße).

Das menschliche Miteinander der Kleinstadt, besonders der Nachbarschaft, erscheint in den Erinnerungen überwiegend im positiven Licht. Gleich gegenüber dem Gefängnis waren die „Arbeitsmaiden“ im Rainer Schloss untergebracht, dienstverpflichtet für sechs Monate und meist auf den Bauernhöfen tätig.

Ihre Erinnerungen sind zwiegespalten

Zwiegespalten sind Annemarie Battesons Erinnerungen an die politischen Verhältnisse. Da ist einerseits die Begeisterung, wenn man singend zum Sportplatz zog, die Passanten in den Bann zog, oder bei den zahlreichen Aufzügen der Machthaber „im Gleichschritt“ mitmarschieren durfte. Auch die allgemeine Bewunderung, sei es bezüglich der Olympiade 1936 oder dem Anschluss von Österreich, verhehlt sie nicht. Andererseits erlebte ihr Vater 1940 die Demontage seiner Maschinen, damit unweigerlich das Ende seiner Produktion und zwangsläufig der Wechsel als Fabrikarbeiter nach Donauwörth.

Als sich die Wolken des Krieges immer mehr verdunkeln, weicht die einst überwiegend positive Sichtweise des Kindes Annemarie endgültig einer kritisch-nüchternen Sichtweise der Jugendlichen. Sie nimmt nicht so sehr die allgemeine Stimmung in der Stadt wahr, sondern die Beobachtungen im unmittelbaren familiär-häuslichen Umfeld. Der Vater wechselt, angeworben ob seiner Fähigkeiten und um der permanenten Nachtschicht zu entgehen, als Verwalter auf eine Kolchose in der Ukraine. Ein Bruder kommt konsterniert von einer Schulfahrt aus Warschau – dort Kontakt mit dem Ghetto – nach Hause, genauso verwirrt die Verpflichtung zum „Hitlergruß“. Die Bombardierung deutscher Städte wird zur Tagesordnung, ein evakuiertes Kind aus Essen wird aufgenommen – dazu die ständige Angst um die Familienmitglieder. Der Krieg kommt näher, Aufenthalte in Luftschutzkellern werden Routine.

Fast 20 Tote bei einem Angriff auf den Rainer Bahnhof

Der Schlussakkord beginnt mit den Ostertagen: Luftalarm im Zug, als Rainer Jugendliche den Verwendeten im Neuburger Lazarett eine Überraschung bringen wollen, fast 20 Tote beim Angriff auf einen Flüchtlingszug im Rainer Bahnhof, danach die Schilderung der Trauerfeier auf dem Friedhof. Nach der „Granaten-Nacht“ auf den 26. April wechselte man eilends aus dem zerstörten Haus in den großen Keller des Schlosses, wo man die letzten Stunden bis zur Besetzung Rains erlebte.

Annemarie Hermine Batteson fährt fort: „Am Morgen des 27. April wurde es nach ein paar verlorenen Gewehrschüssen plötzlich still – sehr still – beängstigend still. Die Leute, die zwei lange Nächte im Schlosskeller verbracht hatten, gingen wieder nach Hause. Nur wir konnten nicht nach Hause gehen – es war ein großer Trümmerhaufen!“ Ohne Blutvergießen ging die Besetzung Rains über die Bühne, die Familie Hege kam zunächst in der Mädchenschule unter.

Philipp Hege kam im Juni 1947 aus russischer Gefangenschaft nach Hause. Er war ein erfinderischer Geist und stellte an seinem neuen Werkplatz beim Bahnhof Hohlblocksteine aus Bims und Blähschiefer her. „Möglichst billig bauen, aber dennoch warm und fest“ warb er für seine Produkte im Rainer Anzeigenblatt vom 1. Juli 1951 und nannte technische Details samt Wärmeleitzahl.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren