Helferkreis in Rain

11.03.2017

Ein Abschied in Wehmut

Zweieinhalb Jahre lang haben sich in der evangelischen St. Michaelskirche in Rain Asylbewerber, ehrenamtlich Engagierte und einheimische Besucher regelmäßig einmal pro Woche getroffen – bei Kaffee, Kuchen, Spielen und Gesprächen. Es waren wertvolle Zeiten, so resümieren die Beteiligten.
Bild: Foto: Barbara Würmseher

Die Begegnungsstätte Café Regenbogen in Rain hatte ihr letztes Treffen, denn es gibt kaum noch Asylbewerber in der Tillystadt. Drei von vier Unterkünften sind aufgelöst worden. Und wie sieht es andernorts aus?

„Schade, dass es zu Ende ist!“ Bilal Rahim aus Pakistan sitzt im Café Regenbogen im Gemeindezentrum der evangelischen Michaelskirche in Rain, vor sich eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen. „Es war eine sehr, sehr, sehr gute Zeit mit Sprachkurs, Gesprächen, Begegnungen, Spielen und viel Unterstützung“, sagt er dankbar und wehmütig in gutem Deutsch. Bilal sitzt wie fast jeden Montag seit zweieinhalb Jahren zwischen anderen Flüchtlingen, Helfern und Einheimischen. Sie lachen, tauschen sich aus, geben einander Tipps – wie immer. Und doch ist diesmal alles anders. Denn es ist das letzte Mal in dieser Runde und Abschiedsstimmung schwingt spürbar mit. Das Café Regenbogen hat ab sofort geschlossen.

„Wir haben keinen Bedarf mehr“, erklärt Hausherr Pfarrer Bernhard Werner das Aus für diese Begegnungsstätte, die am 1. Dezember 2014 gegründet worden war, um Flüchtlingen, begleitend zu ehrenamtlichen Sprachkursen, die Integration zu erleichtern. Rund 100 Helfer – Lehrer, Kuchenbäckerinnen und andere – waren es anfangs gewesen. Am letzten Tag sind immer noch über 40 Aktive dieser ökumenisch organisierten Einrichtung mit dabei.

Doch inzwischen hat sich die Situation verändert. „Als die ersten Flüchtlinge kamen, haben wir diese Initiative aus der Not geboren“, schildert Pfarrer Werner. „Jetzt sind drei der Unterkünfte aufgelöst, die verbleibenden Asylbewerber werden nach Oberndorf und Nördlingen verlegt. Lediglich 15 von ihnen ziehen in den Rainer Erlenweg um und die haben alle Arbeitsplätze, sodass sie nachmittags keine Zeit haben, ins Café zu kommen.“ Vor sechs Wochen hat das Helferteam deshalb die Lage diskutiert und erkannt: Zum jetzigen Zeitpunkt bringt es nichts, die Treffen aufrechtzuerhalten.

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Vom Kopf her haben Initiatoren diese Konsequenz begriffen – im Herzen indes ist ihnen ein bisschen weh zumute an diesem letzten Montag – nicht nur Bilal Rahim. Der 22-Jährige hofft, in Rain bleiben zu können. Er beginnt im September eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer und wird Hausmeister im Quartier am Erlenweg.

Für Aldabel Wadah ist der Kreis im Café Regenbogen „wie meine Familie.“ Der Syrer, der von seinem Bruder in der Heimat täglich von Bombenangriffen hört, ist seit einem Jahr als Asylant anerkannt. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung, eine Freundin und arbeitet. Und er hat weitere Pläne: „Ich will Bankkaufmann werden, habe einen Termin für ein Vorstellungsgespräch. Ich baue mir hier eine Zukunft auf.“

Syed Qalb Abbas hingegen weiß, dass seine Zeit in Deutschland abgelaufen ist. Seine Ausreise ist beschlossene Sache. Über drei Jahre hat der Pakistaner hier gelebt, hat ein halbes Jahr in einer Firma gearbeitet und war regelmäßig im Café Regenbogen. „Viele haben mir geholfen. Eine war wie eine Mutter zu mir, eine andere wie eine Großmutter.“ Wenn der 36-Jährige in seine Heimat zurückkehrt, freut er sich auf Frau und Kinder, die ihn erwarten – und bringt viele gute Erinnerungen an Deutschland mit. An ein Land, in dem er Gastfreundschaft erfahren durfte, wie er sagt.

Helga Harreß und Marianne Arloth vom Helferteam nehmen ebenfalls mit Bedauern Abschied von einer lieb gewordenen Tradition. „Diese Montage waren immer schön“, sagen sie und wünschen sich, dass die Kontakte nicht ganz abreißen.

Sie sind ein Stück weit zusammengewachsen, die Menschen, die sich im Café Regenbogen regelmäßig getroffen haben. „Diese Einrichtung war ein ganz großes Erfolgsmodell“, sagt Heidi Prummer, eine Helferin der ersten Stunde, die auch bei Behördengängen und Arztbesuchen mit dabei war. „Mir selbst hat es geholfen, Vorurteile abzubauen. Ich kann jetzt anders auf diese Menschen zugehen, da ich in Gesprächen viel über sie erfahren habe.“

Hedwig Rehm möchte allen Kuchenbäckerinnen danken, ohne die das Café nun mal kein Café gewesen wäre. Positiv findet sie auch den ökumenischen Gedanken, der dort zum Tragen gekommen ist: „Sowohl Katholische als auch Evangelische haben zu einem Helferteam zusammengefunden und es haben sich untereinander Freundschaften gebildet – auch mit den Flüchtlingen.“

Hilfe wird natürlich weiter angeboten in Rain. Anja Reiner von der Caritas wird wie üblich montags von 16.30 bis 18 Uhr im evangelischen Gemeindezentrum zur Verfügung stehen. Sie berät auch anerkannte Flüchtlinge, EU-Bürger und alle anderen mit Migrationshintergrund, die einen Aufenthaltstitel haben.

Insgesamt hat sich das freiwillige Hilfsangebot für Flüchtlinge im Donau-Ries-Kreis in den vergangenen zwei Jahren stark verändert, wie Mitsou Schwair, die Beauftragte für Ehrenamtsarbeit am Landratsamt, mitteilt. Nach der großen Flüchtlingswelle 2015 wurden an vielen Standorten dezentrale Unterkünfte eingerichtet und nahezu überall entstanden parallel dazu auch Helferkreise. „Oft gab es so viele Helfer wie Flüchtlinge“, sagt sie. Es galt, den Menschen aus fremden Kulturen die einfachsten Dinge im neuen Land zu erklären: Wo ist der nächste Supermarkt, der Bus, der Deutschkurs, wo kann man arbeiten...?

Inzwischen hat sich vieles gewandelt. Diejenigen Asylbewerber, die noch da sind, haben enorm an Selbstständigkeit gewonnen, beherrschen zumeist die Sprache, besuchen Kindergarten und Schule oder gehen zur Arbeit. Viele Flüchtlingsunterkünfte leeren sich, anerkannte Asylanten beziehen eigene Wohnungen. „So kommt es“, sagt Mitsou Schwair, „dass in einigen Gemeinden keine Flüchtlinge mehr leben, dafür aber in anderen, in die sie ziehen, nicht in gleichem Maße die Helferkreise wachsen. Die wären allerdings dort ganz besonders wichtig, da Integration nur vor Ort stattfinden kann.“

Schwair dankt allen Helferkreisen für deren „ganz hervorragende und wichtige Arbeit. Unzählige Flüchtlinge könnten ohne sie kaum Deutsch, hätten keine Arbeit, keine Wohnung.“ Die Zahl der Helfer ist erheblich gesunken, doch finden sich noch immer überall engagierte Menschen, die den Flüchtlingen dort im Alltag weiterhelfen, wo es nottut.

Info An folgenden Orten im Landkreis gibt es nach Informationen des Landratsamts – unter anderem – Helferkreise: Wemding (Integrationscafé, 14-tägig, Dienstag 15.30 bis 17.30 Uhr, Kolpingheim), Asbach-Bäumenheim (Anlaufstelle ist die Gemeinde, der Helferkreis trifft sich nach Bedarf), Oberndorf (an jedem zweiten Freitag im Monat im Pfarrheim, aktuell am heutigen Freitag, 10. März, 15 Uhr), Oettingen (dienstags von 14.30 bis 17 Uhr, Integrationscafé in der Volkshochschule) und Nördlingen (ökumenisches Integrationscafé „Come together“, 14-tägig, Mittwoch, 15.30 bis 17.30 Uhr, Pfarrzentrum St. Salvator und interkulturelles Frauencafé, freitags von 11 bis 13 Uhr, Polizeigasse 12).

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