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Harburger Kulturherbst

01.10.2020

Ganz im Einklang der Sinne

Von atemberaubenden Lichtspielen wurde die Schlosskapelle Harburg illuminiert, während die Akteure des 3-Klang-Ensembles (im Bild unten links Conny Pfau) das Publikum mit ausgewählten Gedanken und mit Musik in eine besondere Stimmung versetzten.
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Von atemberaubenden Lichtspielen wurde die Schlosskapelle Harburg illuminiert, während die Akteure des 3-Klang-Ensembles (im Bild unten links Conny Pfau) das Publikum mit ausgewählten Gedanken und mit Musik in eine besondere Stimmung versetzten.

Das Ensemble 3-Klang versetzte die Zuhörer in der Schlosskapelle in eine andächtige Stimmung

Kräftige Farben setzen den Chorraum der Schlosskirche auf der Harburg in ein atemberaubendes Licht. Gefühlt dominiert Rot die meisten der abstrakten Bilder der Malerin Annette Steinacker-Holst und ihres Vaters, des Bildhauers Ernst Steinacker. Was besonders eindrucksvoll ist, wenn die Heiligenfiguren durch die Farbe des Blutes hervorgehoben werden. Vor diesem Hintergrund beeindrucken die wunderbare, klangvolle Altstimme von Conny Pfau, die berührenden Saxklänge von Bernd Fischer und Marcus Prügels einfühlsame Pianobegleitung umso mehr.

Die Künstler des 3-Klang-Ensembles füllen die abstrakten Begriffe „Zeit und Ewigkeit“ mit Leben. Die feinfühlig ausgewählten Prosa- und Lyriktexte gehen tief unter die Haut. Ihre Botschaft „Carpe diem“ – zu Deutsch „Nutze die Zeit“ – dringt von allen Seiten, über ganz unterschiedliche Texte ins Bewusstsein der Zuhörer.

Was aber ist Zeit? Eine philosophische Antwort hat Conny Pfau in den Confessiones des Augustinus gefunden. „Ich weiß es nicht“, sagt der numidische Kirchenlehrer, „trotzdem behaupte ich zu wissen, dass es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüberginge, keine zukünftige, wenn nichts herankäme und keine gegenwärtige, wenn es nichts gäbe, das da ist.“ Wenn die Gegenwart also immer gegenwärtig wäre, wäre sie nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit.

Die Texte stammen aus verschiedenen Epochen, von Augustinus im vierten Jahrhundert über die Romantik mit Eduard Möricke und Karoline von Günderrode, das 20.Jahrhundert mit Olav H. Hauge bis in die Gegenwart mit Lyrik von Annette Steinacker-Holst und Tagebucheinträgen Ernst Steinackers.

Zu allen Zeiten hat der Mensch versucht, die Zeit zu berechnen, zu erfassen, zu halten – und sei es über Krüge, in die er Muscheln sammelte wie die Muschelsammlerin im gleichnamigen Lied von Reinhard Knodt. Was bleibt von der Zeit? „Ist nicht die Zeit wie die Liebe, ungeteilt und schrittlos?“, fragt „Der Prophet“ im Buch von Khalil Gibran, der dem Leser rät, „das Heute die Vergangenheit mit Erinnerung und die Zukunft mit Sehnsucht umarmen“ zu lassen.

Gedanken von Kurt Tucholsky zu „Augen in der Großstadt“ verweisen auf den Augenblick: „Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick … vielleicht dein Lebensglück – vorbei, verweht, nie wieder.“ Die Poesie der Worte, von Conny Pfau empathisch dargeboten, durchweht den Kirchenraum, erfüllt ihn ebenso wie die soulig-jazzigen Lieder „The Wave“ oder „Open your eyes, you can fly now“, „Prayer for El Salvador“ und das abschließende „Everything must change“. Kongenial dazu die mal farbenfrohen, mal pastelligen, mitunter auch creme- bis bräunlichen Farbverläufe, Linien und Punkte der in den Chorraum projizierten Bilder (Technik Barbara Wolf) – so zeitlos, endlos, ewig schön wie Musik und Lyrik.

Andächtig, erfüllt vom eben Gehörten und Gesehenen beginnt der Applaus, steigert sich, einige Bravorufe mischen sich hinein in den ehrwürdigen Kirchenraum. Ein erhebender Auftakt für den 20. Harburger Kulturherbst, der sich auch in schwierigen Zeiten nicht unterkriegen lässt. „Licht lässt uns sehen und bestimmt unseren Tag, Musik ist geordnete Zeit und stimmt uns ein auf das Vergehen – vielleicht ist sie sogar das Vergehen als reine Form“, hat Doris Thürheimer von der Kulturstiftung eingangs auf den Dreiklang eingestimmt. Das Konzept von Annette Steinacker-Holst ist voll aufgegangen, tief bewegt von diesem besonderen Konzerterlebnis geht es hinaus aus der ausverkauften Kirche in den Burghof.

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