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Kreis Donau-Ries

19.01.2020

Kampf gegen Depression: "Damals schien mir alles aussichtslos"

Depressionen werden in Deutschland immer noch häufig als Tabuthema angesehen.
Foto: Julian Strateschulte, dpa (Symbolbild)

Depression ist ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Tim K. aus dem Donau-Ries erzählt, durch welchen schwarzen Tunnel er gehen musste, um endlich er selbst zu werden.

Irgendetwas stimmt nicht. Das spürt Tim K. (Name geändert) schon seit einiger Zeit. Der 27-Jährige aus einer Gemeinde in der Landkreismitte wird von einem seltsamen Gefühl geplagt, das er nicht richtig zu fassen weiß. Mal ist er niedergeschlagen, dann wieder nagen Selbstzweifel an ihm. Und ständige innere Unruhe lässt ihn unstet hin und her hetzen. Er hält es kaum aus, nach Feierabend auf dem Sofa zu sitzen. Nachts schläft er nicht länger als eine Stunde und auch die nur aus völliger Erschöpfung. Es ist Frühjahr 2010.

Schließlich treiben ihn Magenschmerzen zu verschiedenen Ärzten. „Ich bin mit meinen Symptomen von einer Praxis zur nächsten gegangen, habe mich untersuchen lassen, habe Schlafmittel und andere Medikamente verschrieben bekommen, bin aber letztlich ohne medizinischen Befund geblieben“, erzählt Tim von damals. Er versucht einfach nur noch, zu funktionieren. Im Beruf und in seinem sozialen Umfeld.

Er erzählt seiner Familie von seiner Homosexualität

Eine Rolle in dieser seelischen Verfassung spielt sicher auch die Tatsache, dass Tim in dieser Zeit einen entscheidenden Schritt geht: Er offenbart sich seiner Familie als homosexuell. „Zu einem großen Coming Out war ich noch nicht bereit“, erzählt der heute 37-Jährige, „aber meine Eltern und Geschwister sollten es wissen – und sie standen von Anfang an hinter mir.“

Irgendwann aber wird die Belastung insgesamt zu viel. Tim verwendet große Energie darauf, den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen und so zu leben, dass er nirgends aneckt. „Ich habe in Bezug auf meine sexuelle Ausrichtung ein Doppelleben geführt, es aber überspielt, ich hab auch meine seelischen Tiefs verheimlicht und habe praktisch meine ganze Freizeit minutiös verplant – für ehrenamtliche Tätigkeiten und anderes Engagement. An Entspannung war nicht zu denken.“

Im Sommer 2013 rächt sich all das. Tim bricht zusammen. Er erleidet Panikattacken, steht unter Dauer-Nervosität, hat Atemprobleme und steht innerlich vor einer Zerreißprobe. „Ich bin abgegangen wie blöd“, beschreibt er. Als er an einem Sonntag im Gottesdienst in der Kirche sitzt, traut er sich nicht mehr, das Kreuz anzusehen, weil er sich viel zu unwürdig fühlt, zu Gott zu beten.

Depressionen sind nicht länger ein Geheimnis

Er wirft an diesem Sonntag einen ganzen Medikamentencocktail ein, um seine Seele zur Ruhe zu bringen. Am Montagmorgen schluckt er dann nochmals alle möglichen Pillen, die er zu Hause hat, ehe er zur Arbeit fährt. „Wie ich heil ins Büro gekommen bin, weiß ich nicht mehr“, schildert Tim K. „Ich bin mit dem Auto teilweise aufs Bankett geraten, teilweise auf die Gegenfahrbahn.“ Das erste was er an seinem Schreibtisch macht, ist, den Kopf auf die Tischplatte zu legen und zu schlafen. Jetzt ist klar: Es muss etwas passieren. Jetzt sind seine Depressionen nicht länger mehr nur Tims Geheimnis. Jetzt bekommen die Kollegen mit, dass es schlecht um ihn bestellt ist.

Sein Weg führt ihn direkt in die Psychiatrie. In die geschlossene Abteilung einer Klinik, wo Tim vier Monate erlebt, die zu seinen dunkelsten Zeiten gehören. „Die ersten Tage gingen komplett an mir vorüber. Ich hab mich gefühlt wie unter einer Glasglocke und hab erst einmal vier Kilo abgenommen.“

Die Atmosphäre auf der Station ist alles andere, als gesundheitsfördernd: Alle Zimmer in der überfüllten Abteilung sind überbelegt, selbst an ein Minimum von Privatsphäre ist nicht zu denken. Mehrere Mitpatienten sind selbstmordgefährdet, eine Frau wird eine Woche lang im Bett fixiert. Während das Personal täglich diskret-flüsternd fragt: „Hatten Sie heute schon Stuhlgang?“, heißt es in Zimmerlautstärke: „Wollen Sie sich heute umbringen?“. Das ist der Alltag.

„Die Schicksale der Mitpatienten haben mich sehr deprimiert“, erinnert sich Tim K.. „Auch die Nachrichten im Fernsehen haben mich runtergezogen. Hinzu kam eine Art Knastkoller, weil man ja ständig mit anderen, mit kranken Menschen zusammen ist und unter Beobachtung des Personals steht. Zudem konnte ich nicht mehr lesen, weil ich nicht im Stande war, die Wörter zu begreifen. Alles in allem wusste ich nicht, wie lange ich das aushalten kann – es war eine wirklich krasse Zeit.“

Psychiatrische Hilfe im Zuge ambulanter Behandlung

Nach vier Monaten ist Tim medikamentös so gut eingestellt, dass er nach Hause darf – zurück in seine eigene Wohnung. Ein niedergelassener Psychiater hilft ihm im Zuge einer ambulanten Behandlung, sich seelisch weiter zu stabilisieren. „Ich hatte Glück, schnell Termine zu bekommen.“ Jetzt beginnt die eigentliche Gesprächstherapie, die während seines Klinikaufenthalts nicht vorgesehen war. Schritt für Schritt geht er in sein neues Leben und merkt, dass er seinen Alltag allmählich wieder schaffen kann.

Beruflich versucht Tim eine Wiedereingliederung in seiner alten Firma, muss aber einsehen, dass es Vorbehalte gegen ihn gibt. Er kündigt, fasst aber danach rasch bei einem anderen Arbeitgeber Fuß.

Was Tim erst nach seinem Zusammenbruch zu verstehen lernt, ist, wie er selbst seine eigenen Ansprüche mit denen unserer Gesellschaft in Einklang bringen kann. „Ich hab mich früher immer schwer getan, meine Wünsche und meine Meinung zu äußern, hab immer danach gesucht, was in der Gesellschaft ankommt, wollte immer konform leben. Ich musste erst lernen auch einmal ’Nein’ zu sagen.“

Tim weiß heute, dass er nicht perfekt sein muss

Der Weg ist weit, dauert fünf Jahre. Doch jetzt ist Tim mit sich selbst im Einklang. „Ich kann mich selbst und meine Schwächen annehmen. Ich weiß heute, dass ich nicht perfekt sein muss, auch Fehler haben darf. Mir geht’s gut!“

Gut auch deshalb, weil Tim seinen Lebensmenschen gefunden hat. 2017 hat er seinen Partner standesamtlich geheiratet, im Mai 2018 folgte ein Segnungsgottesdienst für das Paar in einer evangelischen Kirche. „Wir haben also auch kirchlich ’Ja’ zueinander gesagt. Das war mein finales Coming Out vor Verwandten, Freunden und Bekannten.“

Wenn er heute zurückdenkt an die dunkelsten Monate seiner Seele, sagt er: „Damals schien mir alles aussichtslos. Ich konnte mir in der geschlossenen Abteilung nicht vorstellen, wieder aus meinem Tief herauszukommen.“ Was ihm geholfen hat, sind die Zeit, die er sich selbst gegeben hat, um zu akzeptieren. Geholfen haben ihm auch sein Glaube und die Begleitung des Klinikseelsorgers, natürlich auch Medikamente und professionelle Unterstützung, seine Familie und Freunde und letztlich auch die Aufarbeitung der Probleme. „Es ist wichtig, sich dem Ganzen nach und nach zu stellen, ohne sich dabei zu überfordern.“

Noch immer hat Tim neben guten Phasen auch schlechte, ist einmal im Vierteljahr zur Besprechung beim Psychiater. „Aber das will ich gar nicht verteufeln, denn es geht jedem mal zwischendurch nicht gut.“ Was er gelernt hat über die Jahre seiner Krankheit ist vor allem eines: „Es lohnt sich, durchzuhalten ...“

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