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20.07.2020

Kirche: Austritte auch in Region auf Höchststand

„Treten Sie ein!“ steht auf einem Schild an der evangelischen Christuskirche in Donauwörth. Vielleicht wird dieser Wunsch wieder wahr – derzeit ist der Trend aber entgegengesetzt.
Bild: Thomas Hilgendorf

Plus  Auch in den Donauwörther Dekanaten ist der Negativtrend nicht zu übersehen. Woher der kommt – und wie die Kirche dem Rückgang entgegenwirken will.

Zwischen Donau und Ries steht eigentlich in jedem Dorf noch eine Kirche – aber es stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob es auch hauptamtliches Personal allerorts gibt. Mitunter finden sich nurmehr wenige Gläubige in ihnen ein, und das hat nicht nur mit den Abstandsvorschriften aufgrund der Corona-Pandemie zu tun. Die großen Kirchen in Deutschland verlieren an Mitgliedern – die Zahl der Austritte hat nun ein trauriges Rekordniveau erreicht. Auch der ländliche Raum läuft hierbei nicht gegen den Trend, wie etwa aus den beiden Donauwörther Dekanaten zu erfahren ist.

90 Austritte im evangelischen Dekanat Donauwörth

Johannes Heidecker kommt rasch auf den Punkt: Es sind schmerzliche Zahlen, die da auf dem Bildschirm im Büro des evangelischen Dekans in der Heilig-Kreuz-Straße aufploppen: 90 Gemeindemitglieder sind im vergangenen Jahr aus der evangelischen Landeskirche ausgetreten. Zum Vergleich: In den vergangenen 15 Jahren listete das Dekanat meist zwischen 20 und 35 Austritten, 2015 stieg die Zahl allerdings schon auf einen Wert von 64.

„Jeder dieser Austritte tut uns weh“, sagt Heidecker – die Gemeinde sei schließlich der Leib Christi und kein schnödes Zahlenwerk, bei dem man den ein oder anderen Verlust vielleicht übertünchen könnte. Derweil steht das evangelische Dekanat Donauwörth noch recht gut da im Deutschlandvergleich: Im vergangenen Jahr verließen 270000 Personen die evangelischen Landeskirchen, das sind über 20 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Bei den katholischen Geschwistern sieht es ähnlich aus: 273000 Menschen kehrten ihr 2019 den Rücken, was einem Plus von über 25 Prozent im Vorjahresvergleich entspricht. Eine Trendwende ist derweil zumindest nicht offensichtlich: Laut einer neuen Insa-Umfrage der katholischen Tagespost kann sich jeder vierte Landeskirchler vorstellen, demnächst die Kirche zu verlassen, bei den Katholiken sind es gar 30 Prozent, bei den Freikirchen immerhin auch 16 Prozent. Aber man sollte einen weiteren Aspekt der Umfrage berücksichtigen: Demnach denken 54 Prozent der Befragten ganz und gar nicht an einen Kirchenaustritt. Und dennoch: Die Kirchen verlieren an Mitgliedern, und das deutlich.

Gleichgültigkeit und Wohlstandsgesellschaft als Gründe

Dekan Heidecker sieht eine generell geringere Verbindung der Menschen hierzulande zu Kirchen als noch vor einigen Jahren – und schlimmer: eine mitunter ausgeprägte Gleichgültigkeit. Zu tun habe das auch mit der Wohlstandsgesellschaft, die den Glauben hegt, man habe alles selbst unter Kontrolle und sei stets seines Glückes Schmied: „Es herrscht zu wenig Bewusstsein darüber, woher die Dinge kommen.“ Auch hinsichtlich der Corona-Krise, die eigentlich einen stärkeren Blick auf die ersten und letzten Dinge im Leben erforderte, sei bislang keine breite Trendwende spürbar, so Heidecker. „Not lehrt beten“ hieß es früher – doch das sehen viele anscheinend mittlerweile anders.

Katholische Pfarrei Donauwörth verzeichnet 30 Austritte im vorigen Jahr

Für das gesamte katholische Dekanat liegen Dekan Robert Neuner noch keine Zahlen vor, jedoch für Donauwörth: Hier verließen 30 Personen die Pfarrei im vergangenen Jahr. Die Gründe, so Neuner, behielten die Ausgetretenen meist für sich, das Pfarramt bekomme lediglich die Nachricht von den Meldebehörden. Mitunter gehe es um Enttäuschungen, etwa im Zuge des Bekanntwerdens von Missbrauch im kirchlichen Bereich; die Gründe seien aber an sich „vielschichtig“ – und klar, manche haben keine Beziehung zum kirchlichen Leben und wollen einfach die Steuern sparen.

Was aber tun gegen den traurigen Trend? Beide Dekane sprechen sich dagegen aus, jedem Zeitgeist zu folgen, um mehr Gefallen bei den Menschen zu finden. Im Gegenteil, manchmal müsse auch etwas beleuchtet werden, was in den Kirchen zuweilen zu stark in den Hintergrund gerückt wurde, ist Heidecker überzeugt: die Mystik, die Betonung des Geistlichen, das Geheimnis des Glaubens. Man müsse die „ganze Breite“ des Christlichen nutzen, sagt auch Neuner. Der Fokus müsse indes auf den „Kernkompetenzen“ liegen, auf Gottesdienst und Seelsorge, freilich auch auf gemeindlichem Leben mit starkem Bezug zu Haupt- und Ehrenamtlichen, wie Heidecker betont. Und: Die Christen müssten sich stärker gesamt-christlich orientieren, ökumenischer. „Das ist der Weg in die Zukunft“, meint auch Neuner: „Ökumene heißt, gemeinsam zu Jesus zu finden.“

Dekan mahnt: Wir dürfen niemanden ausschließen

Die Christen müssten zudem hierzulande lernen, sich mit ihrem Christsein, „mit der Botschaft nicht hinterm Berg zu halten“. Das betreffe auch die karitativen Dienste der Kirchen: Wo christlich draufstehe, müsse auch christlich drinnen sein. Manchmal komme in den zahlreichen Institutionen und Gruppen „die christliche Botschaft zu wenig rüber“, sagt Neuner: „Wir dürfen niemanden ausschließen; aber nur gut sein, das können andere auch. Es muss klar sein, warum wir uns engagieren. Wir müssen die Botschaft Jesu verkündigen.“ Diese sei „unschlagbar“, fügt Heidecker hinzu. Christen sollten ihr Christsein authentisch und frei leben. Es gebe zahlreiche Lichtblicke: Die Kinderbibeltage seien immer noch ein Renner, der Religionsunterricht erreiche zahlreiche junge Menschen, und auch die kirchlichen Gruppen und Verbände sind nach wie vor da. Aber hier und dort sollte einiges wieder mit etwas mehr geistlichem Leben gefüllt werden, wie es Dekan Neuner beschreibt. In der Christuskirche in der Pflegstraße gibt es nun bereits weitere Angebote: etwa ein Abendgebet zur Wochenmitte, mittwochs um 19 Uhr, sowie das Mittagsgebet donnerstags um 12 Uhr – angelehnt an bewährte christliche Traditionen.

Dazu gibt es auch einen Kommentar: Authentisch glauben und leben

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