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Landkreis Donau-Ries
24.06.2020

Corona-Krise: So geht es den großen Firmen der Region

Dieser Mitarbeiter eines Maschinenbaubetriebes im Landkreis Donau-Ries scheint unabhängig von Corona ziemlich gut geschützt. Doch die Branchen an sich in der Region sind ziemlich unterschiedlich betroffen von den Auswirkungen der Pandemie.
Foto: Hilgendorf

Branchen und Firmen im Kreis sind ganz unterschiedlich von der Krise betroffen. Maßgeblich Automobilzulieferer haben Probleme, andere aber steigern die Umsätze.

Auch wenn die Branchen ziemlich unterschiedlich sind – fast alle Betriebe in der Region haben die Corona-Krise in den vergangenen Monaten in irgendeiner Art und Weise zu spüren bekommen. Die meisten in Form größerer oder manchmal auch kleinerer Einbrüche in den Bilanzen – einige aber auch durch ein merkliches Umsatz-Plus.

Die Wirtschaft im Landkreis Donau-Ries ist weithin von industrieller Produktion geprägt und stark verflochten im internationalen Handel. Vertreter der IG Metall und Betriebsräte einiger gewichtiger Unternehmen aus der Region berichteten gestern im Donauwörther Zeughaus über die aktuelle Lage in den Firmen – und über erste, wenn auch noch vage Zukunftsprognosen, wie es weitergeht in der nach wie vor anhaltenden Corona-Pandemie.

Betriebsräte schildern die Lage der Öffentlichkeit

Es kommt in der Region nicht all- zu häufig vor, dass sich Betriebsräte verschiedener Firmen aus ebenso unterschiedlichen Branchen versammeln, um der Öffentlichkeit die Lage in ihren Unternehmen zu erklären – aus Arbeitnehmersicht. Doch angesichts der für die spürbaren Auswirkungen auf Tausende Mitarbeiter erschien den Gewerkschaftern der IG Metall dieser Weg mehr als notwendig.

Airbus Helicopters Michael Leppek, Bevollmächtigter der IG Metall und Aufsichtsrat bei Airbus, schilderte die Situation bei dem Donauwörther Hubschrauberhersteller mit gemischten Gefühlen. Einerseits laufe am Standort Donauwörth, an dem 6300 Mitarbeiter tätig sind (davon 700 in Leiharbeit), der Bereich der Hubschrauberproduktion – und speziell jener der Instandsetzung – „gut“; das Geschäft mit den Drehflüglern sei im Gegensatz zum Flugzeugbau nicht eingebrochen, viele Polizeien und Rettungsdienste, Militär und generell die öffentliche Hand gehören hier oft zu den Bestellern. 650 Mitarbeiter am Standort seien aktuell in Kurzarbeit, weitere 200 kämen wahrscheinlich im Sommer dazu – denn in Donauwörth werden auch Flugzeugteile hergestellt (etwa Türen). Kommende Woche werde der Gesamtkonzern Aussagen zum Stellenabbau treffen, Leppek geht aber davon aus, dass Donauwörth hierbei „mit einem blauen Auge“ davonkomme.

Bühler hat es „hart erwischt“

Bühler Motor Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Werner Hertlein sprach sehr klare Worte. Den Konzern, der am Standort Monheim 350 Menschen vor allem in der Produktion beschäftigt, habe die Corona-Krise „hart erwischt“. Bühler ist laut Hertlein „zu 90 Prozent“ Zulieferer für die Automobilindustrie. Die Aufträge gingen seit Mitte März nur unregelmäßig ein, ebenso lange gebe es nun Kurzarbeit im Betrieb. Die Zahlen besserten sich jüngst sukzessive, doch die Firma wirtschafte aktuell „weit unter dem Vorjahresniveau“. Hertlein rechnet „mit einer Durststrecke von zwei bis drei Jahren“ in seiner Branche. Er fordert, wie die gesamte IG Metall, eine Ausweitung der Option Kurzarbeit auf 24 Monate.

Fendt Caravan Etwas weniger dramatisch die Lage bei dem Wohnwagenhersteller aus Mertingen. Betriebsratsvorsitzender Marco Schmidt sprach, wie Leppek in Bezug auf Airbus, von einem „blauen Auge“. Das, was die Auftragsbücher momentan hergäben, sei „nicht ganz schlecht“. Man produziere zwar noch nicht wie gewohnt, „aber im Rahmen“. Erfreulich sei, dass es seitens der Konzernleitung zu keinem Zeitpunkt Gespräche über einen möglichen Stellenabbau gegeben habe. Schmidt sprach diese Vorgehensweise vieler anderer Konzerne als unsolidarisch an: „Hiobsbotschaften“ über mögliche künftige Entwicklungen verunsicherten die Menschen und würden keineswegs ein gesundes wirtschaftliches Klima erzeugen. Es dürfe „nicht mit Ängsten gespielt werden“.

JELD-WEN macht sogar ein Plus

JELD-WEN Der Türenhersteller, der ein Werk in Oettingen hat und einer der größten Arbeitgeber im Ries ist, kann derweil kaum klagen: Ein sattes Plus von fünf Prozent im laufenden Geschäftsjahr, und das nach einem ohnehin „guten letzten Jahr“, wie Betriebsratsvorsitzender Thomas Schürer berichtete. Weil das Thema „Digitalisierung“ frühzeitig angepackt worden war, konnten auch die Angestellten in der Verwaltung sofort und reibungslos in die Heimarbeit geschickt werden. Kurzarbeit habe man nur für den Bereich Außendienst in Anspruch nehmen müssen.

Franz Kiel Die Firma stellt Sitze für die Eisenbahnbranche, beispielsweise für Bombardier, her. Erich Hanke ist Betriebsrat des Nördlinger Unternehmens. Er sagte deutlich: „Uns hat Corona richtig erwischt.“ Die Kurzarbeit sei nun aber am Abflauen, das Geschäft laufe in der Zwischenzeit „im Großen und Ganzen rund“. Unterbrechungen der Lieferketten hätten die Firma, im Gegensatz zu anderen, „glücklicherweise nicht betroffen“. Der Umsatz sei wieder „annähernd so wie vor einem Jahr“.

Bei SPN geht es um Kürzungen und Kündigungen

SPN Schwaben Präzision IG Metall-Sekretär Karl Eichberger vertrat die Betriebsräte des Konzerns und schilderte die Lage knapp, aber eindringlich. Er sprach von einer „sehr schwierigen Situation“ der Nördlinger Firma, die sich jedoch schon seit Januar angekündigt hatte. Es gehe derzeit in Verhandlungen um Kürzungen und Kündigungen.

Strenesse Die Modefirma aus Nördlingen war bereits mehr als nur angeschlagen gewesen, bevor Corona über die Gesamtwirtschaft hereinbrach. Doch hier gestaltete sich die Situation besonders tragisch, wie es Betriebsratsvorsitzender Rainer Dirrheimer schilderte: Der Insolvenzplan sei im Februar beim Amtsgericht Nördlingen durchgegangen, eigentlich wäre man im März/April aus der Insolvenz gekommen. „Doch dann hat uns Corona mit voller Wucht getroffen. Außer online gab es keine Umsätze mehr.“ Bei Strenesse sind 50 Mitarbeiter angestellt, davon gut 20 am Standort Nördlingen. Momentan wisse niemand, wie es weitergeht. Die staatlichen Hilfen müssten ausgeweitet werden, so der Gewerkschafter: „Eine Näherin, die circa 1200 Euro netto verdient, hat nun 800 bis 900 Euro. Wie soll das gehen?“

Auch bei Valeo „geht es um Existenzen“

Valeo Der Konzern, der 1600 Menschen in Wemding beschäftigt ist einer der großen Zulieferer für die Automobilindustrie. Corona kam laut stellvertretendem Betriebsratsvorsitzenden Bernd Schneid „wie ein Dampfhammer“. Über Stundenkonten habe man die Kurzarbeit abmildern können, „doch wir sind noch massiv in der Kurzarbeit“. Aktuell bessere sich die Lage sukzessive, aber man sei weit unter dem Niveau vor der Corona-Krise. Eine Metapher verdeutlichte die Entwicklung: „Wir sind mit 200 gefahren und jetzt auf Sicht unterwegs.“ Die Kurzarbeit werde die Mitarbeiter wohl noch länger beschäftigen, sie müsse zeitlich ausgeweitet und finanziell verbessert werden, „denn es geht um Existenzen“, mahnte Schneid an.

Die Gewerkschafter forderten allesamt jene zeitliche und finanzielle Ausweitung der Option Kurzarbeit, nicht zuletzt deshalb, damit die Arbeitnehmer nicht zu Tausenden in existenzielle Nöte gerieten und der soziale Friede im Land auch in schwierigen Zeiten erhalten bleibe. Gerade im Bereich Leiharbeit und bei Befristungen sei landesweit ein Stellenabbau „in vollem Gange“.

IG Metall will Aufstockung der Kurzarbeitslöhne

IG Metall-Mann Leppek lobte indessen das deutsche Modell der Kurzarbeit mit Nachdruck, forderte aber einen nachhaltigen, solidarischen „Pakt für Beschäftigung und Ausbildung“ sowie eine „Brücke für Beschäftigung“ in Krisenzeiten. Es müsse zudem eine gesetzliche Aufstockung auf die Kurzarbeitslöhne geben.

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Kommentar von Thomas Hilgendorf: Wirtschaft in Coronazeiten: Sozial mit kühlem Kopf

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