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29.08.2008

Lieber ein Funke Hoffnung als tödliche Gewissheit

Es ist ein grauer, verregneter Nachmittag, als Monika Stempfle am 27. Januar 1966 um 13.52 Uhr mit dem Zug aus Augsburg am Mertinger Bahnhof eintrifft. Eine Mitschülerin aus Donauwörth beobachtet noch, wie die 17-Jährige aussteigt und über die Gleise in Richtung Oberndorf läuft.

Ihre Eltern wollen sie eigentlich am Bahnhof mit dem Auto abholen. Sie sind aber gut eine Viertelstunde zu spät dran. Ihre Hoffnung, die Tochter zu Hause anzutreffen, erfüllt sich nicht. Monika bleibt verschwunden.

Auch mehr als 42 Jahre später fehlt von Monika Stempfle jede Spur. Es ist laut Polizei der einzige ungeklärte Vermisstenfall im Raum Donauwörth in den vergangenen Jahrzehnten . Was an jenem Wintertag 1966 geschah, darüber gibt es nach wie vor keinerlei Erkenntnisse. Die Kripo hält ein Verbrechen für wahrscheinlich.

Auch Franziska Glückstein geht davon aus, dass ihre Tochter nicht aus freien Stücken verschwand: "Sie war so ein braves Mädchen." Es sei wohl "irgendein Verbrechen" gewesen. Die hübsche, blonde Jugendliche mit den auffälligen Augenbrauen sei womöglich ins Ausland entführt worden, meint die mittlerweile 87-Jährige sichtlich aufgewühlt. "Tag und Nacht" denke sie auch nach all den Jahren an ihre Monika. Auf Antrag der Mutter hat das Amtsgericht Nördlingen nun die Frau, die heuer ihren 60. Geburtstag hätte, für tot erklärt. Dies sei aus formalen Gründen geschehen, so Franziska Glückstein. Auch wenn alles dagegen spreche: "Ich habe auch heute noch die Hoffnung, dass sie lebt."

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In den ersten Stunden nach dem Verschwinden der Schülerin schließen die Eltern zunächst ein Unglück nicht aus. Sie fragen bei Polizei und in Krankenhäusern nach. Vergebens. In den folgenden Tagen finden große Suchaktionen im südlichen Landkreis statt. Ein Hubschrauber kreist über der Gegend, Suchhunde werden eingesetzt und rund 300 Einwohner aus Oberndorf durchkämmen die Flur - ohne Erfolg. Auf die Aufrufe der Polizei in der Presse und im Fernsehen hin melden sich zwar immer wieder Bürger, aber alle möglichen Spuren verlaufen im Sande - obwohl die Ermittlungsgruppe, welche die Kripo eigens bildet, "jedem nur denkbaren Hinweis mit ungeheurer Intensität nachgegangen ist", wie ein beteiligter Beamter später sagt.

"Es erscheint so unwahrscheinlich, dass ein Mensch in einer ländlichen Gegend verschwinden kann, ohne die geringste Spur zu hinterlassen", rätselt nach einigen Monaten die Donauwörther Zeitung. Die Schülerin habe auf ihrem Weg nach Oberndorf die Bundesstraße 2 überqueren müssen. Auf der herrsche "durchaus kein lebhafter Verkehr und sie wird fast ausschließlich von Kraftfahrern befahren, die in der Umgebung daheim sind".

Die verzweifelten Eltern wenden sich an mehrere Hellseher, um das Schicksal Monikas zu klären. Ein berühmter holländischer Wahrsager sieht im Sommer 1966 Anhaltspunkte im Nürnberger Stadtteil Tullnau. In einem hohen Haus mit wenig Fenstern gebe es "Ansatzpunkte zur Auffindung des Mädchens", diktiert der Holländer Franziska Glückstein. Sie und ihr Mann fahren daraufhin fast jeden Sonntag nach Nürnberg, um das ominöse Haus zu suchen. Sie finden es nicht.

Nach zwei Jahren löst die Kripo die Ermittlungsgruppe auf. Rund 400 vermeintlichen Spuren sind die Beamten nachgegangen. Doch es kam nichts heraus. "Zum Schluss war es deprimierend", so ein damals beteiligter Hauptkommissar Jahre später gegenüber unserer Zeitung. Ende der 1970er Jahre entführt ein Mann zwei junge Frauen, eine davon tötet er bei Crailsheim und die andere versteckt er in einem gesprengten Bunker im Landkreis Augsburg. Sie kann sich befreien und der Täter wird gefasst. Bei der Überprüfung der Vorgeschichte des Mörders stellt sich heraus, dass er in der Zeit, in der Monika Stempfle verschwand, den gleichen, auffälligen Autotyp fuhr, der am 27. Januar 1966 am Bahnhof in Mertingen gesehen worden sein soll. Der vage Verdacht lässt sich nicht weiter erhärten. Der Mann, der bis heute in Haft sitzt, schweigt.

Auch als 1983 nahe Bayerdilling ein Skelett entdeckt wird, werden die Beamten wieder aktiv. Doch Untersuchungen ergeben: wieder Fehlanzeige. Zuletzt legt die Polizei 2001 der Familie von Monika Stempfle ein Bild vor. Ein Urlauber aus Augsburg hat in der Türkei eine Frau fotografiert, die ihn an die Vermisste erinnert. Die unbekannte Schöne habe jedoch keine Ähnlichkeit mit ihrer Stiefschwester, winkt Isolde Schuhladen ab.

Zwar seien inzwischen alle Polizisten, die in den 1960er und 1970er Jahren mit dem Fall Monika Stempfle zu tun hatten, in Pension, vergessen sei die Angelegenheit aber nicht, erklärt der Dillinger Kripo-Chef Alois Stadler, seit dieser Woche ebenfalls im Ruhestand: "Die Vermisstensache wird immer wieder mal mit anderen Fällen abgeglichen." Schließlich gelte: "Mord verjährt nicht." Vier Ordner, gefüllt mit inzwischen vergilbten Blättern, umfassen die Unterlagen über den ungeklärten Fall.

Franziska Glückstein hat zwar noch viele Erinnerungsstücke an ihre Tochter, aber sie schaut nur selten darauf - "weil es mir wehtut". Bei all der Sehnsucht, das Schicksal Monikas klären zu können, hat die 87-Jährige einen Wunsch: "Lieber soll sie gar nicht heimkommen, als dass sie tot gefunden wird."

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