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Erziehung

22.11.2019

Mehr Stellen gegen Mobbing und Frust

Kinder fressen Schulfrust und das Erleben von Mobbing und Hänseleien oft in sich hinein – auch um zu verhindern, dass Heranwachsende ausgegrenzt werden und vom Weg abkommen, wurde die Jugendsozialarbeit mittlerweile an vielen Schulen Bayerns eingeführt.
Bild: Kalaene, dpa

Die Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) feiert ihren 20. Geburtstag. Sozialpädagogen sollen in Zukunft flächendeckend eingesetzt werden. Woran das 2020 aber scheitern könnte

Wenn Sascha Vetter auf dem Pausenhof Schülergrüppchen beobachtet, dann muss er meist genauer hinsehen: Wird da gerade ein Mitschüler in die Mangel genommen oder werden nur Sammelkarten getauscht? Oft genug geschieht Ersteres. Ein Grund mehr, der seinen Einsatz als Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule im Landkreis rechtfertigt. Just am 20. „Geburtstag“ der Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) in Bayern berichtete Vetter dem Jugendhilfeausschuss von seiner und der Tätigkeit seiner Kollegen. Derweil bekunden zahlreiche Schulen im Landkreis Donau-Ries Interesse an einem Sozialarbeiter für die Schüler.

Sascha Vetters Aufgaben stellen sich jeden Tag neu. Er weiß in der Früh selten, was ihn im Laufe eines Schultages erwartet: Mobbing unter Schülern, familiäre Probleme, Ängste, Suizidandrohungen, Gewalt in Familien oder auf dem Pausenhof, Radikalisierungen, Trennung oder Scheidung der Eltern, Aggressionen ... Die Liste ließe sich in dieser Manier fortführen.

Der Sozialpädagoge der Katholischen Jugendfürsorge (KJF), die im Auftrag des Landkreises bereits an vielen Schulen tätig ist, hat ein breit gefasstes Aufgabenspektrum. Er soll die Heranwachsenden an die Hand nehmen, die „soziale Integration“ fördern, wie es im Fachjargon heißt. Dass diese und weitere Aufgaben ziemlich wichtig sind, zeigte ein Beispiel aus Bäumenheim. Dort bemerkten die Sozialarbeiter die islamistische Radikalisierung einer Schülerin – eine geplante Ausreise in Richtung Syrien konnte so noch verhindert werden. Das freilich gilt als Ausnahmefall. Fälle, die es aber mittlerweile eben auch gibt. Auch hier braucht es aufmerksame Beobachter, die einen Draht zu den Schülern haben – auch außerhalb des Klassenzimmers.

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Der Bedarf an JaS steige merklich: „Die Zahl der Verhaltensauffälligkeiten hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen“, fasst Vetter zusammen. Besonders mit Blick auf das sogenannte „Cybermobbing“ über soziale Medien wie Facebook, Instagram und andere Plattformen geschehe dies. Auch kursierende Nacktaufnahmen von Schülern aus den Umkleiden gäben nach wie vor unbedingt Anlass zum Eingreifen. Letztlich könnte – quasi als Ultima Ratio – das dann auch polizeilich sein. Es gebe mittlerweile eigentlich „keine fünfte Klasse ohne jegliche Schwierigkeiten“, fasst Vetter zusammen, der an einer Mittelschule im Landkreis arbeitet.

Doch die Arbeit trage ihre Früchte: Tutorenprogramme, viele vertrauliche Gespräche mit Eltern, Schülern und auch Lehrkräften bauten mitunter „gute Rahmen“ für die Heranwachsenden auf. Außenseiter könnten über die menschliche Zuwendung und das Erkennen ihrer Schwierigkeiten leichter integriert werden. Gerade wegen der sich inzwischen abzeichnenden Erfolge der Jugendsozialarbeit an Schulen fordern viele Einrichtungen eine solche Stelle bei ihnen vor Ort. Sozialarbeiter der KJF sind tätig an den Mittelschulen in Donauwörth, Rain, Oettingen, Monheim, Wemding, Nördlingen und Bäumenheim sowie an den Grundschulen in der Donauwörther Parkstadt und der Hans-Schäufelin-Grundschule in Nördlingen, ebenso an der Abt-Ulrich-Schule in Kaisheim. Auch als Träger an Bord ist die Lebenshilfe, deren Mitarbeiter an der Mittelschule Harburg, der Grundschule Schillerstraße und der Mittelschule Wallerstein tätig sind.

Inzwischen definierte das Landratsamt einige mögliche neue Standorte. Dabei handelt es sich um die Mittelschule Deiningen, die Grundschulen in Bäumenheim, Wemding, Oettingen und Monheim, die Förderzentren Kaisheim und Nördlingen im Grundschulbereich sowie generell die Realschulen im Landkreis.

Jugendamtsleiter Adelbert Singer untermauerte den hohen Bedarf in der Region: „Die Nachfrage ist da, JaS ist ein Erfolgsmodell.“ Landrat Stefan Rößle untermauerte dies – er stehe zu hundert Prozent hinter JaS, das Programm müsse ausgeweitet werden. Gut 1300 Schulen in Bayern verfügen über die Jugendsozialarbeit. Allerdings seien, wie Rößle berichtete, für den kommenden bayerischen Haushalt zunächst keine weiteren Stellen angedacht. Margit Jeltsch, Gesamtleiterin der KJF Donau-Ries, warnte vor einer Pause beim Aufbau der flächendeckenden Sozialarbeit an den hiesigen Schulen: „Wir würden Jahre verlieren.“ Sodann beschloss der Ausschuss in Donauwörth, dass weitere Stellen für den Landkreis mit Nachdruck gefordert werden.

Im Rahmen der Sitzung kritisierten die Donauwörther Ausschussmitglieder Heiner Kopriwa und Josef Reichensberger, dass es zuletzt nicht gelungen war, einen Sozialarbeiter an der Mangoldschule in Donauwörth zu installieren. Die Möglichkeit dazu hätte bestanden – es könne nicht sein, dass dies aufgrund von räumlichen Gegebenheiten scheiterte. Die Option einer Unterbringung in der gleich über dem Hof liegenden Vhs, so Kopriwa, sei an juristischen Bedenken gescheitert: „Das ist eine Frage der Bürokratie, die man nicht fassen kann.“ Jugendamtsleiter Singer sagte dazu, dass letztlich „Signale seitens der Stadt und der Schulleitung“ gekommen seien, dass es keinen geeigneten Raum gebe. In Nördlingen jedoch habe man an der Schillerstraße „mit Kreativität“, wie ein Ausschussmitglied anmerkte, einen solchen Raum durchaus schaffen können.

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