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Geschichte

20.03.2015

Missbrauch und Mordversuche

„Das war richtig spannend.“Hubert Wolf über seine Recherchen

Hubert Wolf hat in seinem Buch „Die Nonnen von Sant’Ambrogio“ einen Kirchenskandal aufgedeckt. Bei der Lesung in Donauwörth stellt er schockierende Details vor

Giftmorde, Mystikerinnen und Machtkämpfe in der römischen Kurie: In seinem Buch „Die Nonnen von Sant’Ambrogio“ beschreibt Hubert Wolf einen kirchlichen Skandal von ungeahntem Ausmaß. Und da der 56-Jährige noch dazu ein exzellenter Erzähler ist, erinnert sein Werk ein bisschen an Dan Brown und Umberto Eco. Mit einem Unterschied: Für Fiktion ist in „Die Nonnen von Sant’Ambrogio“ kein Platz. Wolf ist nämlich katholischer Priester, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster und einer der führenden Kirchenhistoriker. Und deshalb betont Wolf auch bei der Vorstellung seines Buchs in der Donauwörther Buchhandlung Rupprecht, dass er jeden Halbsatz belegen könne.

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Rund zehn Jahre hat der Kirchenhistoriker die vollständig erhaltenen Prozessakten aus dem 19. Jahrhundert ausgewertet: „Das war richtig spannend“, erzählt Wolf. „Ich konnte dem Inquisitor Vincenzo Leone Sallua, der von 1859 bis 1861 ermittelte, bei seiner Arbeit praktisch über die Schulter schauen.“ Und was dieser entdeckte, hat es Wolf zufolge in sich: Im römischen Nonnenkloster Sant’Ambrogio wurde konsequent gegen kirchliches und weltliches Recht verstoßen. In den Quellen ist unter anderem vom Bruch des Beichtgeheimnisses, falscher Heiligkeit, sexuellem Missbrauch und Mordversuchen die Rede. Im Mittelpunkt des Skandals stehen die Novizenmeisterin und Vikarin Maria Luisa sowie die adlige Nonne Katharina von Hohenzollern, deren Aussagen später den Inquisitionsprozess ins Rollen brachten.

Wie ihre Vorgängerinnen an der Spitze des Klosters hatte sich Maria Luisa eine scheinbar unangreifbare Machtposition geschaffen, die auf sexuellen Praktiken und vorgetäuschter Heiligkeit beruhte. So verfasste die Vikarin vermeintliche Briefe der Gottesmutter Maria selbst, mit denen sie ihren Willen im Kloster durchsetzte und sogar kirchenpolitische Entscheidungen beeinflusste. Eines dieser Schreiben hatte Hubert Wolf in Donauwörth dabei: „In ziemlich schlechtem Französisch verlangte Maria die Versetzung eines Jesuitenpaters“, fasst es der Kirchenhistoriker zusammen, bevor er sich mit einem verschmitzten Lachen an sein Publikum wendet: „Viele Kirchenmänner damals hielten den Brief für echt. Und wer kann sich schon dem materialisierten Willen der Gottesmutter widersetzen?“

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Doch die Ausschweifungen im Kloster Sant’Ambrogio gehen laut Wolf über die körperlichen Bedürfnisse und das Machtstreben einiger Nonnen hinaus. In den Skandal waren sogar führende Kirchenleute involviert. Etwa Joseph Kleutgen, der später das bis heute gültige Unfehlbarkeitsdogma des Papstes mitverfasste und in der Affäre Sant’Ambrogio von Papst Pius IX. gedeckt wurde.

Die Brisanz seiner Entdeckung lässt Hubert Wolf allerdings nicht an der Kirche oder gar seinem Glauben zweifeln. Vielmehr verlangt er, dass alle Quellen auf den Tisch kommen und die Kirche ihre Geschichte aufarbeitet: „Ansonsten haben wir wirklich ein Glaubwürdigkeitsproblem.“ Ob die Kardinäle und Papst Franziskus das verstanden haben, will der 56-Jährige nicht beurteilen. Er selbst aber möchte mit seiner Arbeit dazu beitragen: „Als Historiker ist es meine Aufgabe, die entsprechenden Dokumente zu finden und zu bewerten. Die kirchen- und strafrechtliche Einordnung müssen andere leisten. Das kann ich nicht.“

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