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Donauwörth

27.02.2018

Misshandlungen in Kinderheim: "Geprügelt wie eine Weltmeisterin"

Im ehemaligen Kloster Heilig Kreuz war früher auch ein Kinderheim untergebracht.
Bild: Barbara Würmseher

Ehemalige Bewohner eines Donauwörther Kinderheims berichten von Misshandlungen. Die Fälle sind über 40 Jahre alt – warum sie jetzt an die Öffentlichkeit kommen.

Strenge Regeln, Drohungen, Gewalt und ein permanentes Klima der Angst bestimmten über Jahre das Leben von Kindern, die in einem Donauwörther Kinderheim eigentlich Schutz und Geborgenheit finden sollten. Das "Cassianeum" wurde bereits 1977 geschlossen – doch in diesen Tagen schlagen die über 40 Jahre alten Misshandlungen rund um den früheren katholichen Pfarrer und Leiter des Kinderheims, Max Auer, hohe Wellen. Der Grund: Das Bistum Augsburg weiß bereits seit mehreren Jahren von den Vorkommnissen im ehemaligen Kloster Heilig Kreuz. Die Öffentlichkeit erfuhr jedoch erst davon, als sich jüngst zwei betroffene Schwestern an Medien wandten. Nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks in der vergangenen Woche melden sich nun immer mehr ehemalige Heimbewohner.

Körperliche und seelische Misshandlungen

"Wir wissen mittlerweile von sechs Betroffenen", erklärt Karl-Georg Michel, Sprecher des Bistums Augsburg. Die zwei Schwestern sowie ein weiterer ehemaliger Bewohner seien schon vor Jahren von der Kirche finanziell entschädigt worden, als "Anerkennung des Leids".

Ein ehemaliges Heimkind, das sich an unsere Redaktion wandte, erzählte von häufiger Gewalt durch eine Erzieherin: "Sie hat geprügelt wie eine Weltmeisterin." Er betonte aber auch, dass es einzelne Personen gewesen seien, die für ihre Exzesse bekannt gewesen seien. Zu den Strafen im Donauwörther Kinderheim gehörte laut dem Mann, der drei Jahre in der Einrichtung lebte, unter anderem auch, dass Kinder Erbrochenes essen mussten. Zudem durften die Kinder nachts nicht auf die Toilette gehen und wurden drakonisch für kleine Verfehlungen bestraft. Laut den beiden Schwestern gab es auch sexuelle Übergriffe von älteren Buben.

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Aufarbeitung könnte schwierig werden

"Was die von körperlichen und seelischen Misshandlungen betroffenen Frauen geschildert haben, hat mich zutiefst bewegt und auch beschämt", erklärte der heutige Leiter der Stiftung "Cassianeum", Peter Kosak. Er ist seit wenigen Wochen im Amt und kündigte eine Aufarbeitung der Geschehnisse an. Das könnte jedoch schwierig werden. "Zu meinem großen Erstaunen musste ich feststellen, dass es über das Heim sowohl im Cassianeum als auch im Stadtarchiv Donauwörth nur noch einige wenige Archivbestände gibt", sagt Kosak und bittet in einem Aufruf auf der Internetseite der Stiftung weitere Betroffene, sich zu melden.

Drei von ihnen suchten in den vergangenen Tagen den Kontakt zur Missbrauchsbeauftragten der Diözese Augsburg, Brigitte Ketterle-Faber. Sie weiß aus vielen Gesprächen, wie schwer es Opfern fällt, sich zu öffnen. "Oft brauchen sie viele Jahre, bis sie darüber sprechen können, was ihnen angetan wurde", erklärt Ketterle-Faber. Manchen helfe dann schon ein Gespräch mit ihr, anderen sei es wichtig, dass öffentlich an die Geschehnisse von damals erinnert wird: "Damit nicht vergessen wird, was passiert ist." So geht es offenbar auch den beiden Schwestern, die nun den Anstoß für die Debatte rund um das "Cassianeum" gegeben haben.

Diözese zahlte 480.000 Euro an Entschädigungen

Warum das Bistum nicht schon vor sieben Jahren, als es von den Vorkommnissen in dem Heim erfahren hat, an die Öffentlichkeit gegangen ist, erklärt Sprecher Michel so: Zum einen sei das "Cassianeum" eine von der Diözese unabhängige Stiftung, die selbst für die Aufarbeitung der Fälle zuständig sei. Zum anderen habe eine der Schwestern vor Jahren Wert darauf gelegt, dass nicht über die Höhe der Entschädigungszahlungen berichtet werde. Kritik, dass die Kirche etwas verheimlichen wollte, weist Michel zurück.

Und auch die Missbrauchsbeauftragte erklärt, dass die Diözese sehr großen Wert auf die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen lege. "Ich habe nicht das Gefühl, dass hier etwas unter den Tisch gekehrt wird", sagt Ketterle-Faber, die seit 2013 im Amt ist. Seit dem Jahr 2010 hat die Diözese Augsburg 66 Missbrauchsopfern Entschädigungen in Höhe von 480.000 Euro bezahlt.

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27.02.2018

So war das in der "guten" alten Zeit.

Aber das ist ja schon vergessen und deshalb wird lieber über die "Zustände" von heute geschimpft.

Erst wenn es uns mal wieder nicht mehr so gut geht wie derzeit, werden viele kapieren, was sie damals = heute, hatten. Lasst uns unser Land nicht von AfD und anderen Verrückten (Pegida, Reichsbürger, etc.) kaputt machen.

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