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Donauwörth

21.12.2020

Paarberaterin: „Es explodiert vor Weihnachten“

Plus Mehr Paare denn je suchen noch vor dem Fest Hilfe bei der Paarberatung. Warum Corona als Brandbeschleuniger wirkt und welche Strategien eine Trennung verhindern können.

Seit 20 Jahren ist Rita Sperber-Nusch in der Beratungsstelle für Ehe- und Familien des Bistums Augsburg tätig. Sie weiß, dass es vor Weihnachten in vielen Familien hoch hergeht. Das nahende Fest bringt viele Krisen ans Licht. Aber dieses Jahr erwischt es mehr Paare als sonst. „ Corona ist wie ein Brennglas. Der Stress legt sich auf die Paare und es explodiert vor Weihnachten.“

Beratungsstelle für Paare hat im Dezember viel zu tun

Das erkennt sie schon daran, dass sie und ihre Kollegen in der psychologisch-fachlichen Begleitung in diesen Tagen extrem viel zu tun haben. „Die Leute können und wollen nicht bis in den Januar warten, sondern jetzt reden“, berichtet Sperber-Nusch. Also kommen die Paare in die Beratungsstelle und berichten in gehörigem Abstand auf neutralem Boden gegenüber einer unbelasteten Gesprächsperson, was sie so zweifeln lässt – an der Liebe zu ihrem Partner, an dem Leben, das sie führen und, ob sie so weitermachen wollen. Schon allein die erste Beratung, so Sperber-Nusch, kann viel Druck rausnehmen.

„Ein Gespräch bei uns kann wie ein Katalysator wirken, denn die Partner hören ganz anders zu und es gibt keine frontale Auseinandersetzung.“ In dieser Situation können die Partner dann auspacken. Warum sie sich streiten. Warum sie die Situation zu Hause nicht mehr aushalten. „Meist entzündet sich das Problem an einem banalen Anlass, aber dann bricht es auf und es geht schnell um das große Ganze.“

Streit zwischen Paaren eskaliert wegen Corona momentan schneller

Und diese Stufe der Eskalation, so die erfahrene Beraterin, erreichen die Paare gerade besonders schnell. Denn die allgemeine Lage mit Lockdown, Angst vor einer Corona-Infektion und der Enge zu Hause beschleunigt die Krise, die sich vielleicht schon vorher abgezeichnet haben kann. „Gerade auch das Thema Homeoffice stresst die Paare, denn es gibt keine räumliche Grenze mehr und auch die Rollen vermischen sich“, sagt die 64-Jährige. Mutter oder Vater, Ehepartner, Kollege und geforderte Angestellte – das alles ist man plötzlich in seinem eigenen Heimbüro oder gar am Küchentisch. Bei der ersten Welle im Frühjahr, hätten viele die Heimarbeit als positiv bewertet. „Jetzt aber sind alle an sich sehr viel mehr angespannt“, so die Therapeutin. „Der Stress auf der eh schon belasteten Familie vervielfältigt sich.“

Was kann sie den Paaren raten? „Suchen Sie das, was verbindet und nicht das, was trennt“, so die Expertin. Ist es nur das Haus, die Kinder oder sind da noch alte Gefühle? Gerade die vielen jungen Paare, die bei Sperber-Nusch im Beratungszimmer sitzen, stellen fest, wie schnell bei Kindern, Haushalt und Beruf die Paarbeziehung verschwunden ist. Gerade jetzt aber fehlen die schönen Dinge des Lebens: ein gemeinsames Essen im Restaurant – vielleicht auch mal ohne Kinder – , das Treffen mit Freunden, ein Konzertbesuch oder eine Reise – Dinge, die schöne Erinnerungen produzieren und ein Paar – außerhalb seiner Funktion als Eltern – zusammenhält. „Heute bleibt eher der gemeinsame Waldspaziergang – aber nur unter der Bedingung, dann nicht über die Probleme zu reden“, rät die Beraterin.

Situation ist aktuell auch für junge Erwachsene und Alleinerziehende schwer

Die gäbe es auch in den Familien, wenn die eigentlich fürs Studium schon ausgezogenen erwachsenen Kindern jetzt wieder ins Familiennest schlüpfen wollen. Die nötige Distanz und gewünschte Nähe in Balance zu halten, stelle viele vor eine große Herausforderung. Die jungen Erwachsenen kämpfen zudem mit Zukunftsängsten und der Enttäuschung über geplatzte Träume.

Die Selbstständigkeit und neue Freiheiten sind erst einmal ohne Bedeutung. Massiv zu kämpfen hätten auch die Alleinerziehenden, denn an ihnen bleibe noch mehr hängen als sonst. Schule, Kindergarten, die helfende Oma, Trainingsstunden im Sportverein oder Treffen mit Freunden – diese Entlastungsmöglichkeiten fallen jetzt weg.

Unsichere Zeiten bringen unterschiedliche Stressmuster hervor

Und so bringen diese unsicheren Zeiten bei den Menschen ganz unterschiedliche Stressmuster hervor – sie versuchen sich aus der Situation zu befreien, andere erstarren eher. „Oder es gibt eben viel Streit“, so Sperber-Nusch. Nicht nur unterm Tannenbaum.

Sollte es an Weihnachten wirklich eskalieren und die Notbesetzung der Beratungsstelle ist nicht greifbar, rät sie dazu, erst einmal zu versuchen, die Situation zu befrieden. „Sich zurückziehen, in die Badewanne gehen oder sich in der Natur zu bewegen – das nimmt die Emotion raus.“

Die psychologische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen des Bistums Augsburg hat seine Hauptstelle in Donauwörth und ist unter 0906/21215 zu erreichen. Es gibt Außenstellen in Dillingen und Dinkelsbühl. Sie berät Erwachsene ab 18 Jahre. In dringenden Fällen hilft die Telefonseelsorge 0800/1110111.

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