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Donauwörth/Amerdingen

29.07.2020

Razzia im Schweinestall: Die Ermittlungen sind beendet

Blick in den Stall: Wenn die Muttersauen die Ferkel geworfen haben und diese säugen, befinden sie sich auf dem Reichertsweiler Hof für acht Tage in solchen Kastenständen. Hier eine Aufnahme vom Juli 2015.
Bild: Widemann

Plus 2015 starteten die Behörden Großkontrollen auf dem Reichertsweiler Hof und auf Gut Sternbach. So wurde die Sache nun juristisch aufgearbeitet.

Es war die bis dahin umfangreichste Aktion dieser Art in einem tierhaltenden Betrieb in Bayern und womöglich weit darüber hinaus: Vor gut fünf Jahren tauchte ein Großaufgebot an Einsatzkräften auf dem Reichertsweiler Hof (Stadt Donauwörth) und im dazu gehörenden Gut Sternbach (Gemeinde Amerdingen) auf. 15 Veterinäre, zahlreiche Behördenvertreter, Polizisten und ein Staatsanwalt nahmen einen Tag lang die Betriebe des Ferkelerzeugers unter die Lupe, der zu den größten im Freistaat zählt. Die Beamten – insgesamt waren es rund 100 – schauten sich alle rund 25000 Schweine an und beschlagnahmten kistenweise Geschäftsunterlagen.

Anlass für die ungewöhnliche Kontrolle: Das Unternehmen, das damals unter dem Namen Straathof-Strehle GmbH firmierte, war in den Verdacht geraten, gegen Vorschriften des Tierschutzes zu verstoßen. In den Wochen nach der Aktion im Juni 2015 wurde bekannt, dass gegen vier Mitarbeiter strafrechtlich ermittelt würde. Die Firma konnte die Razzia nicht nachvollziehen und bezeichnete diese als „unverhältnismäßig“.

Es handelte sich um ein komplexes Verfahren

Dann gab es in dem Fall lange Zeit keine Neuigkeiten mehr. Es werde weiter ermittelt, hieß es in den folgenden Jahren. Das Verfahren sei komplex. Diverse Behörden und Sachverständige wurden in die Nachforschungen einbezogen. Details waren nur wenige zu erfahren. Es ging unter anderem um die Frage, wie groß die sogenannten Kastenstände sein dürfen. In diesen Stahlrohr-Konstruktionen halten sich die Sauen auf, wenn sie besamt werden und wenn sie Junge bekommen haben. Mit den Kastenständen Zeit soll verhindert werden, dass die Muttertiere ihren Nachwuchs erdrücken.

Razzia im Schweinestall: Die Ermittlungen sind beendet

Zudem wurde bekannt, dass die Behörden bei der Kontrolle wohl den Zustand einiger Tiere beanstandeten. Vonseiten des Betriebsleiters war zu erfahren, dass ein Tier gefunden worden sei, das mit einer alten, bereits eitrigen Wunde im Stall gestanden habe: „Das haben wir übersehen, weil es sich unauffällig verhielt.“ Alle anderen Schweine, die den Veterinären aufgefallen waren, seien „Diskussionssache“. Die Ferkel hätten zwar gesundheitliche Einschränkungen gehabt, aber normal fressen können und seien in der Gruppe integriert gewesen.

Drei Personen wurden zu Geldstrafen verurteilt

Man habe sich jedoch aufklären lassen müssen, dass solche Schweine laut Tierschutzgesetz notgetötet und entsorgt werden müssen, so der Betriebsleiter im Juli 2015. Außerdem habe den Kontrolleuren der Zustand zweier Jungsauen nicht gefallen. Die seien erst am Vorabend geliefert worden.

Fünf Jahre später sind die strafrechtlichen Ermittlungen, die aus der Großkontrolle resultierten, abgeschlossen. Drei Mitglieder der Geschäftsleitung seien zu Geldstrafen verurteilt worden, teilt die Staatsanwaltschaft Augsburg auf Anfrage unserer Zeitung mit – und zwar nicht wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz, sondern wegen des „fahrlässigen unerlaubten Betreibens einer Anlage“, wie der Tatbestand im Strafgesetzbuch heißt.

Keine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz

Es geht um Folgendes: In einem Stall für mehr als 4499 Tiere ist grundsätzlich eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz erforderlich. Für das Gut Sternbach lag diese nicht vor, obwohl dort – so stellten die Behörden fest – Platz für gut 5100 Ferkel sei. Dies sei bei der Auswertung der Geschäftsunterlagen aufgekommen, erklärt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Deshalb seien Strafbefehle gegen drei Geschäftsführer erlassen worden. Einer von ihnen war von Dezember 2012 bis Januar 2015 verantwortlich. Es sei nachgewiesen worden, dass in dieser Zeit in Gut Sternbach bis zu 6615 Ferkel gehalten worden seien, so die Staatsanwaltschaft. Gegen den Mann sei eine Geldstrafe in Höhe von 13500 Euro verhängt worden.

Die Strafbefehle sind rechtskräftig

Zwei andere Geschäftsführer, die 2015 für den Betrieb zuständig waren, kamen mit jeweils 3300 Euro davon. Die Strafbefehle wurden im Dezember 2018, im Juli 2019 beziehungsweise im April 2020 akzeptiert und sind damit rechtskräftig.

Die Fälle, in denen es um mögliche Verstöße gegen das Tierschutzgesetz ging, wurden eingestellt. Grund: Eine Bestrafung wäre neben den geschilderten Verurteilungen nicht ins Gewicht gefallen. Das Verschulden sei gering.

Aktueller Betriebsleiter: „Wir tun unser Bestes“

Der aktuelle Betriebsleiter betont: „Wir haben uns tierschutzrechtlich nichts zu Schulden kommen lassen.“ Bei der Sache mit dem Bundesimmissionsschutzrecht handle es sich aus seiner Sicht um eine „reine Formalsache“. Der Agrartechniker stellt klar: In dem Zeitraum, in dem er verantwortlich war, seien in dem Stall in Gut Sternbach nie mehr als 4499 Tiere gestanden. Im Schnitt seien es etwa 3800 gewesen, zum Zeitpunkt der Kontrolle sogar nur rund 2800.

Der Betriebsleiter versichert: „Wir tun alles, damit die Vorschriften eingehalten werden.“ Seit 2015 praktizierten die Behörden eine „schärfere Gangart“. Darauf habe man sich eingestellt: „Wir tun unser Bestes.“

2013 Übernahme durch Adrianus Straathof

Das nordschwäbische Unternehmen, das zur Firma LFD (Landwirtschaftliche Ferkel Deutschland) Holding gehört und sich inzwischen Reichertsweiler Ferkel GmbH nennt, existiert seit Jahrzehnten, geriet jedoch in finanzielle Schieflage. 2013 übernahm der Niederländer Adrianus Straathof den Betrieb mehrheitlich und erweiterte ihn. Straathof geriet jedoch ins Visier von Behörden und Tierschützern, weil an einem Standort in Sachsen-Anhalt schwerwiegende Mängel bei der Versorgung, Unterbringung und Pflege von Schweinen ans Tageslicht kamen.

Mittlerweile – so stellen die Verantwortlichen der Reichertsweiler Ferkel GmbH klar – existiere das „System Straathof“ in Deutschland nicht mehr. Der sogenannte „Schweinebaron“ aus Holland sei bereits vor geraumer Zeit komplett ausgestiegen.

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