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Geschichte

02.11.2019

Vom Landtag ins Gefängnis

Die Wanderausstellung „Verfassung? Geht mich an!“ 200 Jahre bayerische Verfassung ist aktuell im Kaisersaal der Justizvollzugsanstalt Kaisheim zu sehen und ist nach Anmeldung zu besichtigen.
Bild: Färber

In der JVA Kaisheim ist derzeit eine Ausstellung zum Thema 200 Jahre bayerische Verfassung zu sehen. In deren Mittelpunkt steht ein Stück, das normal in München zu Hause ist

Im Kaisersaal der Justizvollzugsanstalt Kaisheim läuft derzeit die Wanderausstellung „Verfassung? Geht mich an!“ zum Thema 200 Jahre bayerische Verfassung. Zum 200. Jahrestag der Verfassung im Jahr 2018 hatte Oberstudienrätin Christine Schmid-Mägele eine Ausstellung zum Thema konzipiert. Daran beteiligt waren Schüler des Paul-Klee-Gymnasiums Gersthofen, der Lebenshilfe Aichach sowie der Integrationsklasse der Mittelschule Aichach. Darüber hinaus brachten auch Inhaftierte der JVA Aichach ihre Gedanken und Vorstellungen zum Thema Verfassung, Demokratie und Heimat in die Ausstellung mit ein.

Heraus kam eine Wanderausstellung, die seit dem vergangenen Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird und neben künstlerischen Umsetzungen auch Texte, Interviews und besondere Exponate zeigt: So ist unter anderem die bayerische Verfassung von 1818 als Druckausgabe im Original zu sehen – ein Ausstellungsstück, das nur mit bereitliegenden Handschuhen angefasst werden darf.

Im Zentrum der Ausstellung steht eine Replik der Verfassungslade, die durch Gefangene der Justizvollzugsanstalt Kaisheim gefertigt, der Präsidentin des bayerischen Landtages Ilse Aigner übergeben wurde, und nun ihren Weg zurück nach Kaisheim als Leihgabe für die Dauer der Ausstellung gefunden hat.

Vom Landtag ins Gefängnis

Im Rahmen des Festaktes zur Eröffnung beschrieb der Kaisheimer Anstaltsleiter Peter Landauer die monatelange Arbeit, die die Betriebe der Justizvollzugsanstalt auf sich nahmen, um die Verfassungslade maßstabsgetreu nachzubauen. Anstaltslehrer Jakob Mägele verriet, dass zur Erreichung der speziellen Patina des Holzes dieses sogar geräuchert werden musste. Besonders erfreut zeigte sich der Anstaltsleiter davon, dass die Wanderausstellung auch in den Räumen der Justizvollzugsanstalt zu bewundern ist, die auf eine ähnlich lange Geschichte wie die bayerische Verfassung zurückblickt – seit 1816 werden in den Gebäuden des ehemaligen Klosters Menschen inhaftiert.

Abgeordnete Schorer-Dremel schilderte in ihrem Grußwort, dass sie und alle Abgeordneten seit der Stiftung der Verfassungslade an den bayerischen Landtag jeden Tag auf dem Weg in den Sitzungssaal daran vorbeigegangen seien – und nun etwas fehle, auf das man sich aber nach Abschluss der Ausstellung wieder freuen könne. Sie betonte, dass ohne eine ausbalancierte Verfassung und Verfassungsorgane ein Staat wie wir ihn heute kennen nicht existieren könne; aktuell sehe man dies am Beispiel Großbritannien. Auch die direkte Beeinflussung der Politik durch das Volk nehme in letzter Zeit zu; die steigenden Zahlen der Volksbegehren beweisen dies.

Ludwig Unger von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit ging der Frage nach, warum der bayerische Staat als erster eine Verfassung gewährte, bedeutete diese doch damals Einschränkungen in die Allmacht des Herrschers. Allerdings sei diese Einschränkung im Vergleich zu heutigen Parlamenten noch gering gewesen, war der bayerische König doch nur verpflichtet, die Ständeversammlung alle drei Jahre und dann nur maximal für zwei Monate einzuberufen.

Oberstudienrätin Schmid-Mägele vom Maria-Ward-Gymnasium Augsburg beschrieb die Entstehung der Ausstellung von der Idee über die Suche nach Partnern bis hin zur Umsetzung. Das trockene Thema der Verfassungsgeschichte erlebbar zu machen, war oberstes Ziel in der Erschaffung der Ausstellung. Einen Zugang zur damaligen Zeit hätten ihre Schüler dadurch erhalten, dass sie einen Nachfahren eines Abgeordneten der Ständeversammlung von 1818 besuchen und in Aufzeichnungen stöbern konnten.

Eine historische Betrachtung allein war für die nun gezeigte Ausstellung aber nicht genug: Wichtig war die Beantwortung der Fragen „Was bedeutet Verfassung für mich?“ und „Was ist Heimat?“ – hochpolitische und aktuelle Fragen, die multi-perspektivisch und unter Ansprache aller Sinne beantwortet werden – die Besucher können Interviews anhören, Pop-Art-Bilder des Königs bewundern, in der Verfassung blättern, kleine Papierbühnen betrachten und zum Abschluss ihre eigenen Gedanken zum Thema Verfassung beitragen. (pm)

Wer 200 Jahre bayerische Verfassung erleben möchte, kann die Ausstellung zu den Öffnungszeiten des Kaisersaals der Justizvollzugsanstalt Kaisheim nach Anmeldung unter der Telefonnummer 09099/9990 - besuchen.

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