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DZ-Adventskalender

19.12.2020

Türchen 19: Bad Santa

AZ-Grafik

Öffnen Sie das 19. Türchen in unserem digitalen Adventskalender. Das Thema 2020: Weihnachtsfilme. Heute: Bad Santa

Sehnsüchtig warten die Kleinen im Saguaro Square Einkaufszentrum auf den Weihnachtsmann. Wo bleibt er nur, der Gute, eigentlich sollte er doch längst hier sein? Der Elf trippelt nervös auf und ab und beruhigt die Wartenden. Da endlich kommt der Freund aller Kinder die Rolltreppe hochgefahren – auf den Knien, eine Hand auf dem Geländer, in der anderen eine Schnapsflasche. Der schäbige Mantel ist zerrissen, aus einer Tasche hängt der weiße Bart heraus. Santa torkelt zu seinem Thron, schwankt, stolpert über einen Pappmaché-Kaktus und reißt einen der Esel aus dem Weihnachtsland-Ensemble zu Boden. Wütend stürzt der Volltrunkene sich auf einen weiteren Esel und zertrümmert ihn. Die Kinder und ihre Eltern, beobachten entsetzt, wie der Mann wie von Sinnen mit den Füßen auf die Resten der Figur eintritt. Schnell weg hier – wer so etwas erlebt hat, dessen Glaube an den Weihnachtsmann ist nachhaltig erschüttert.


Willie T. Stokes (Billy Bob Thornton) ist kein guter Kaufhaus-Weihnachtsmann. Er säuft, flucht unflätig, ist grob zu den Kindern, macht sich beim langen Sitzen auf seinem Thron in die Hose und treibt es in der Umkleidekabine der Übergrößen-Abteilung mit einer Prostituierten. Weihnachten interessiert ihn nicht, das einzige, was er als Kind von seinem Vater jemals bekommen hatte, waren Prügel. Warum zieht er sich dann jedes Jahr im Dezember wieder Mantel und Mütze über und hängt sich den weißen Bart um? Zusammen mit seinem kleinwüchsigen Partner Marcus (Tony Cox), der den Weihnachtself darstellt, raubt er die Kaufhäuser aus, in denen die beiden auftreten. Willie T. Stokes ist ein Safeknacker und ein total kaputter Typ dazu. Während Marcus sich seinen Teil der Beute einteilt, bringt Willie den seinen in wenigen Wochen mit Frauen und Alkohol durch. Seine Pläne, sich zu Ruhe zu setzen, scheitern regelmäßig, denn Willie ist nicht in der Lage, ein geordnetes Leben zu führen. Deshalb muss er immer wieder den Weihnachtsmann spielen, auch wenn er den Job hasst.

Der Anti-Weihnachtsfilm, der keiner ist

„Bad Santa“, ein Film von 2003, gilt als Anti-Weihnachtsfilm. Fans haben gezählt, dass Stokes in der englischen Version 146-mal „fuck“ und etwa halb so oft „shit“ sagt. Freigegeben ist der Film ab 16 Jahre. „Bad Santa“ parodiert das Genre, folgt aber letztlich genau dessen Regeln. Zwar wird 95 Minuten lang all das vorgeführt, was der echte Santa Claus gar nicht gerne hat, doch auch hier geht es um Läuterung, um Erlösung. Sogar einer wie der heruntergekommene Misanthrop Willie Stokes hat einen guten Kern, und den kitzeln zwei Menschen heraus, die in sein Leben treten. Die attraktive Sue (Lauren Graham), die sich zu Männern in Santa-Kostüme hingezogen fühlt und der übergewichtige und unterbelichtete Thurman Merman (Brett Kelly), ein Junge, der von den anderen Kindern gemobbt wird und immer noch an den Weihnachtsmann glaubt. Sue gelingt es, so etwas wie eine ernsthafte Beziehung zu dem bindungsunfähigen Kriminellen aufzubauen. Thurman nervt Willie mit seinen dämlichen Fragen über den Nordpol und die Rentiere, aber er rührt ihn auch mit seiner Hilflosigkeit. Als Willie den Anführer der Skater-Gang verprügelt, der Thurman regelmäßig schikaniert, spürt er plötzlich, dass er zum ersten Mal in seinem Leben etwas für jemand anderen getan hat. „Ich habe ein Kind geschlagen“ – seine erste gute Tat.

Auch sonst kommt die Läuterung des bösen Santa durchaus ironisch gebrochen daher. Gejagt von der Polizei und durchbohrt von Kugeln schleppt sich Stokes mit letzter Kraft zu dem Haus, in dem Thurman wohnt, um ihm sein Geschenk zu überreichen, einen rosa Plüschelefanten. Das Stofftier ist beklebt mit seinem Blut. Aber das macht nichts, denn Thurman hatte ihm ebenfalls ein blutiges Geschenk gemacht: eine aus Holz geschnitzte Gurke. Beim Basteln hatte sich der Junge mit dem Messer in die Hand geschnitten. So speziell wie diese Gaben ist auch die Lektion fürs Leben, die der falsche Weihnachtsmann dem Dickerchen erteilt. Als der fiese Typ aus der Gang wieder auftaucht und ihm das Fahrrad wegnehmen will, tritt Thurman ihm eiskalt zwischen die Beine und radelt mit erhobenem Stinkefinger davon. Auch so kann ein Weihnachtswunder aussehen. Sogar die Filmmusik unterstützt den ironischen Charakter von „Bad Santa“. Bei einem Typen wie Willie Stokes würde man eigentlich harte Rhythmen, würde Rap, Punk oder Metal erwarten, aber seine Eskapaden werden mit Klassik und traditionellen Weihnachtsliedern unterlegt.

Wer es dreckiger mag: Bitte auf englisch anschauen

Wer Lust auf einen Weihnachtsfilm der dreckigen Art hat, sollte sich „Bad Santa“ lieber auf Englisch ansehen. In der deutschen Version wurden etliche besonders derbe Sprüche entschärft. Lieber die Finger lassen sollten die Freunde versauter Komödien hingegen von „Bad Santa 2“. Auch wenn Hauptdarsteller Billy Bob Thornton behauptete, die Fortsetzung habe mehr Herz, eine bessere Story und sei noch schmutziger als der erste Film, sind Fans und Kritiker anderer Meinung, was die beiden ersten Punkte angeht. Der zweite Aufguss ist hingerotzt, die Geschichte ist praktisch die gleiche, nur die endlosen obszönen Tiraden sind geblieben. Sie alleine können den öden Streifen aber nicht retten.

Billy Bob Thornton spielt noch einmal den fiesen «Bad Santa».
Bild: Paul Buck (dpa)

„Bad Santa“ wird oft als böser Zwillingsbruder des Weihnachtsklassikers „Wunder von Manhattan“ bezeichnet. In dieser Geschichte von 1947 tut ein liebenswerter alter Herr in der Rolle des Kaufhausweihnachtsmannes seinen Mitmenschen Gutes. Noch viel mehr hat „Bad Santa“ allerdings mit der Episode „Die Nacht der Sanftmütigen“ aus der Mystery-Serie „Twilight Zone“ gemeinsam. Auch in dieser Geschichte von 1960 geht es um einen armen Schlucker, der den Weihnachtsmann spielt, um etwas zu verdienen. Wie Willie Stokes in „Bad Santa“ erscheint auch Henry Corvin betrunken zum Dienst und wirft die Dekoration um. Allerdings ist er kein zynischer Rüpel, sondern ein vom Leben in Armut niedergedrückter Menschenfreund, der sich nichts sehnlicher wünscht, als das die Sanftmütigen, die kleinen Leute, das Land erben, wie es die Bergpredigt verheißt. Als der Geschäftsführer des Kaufhauses ihn wegen des peinlichen Auftritts feuert, hält Corvin eine rührende Ansprache über das traurige Los derer, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens wandeln. Corvin zieht nach seinem Hinauswurf durch die Straßen und findet einen Sack, der scheinbar nur Müll enthält. Bald bemerkt Corvin, dass er diesem Sack jedes gewünschte Geschenk entnehmen kann. Da er immer noch sein Kostüm trägt, macht er sich daran, seine Mitmenschen zu bescheren, insbesondere die Armen. Am Ende wird auch Corvin ein Wunsch erfüllt – er möchte nichts anders, als jedes Jahr wieder Gaben verteilen. Prompt steht ein Schlitten mit Rentieren vor ihm und eine Elfe lädt ihn ein, mit ihr zum Nordpol zu fliegen. Der sanftmütige Corvin ist zum Weihnachtsmann geworden.

Willie Stokes gehört eher nicht zu den Sanftmütigen, die die Bergpredigt seligpreist. Auch für ihn gibt es aber die passende Bibelstelle – das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der hatte ja auch allen Lastern gefrönt, bevor er, völlig am Ende, zu seinem Vater zurückkehrte. Bekanntlich freut sich Gott über die Bekehrung der übelsten Sünder ganz besonders. Schon deshalb ist eine Fortsetzung, in der Stokes rückfällig wird, geradezu blasphemisch. Zum Glück strafte der Himmel das lästerliche Unterfangen mit kommerziellem Misserfolg.

Morgen: Ein eingebildeter Primaner wird von einem gütigen Hauslehrer geläutert. Das ist aber nicht das Wichtigste.


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