Dieser Fall sorgte im Herbst 2021 deutschlandweit für Schlagzeilen. Mitten in der Corona-Pandemie passierte in Wemding offenbar Ungeheuerliches: Ein Hausarzt, der dort bereits seit vielen Jahren praktizierte, geriet in den Verdacht, reihenweise Impfungen gegen Covid-19 vorgetäuscht zu haben. Ein gewaltiges Ermittlungsverfahren kam ins Rollen. Monatelang forschten die Kripo Dillingen, die Staatsanwaltschaft Augsburg und die Generalstaatsanwaltschaft in Nürnberg nach, im Januar 2022 fand eine große Razzia in mehreren Bundesländern statt. 21 Monate, nachdem der Mediziner aufgeflogen ist, wird ihm nun der Prozess gemacht.
Der startet am Dienstag vor dem Landgericht Augsburg. Bis ein Urteil verkündet wird, werden voraussichtlich weitere Monate vergehen. Auch wenn das Verfahren komplex und umfangreich ist und die Verhandlung gegen den Arzt erst ansteht - der Sachverhalt ist zu einem großen Teil längst geklärt.
Scheinimpfungen in Wemding: Amtsgericht Nördlingen hat schon rund 80 Verfahren abgearbeitet
Denn bevor sich sozusagen der Haupttäter vor der 15. Strafkammer des Landgerichts verantworten muss, hat das Amtsgericht Nördlingen seit dem Sommer 2022 insgesamt rund 80 Verfahren gegen Patienten, oder besser gesagt "Kunden", des inzwischen 73-Jährigen abgearbeitet. Die Impfgegner machten gemeinsame Sache mit dem Hausarzt. Soll heißen: Er täuschte mit ihrem Wissen eine Impfung vor und stellte einen entsprechenden Impfnachweis aus.
In rund 80 solchen Verfahren gegen insgesamt schätzungsweise über 100 Personen, die aus dem Donau-Ries-Kreis und weit darüber hinaus stammen (bis aus Nordrhein-Westfalen) erließ das Amtsgericht Strafbefehle. Ein Teil der Beschuldigten akzeptierte diese. Andere beschränkten ihren Einspruch auf die Strafhöhe, wieder andere stritten die Vorwürfe in den Gerichtsverhandlungen in Nördlingen ab.
Bis auf vier sind alle diese Verfahren inzwischen in der ersten Instanz abgeschlossen und in der Mehrheit rechtskräftig. Das Gericht verhängte saftige Geldstrafen. Einige der Verurteilten gingen in Berufung und zogen vor das Landgericht. Dieses bestätigte jedoch dem Vernehmen nach praktisch ausnahmslos die Schuldsprüche - und revidierte darüber hinaus einige der wenigen Freisprüche, auf welche die Richter in Nördlingen entschieden hatten.
Scheinimpfungen gegen das Coronavirus: Schuld des Arztes aus Wemding ist nachgewiesen
So mancher Verteidiger kritisierte das Vorgehen der Justiz, die vermeintlichen Mittäter zur Rechenschaft zu ziehen, ehe dies bei dem Arzt passiert. Die Richter in erster und zweiter Instanz hielten und halten dem entgegen, es habe auch die Schuld des Mediziners klar nachgewiesen werden können. Dutzende Male berichtete der Sachbearbeiter der Kripo Dillingen, wie diese dem Arzt auf die Schliche kam.
Die Polizei wurde auf anonyme Hinweise hin im Sommer 2021 aktiv. Während dieser Zeit fielen vor allem an Freitagabenden - nach der offiziellen Sprechstunde - zahlreiche Autos mit auswärtigen Kfz-Kennzeichen vor der Praxis in Wemding auf. Im September wurde ein verdeckter Ermittler bei dem Hausarzt vorstellig und erkundigte sich nach einer Corona-Impfung. Die versuchte der 73-Jährige dem Beamten sogleich auszureden. Dies geschah in aller Regel mit drastischen Worten. Beispielsweise sagte der Arzt, bei einer Impfung könnten sich die Leute gleich ihren Grabstein aussuchen.
Als die Polizei nach Wemding kommt, bricht der Hausarzt zusammen
Mancher Patient ließ sich von dem Arzt überreden, die Impfung nur vorzutäuschen. Andere suchten den Mediziner von vorneherein gezielt für eine sogenannte "Schonimpfung" auf. Der Hausarzt händigte diesen Leuten laut Kripo sogar schriftliche Handlungsempfehlungen aus für den Fall, dass eines Tages die Polizei vor der Tür steht. Dann sollten sie einen Schwächeanfall vortäuschen und fortan nicht mehr kooperativ sein. Als die Beamten Ende September 2021 zu einer Durchsuchungsaktion in der Praxis und in der Wohnung auftauchten, brach der Arzt sogleich augenscheinlich zusammen - und wurde mit einem Rettungswagen in eine Klinik eingeliefert.
Neben den "Schonimpfungen" von willigen Kunden wirft die Generalstaatsanwaltschaft dem Arzt auch vor, fast 180 Patienten, die sich tatsächlich gegen das Virus impfen lassen wollte, ebenfalls die Spritze vorenthalten zu haben. Das Serum spritzte er nach Erkenntnissen der Polizei in ein Waschbecken, einen Abfalleimer oder in einen Wattebausch, ehe er die Spritze setzte. Dies geschah zur Verwunderung vieler Patienten meist ins Gesäß. Folglich konnten die meisten der Ahnungslosen nicht sehen, wie der Hausarzt vorging.
Das wirft die Generalstaatsanwaltschaft dem Hausarzt vor
Die Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg, die auf medizinische Fälle spezialisiert ist, wirft dem 73-Jährigen verschiedene Straftaten vor: vorsätzliche Körperverletzung, Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz und Betrug, denn er rechnete die Scheinimpfungen gegenüber der kassenärztlichen Vereinigung ab.
Die 15. Strafkammer des Landgerichts Augsburg hat für den Prozess von Juni bis November insgesamt 24 Termine angesetzt. Mehr als 80 Zeugen sind geladen. Zuschauerplätze gibt es im Gerichtssaal nur begrenzt.