Wohl Hunderte von Menschen aus der Region, aber auch weit darüber hinaus kamen im vorigen Jahr zu einem Hausarzt nach Wemding, um sich von diesem Impfungen gegen Corona bescheinigen zu lassen, die gar nicht stattfanden. Bei rund 100 Personen erhärtete sich der Verdacht auf bewusste Scheinimpfungen so weit, dass die Polizei bei ihnen im Januar 2022 im Rahmen einer großen Razzia vor der Haustür stand. Dies passierte sogar in Nordrhein-Westfalen. Von dort hatte sich im Sommer 2021 ein Paar auf den Weg zu dem Mediziner nach Wemding gemacht. Niemand reiste nach Erkenntnissen der Justiz von weiter her an.
Die 60-Jährige und ihr Lebensgefährte, 70, aus Essen wollten die Strafbefehle, welche das Amtsgericht Nördlingen gegen sie verhängte, nicht akzeptieren. Deshalb nahmen sie (wie auch ein an der Razzia beteiligter Kripobeamter) nun ein weiteres Mal die über 500 Kilometer lange Strecke nach Nordschwaben auf sich - zu den Gerichtsverhandlungen, in denen sie sich wegen Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz zu verantworten hatten. Das Paar bestritt die Vorwürfe und erzählte in getrennten Verhandlungen, die vor Richterin Emilia Berkovic beziehungsweise Gerhard Schamann stattfanden, ihre Version.
Die Angeklagten befanden sich auf einer Urlaubsreise von Essen nach Rumänien
Sie hätten sich im Juni 2021 auf einer Urlaubsreise von Essen nach Rumänien befunden, so die Angeklagten. Bei einer Verwandten in Dinkelsbühl hätten sie Zwischenstation gemacht. Die Angehörige habe der 60-Jährigen, die an Krebs erkrankt ist, bei dieser Gelegenheit den Hausarzt in Wemding empfohlen, der auch Naturheilverfahren anbot. Weil sie nach jedem Strohhalm greifen habe wollen, sei sie mit ihrem Freund zu der Praxis gefahren, um sich beraten zu lassen. In dem Gespräch habe sie der Arzt gefragt, ob sie gegen Corona geimpft sei. Sie verneinte. Wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit habe der Mediziner eine Impfung empfohlen und diese auch gleich vorgenommen. Die Spritze habe er zunächst in das Gesäß verabreichen wollen, sie habe aber darauf bestanden, sie in den Arm zu bekommen. Sie habe auch gleich ihren Lebensgefährten animiert, sich immunisieren zu lassen. Der Mediziner habe auch gleich angeboten, auf dem Rückweg von Rumänien vier Wochen später könnten sie wieder in Wemding vorbeischauen und die zweite Spritze erhalten.
"Er war in diesem Moment der Arzt meines Vertrauens", beteuerte die 60-Jährige. Sie sei bis heute der Ansicht, tatsächlich von dem Arzt geimpft worden zu sein. In ihrem Blut - ebenso in dem des 70-Jährigen - fanden sich im Januar 2021 jedoch praktisch keine Antikörper. Zusätzlich in Verdacht geriet das Paar, weil die Frau bei der Razzia das Wort "chippen" statt "impfen" verwendete, ein bei Verschwörungstheoretikern verbreiteter Begriff. Die Polizei fand in der Wohnung des Mannes auch Unterlagen mit impfkritischem Inhalt und es gab Ungereimtheiten in den Impfpässen.
Unter dem Strich, so stellten die beiden Richter fest, reichten die Anhaltspunkte für Scheinimpfungen aber bei dem Paar nicht aus. Deshalb sprachen sie die Angeklagten frei. Dies sei aber nicht wegen erwiesener Unschuld geschehen, merkte Schamann an. Für ihn sei "genauso wahrscheinlich", dass das Paar zielgerichtet für Scheinimpfungen nach Wemding gereist sei. Dass sowohl die 60- als auch der 70-Jährige keine Antikörper haben, "gibt es fast nicht".
Ein Mann aus Scheyern soll nach einer Scheinimpfung in Wemding fast 7000 Euro Strafe zahlen
Weniger glimpflich kam zuvor ein Mann aus Scheyern (Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm) davon. Er suchte im Spätsommer 2021 den rund 85 Kilometer von seinem Wohnort entfernten Hausarzt in Wemding auf, nachdem er auf diesen nach eigenen Angaben in einem Internet-Forum aufmerksam geworden sei. Er habe sich bezüglich einer Corona-Impfung beraten lassen wollen. Der Mediziner habe bei dem Termin erst Theorien geäußert, die ihn an ein Wahlprogramm der AfD erinnert hätten. Dann habe der Arzt gefragt, ob er eine "Impfung ohne Piks" wolle. Er habe eingewilligt.
Damit machte sich nach Ansicht von Staatsanwältin Judith Keller der 47-Jährige der Anstiftung eines Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz schuldig. Der Verteidiger konnte keine Anstiftung erkennen und forderte einen Freispruch. Richterin Berkovic folgte dem Antrag der Staatsanwältin und verhängte eine Geldstrafe von 6750 Euro (90 Tagessätze zu je 75 Euro).
Prozessauftakt gegen Wemdinger Arzt wohl erst im Frühjahr 2023
Während das Amtsgericht Nördlingen seit Monaten nach und nach die Verfahren in dem Wemdinger Impfbetrug-Komplex abarbeitet, ist noch immer offen, wann der Prozess gegen den inzwischen angeklagten Mediziner stattfinden wird. Derzeit hole die zuständige Kammer ein Sachverständigen-Gutachten ein, erklärt Peter Grünes, Pressesprecher des Gerichts. Sollte die Kammer das Hauptverfahren eröffnen, sei mit einem Prozessstart im Frühjahr 2023 zu rechnen. Die Richter müssten sich zudem vorrangig um zwei Verfahren kümmern, bei denen die Angeklagten in Haft sitzen.