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Friedberg

19.12.2020

Durch Corona geraten alte Menschen in eine gefährliche Isolation

Wegen der Corona-Pandemie trauen sich viele Senioren auch im Kreis Aichach-Friedberg nicht mehr aus dem Haus. Vereinsamung droht.
Bild: Klaus-Dietmar Gabbert, dpa (Symbolbild)

Plus Aus Angst vor Corona trauen sich manche Senioren nicht mehr aus dem Haus. Das ist gefährlich für ihre Gesundheit und Psyche. Dabei gäbe es Hilfe und Möglichkeiten.

Viele Hausärzte sind in Sorge um ihre betagten Patienten - weniger wegen der Ansteckungsgefahr, sondern wegen der Ängste, der Isolation und der Gefahren, die sich daraus ergeben. Die Ärztin Ingrid Eichner berichtet: "Viele alte Menschen haben Angst. Aber wenn sie deswegen nicht mehr rauskommen, lassen ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten schnell nach." Gefährlich sei außerdem, dass gesundheitliche Probleme nicht rechtzeitig erkannt und versorgt werden. "Alle Kollegen merken einen Rückgang der Praxisbesuche", sagt Eichner und erzählt von einer Patientin, die drei oder vier Monate trotz Problemen nicht zum Arzt gegangen war. Als sie sich endlich hintraute, fand man einen Tumor in ihrem Bauchraum.

Eine 70-jährige Frau erzählt: Es ist nicht leicht, so eingesperrt zu sein. Es gibt wenige Kontakte und gar keine Berührungen. Ich fühle mich wie lahm gelegt, aber es muss sein - und der telefonische Kontakt bleibt ja. Die Nachrichten von Todesfällen in Altenheimen lähmen mich. Aber wir müssen jetzt schauen, dass wir es gemeinsam schaffen.

Friedberger Ärztin rät zu FFP-2-Masken

Die Ärztin setzt auf Aufklärung darüber, dass es in den Arztpraxen mittlerweile so gute Schutzmaßnahmen gibt, dass Patienten keine Ansteckung mehr befürchten müssen. Angehörigen von Senioren rät sie, diese bei aller Sorge trotzdem zu treffen - mit Abstand und FFP-2-Maske. Diese Masken seien auch für Senioren, die einkaufen oder spazieren gehen wollen, eine gute Möglichkeit.

Die Versorgung, zum Beispiel mit Nahrungsmitteln und Medikamenten, wird nämlich bei einigen ebenfalls zum Problem. Zwar gibt es viele Unterstützungsmöglichkeiten - etwa die Helferkreise, Betreuungsangebote der Sozialstationen, der Fahrdienst des Bürgernetzes oder kirchliche Angebote - doch die Senioren kennen sie manchmal gar nicht. Die Nachfrage nach Essen auf Rädern steige seit dem Lockdown merklich, berichtet Gudrun Jansen, Geschäftsführerin der Sozialstation Friedberg-Hochzoll. Allerdings ist die Situation gerade für alte Männer, die nicht selber kochen können, schwierig. Angebote wie günstige Mittagstische in Gaststätten fallen weg. Auch der Mittagstisch im Bürgertreff im Friedberger Bahnhof sowie das dortige Mittwochscafé können nicht stattfinden.

Beim Bürgernetz Friedberg gibt es viele Möglichkeiten der Begegnung für Senioren - nicht aber während des Lockdowns.
Bild: Lukas Zimmermann (Archivbild)

Die Sozialpädagogin Jeanne Graf de Vergara weiß, was das für Folgen für Senioren hat. Vielen fehlen Aktivitäten, sei es organisierte Treffen oder Angebote wie Wanderungen oder Gymnastik. Natürlich seien Senioren sehr verschieden, und so sei auch die Isolation verschieden. Doch manche haben nun einfach niemandem mehr zum Reden. Einigen hat sie einen "telefonischen Besuchsdienst" des Bürgernetzes Friedberg vermittelt. Aber gerade die beiläufigen Gespräche, in denen man sich mal einen Rat oder ein wenig Abwechslung holen kann, fehlen vielen.

Ein 82-jähriger Mann erzählt: Meine Frau und ich können unseren Söhne und Enkel jetzt nur noch "distanziert" begegnen. Jetzt backt meine Frau Kuchen und Plätzchen für die Altenheime, denn sie hat ja Zeit. Diese Aktion des Bürgernetzes ist ein Ersatz. Auch ich engagiere mich für das Bürgernetz. Man ist froh, dass man noch gebraucht wird.

Lockdown: Die Sozialstation Friedberg-Hochzoll berät Senioren

Die Sozialstation Friedberg-Hochzoll bietet telefonische Beratung. Auch hier rufen nun mehr Senioren an, um einfach ein bisschen zu reden, hat Gudrun Jansen erfahren. Besonders schwierig sei die Situation für ältere Menschen, die allein leben und eine Corona-Infektion überstanden haben, weiß die Ärztin Ingrid Eichner. Im Krankenhaus würden sie gut versorgt, doch zurück daheim seien sie lange extrem schwach und nicht in der Lage, sich selber zu versorgen.

Viele Angehörige machen sich wegen Corona Sorgen um Senioren, die in Altenheimen leben.
Bild: Simone Bronnhuber (Archivbild)

"Sie trauen sich nicht, Hilfe zu holen und werden dann teilweise depressiv", berichtet sie. Grund sei die große Angst, das Virus auf jemanden zu übertragen - obwohl die Menschen zu diesem Zeitpunkt längst niemanden mehr anstecken können.

Eine 74-jährige Frau erzählt: Mir fehlen Besuche in Geschäften, aber insgesamt komme ich gut klar. Denn die Beschränkungen gibt mir schon allein mein Körper vor. Auch das Vereinsleben fällt weg, aber die Nachbarschaftshilfe auf dem Dorf ist groß. Der Lockdown verschafft einem auch Zeit zu überlegen, was macht Sinn, was ist wichtig im Leben. Es gibt keine Ablenkung mehr und man kommt zu sich selber.

Der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit liegt momentan stark auf den Seniorenheimen - wegen der Corona-Infektionen und Todesfälle, jedoch auch wegen der Sorge um Vereinsamung der Bewohner. Hier habe sich aber einiges getan, berichtet Eichner. "Viele Menschen vermissen zwar Besucher, sind aber in ihrer Heimgemeinschaft aufgehoben."

So gehen Altenheime in Friedberg mit dem Lockdown um

Im Unterschied zum ersten Lockdown sind außerdem Besuche möglich. Senioreneinrichtungen geben FFP-2-Masken an Besucher aus und führen Schnelltests durch, wenn jemand seine Angehörigen sehen möchte. Das sei zwar ein weiterer zusätzlicher Aufwand für das Personal, diene jedoch dem Schutz der Senioren berichtet Jakob Alaskiewitsch, Leiter des Friedberger Karl-Sommer-Stifts. Wie in vielen anderen Heimen müssen sich auch in dem Haus des Diakonischen Werks Besucher anmelden und können dann ihre Angehörigen in einer Besuchszone sehen. So vereinsamen die Senioren nicht, glaubt Alaskiewitsch, der weiß, dass es einen absoluten Schutz ohnehin nicht gibt. "Man hört von Einrichtungen, die sich total abgeschottet haben, und wo es dann trotzdem Corona-Infektionen gab."

Erlebnis-Protokolle der Senioren: Bürgernetz Friedberg

Lesen Sie auch den Kommentar zum Thema: Wie hilft man Senioren am besten durch die Corona-Krise?

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