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Aichach-Friedberg

09.01.2020

Notarzt-Mangel in Aichach und Friedberg ist noch dramatischer als angenommen

An den Notarztstandorten Aichach und Friedberg fallen weiter Schichten aus – Landrat Metzger erhöht den Druck auf die Verantwortlichen.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Plus Seit Weihnachten fehlt in Aichach fast jeden Tag stundenlang ein Notarzt. In Friedberg fallen ebenfalls Schichten aus. Innenminister Herrmann ist eingeschaltet.

Die Versorgung mit Notärzten im Landkreis Aichach-Friedberg ist noch schlechter als bisher bekannt (wir berichteten) – das war nicht nur über die Weihnachtstage so, sondern hält bis heute an. Dies belegt eine Auflistung, die Landrat Klaus Metzger (CSU) unserer Zeitung hat zukommen lassen. Sie bildet den Abschluss eines Schreibens an die zuständige Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB). Darin appelliert Metzger, eine adäquate Gesundheitsversorgung zu gewährleisten und sieht „dringenden Handlungsbedarf“. Zusätzlich wandte sich der CSU-Landtagsabgeordnete Peter Tomaschko (CSU) bereits an den Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Die Landtagsabgeordnete Christina Haubrich (Grüne) fordert dringend Abhilfe.

Landrat Metzger appelliert: Ungenügende Versorgung mit Notärzten beenden

Zwischen dem 24. Dezember und dem 9. Januar war der Notarztstandort Aichach nicht nur an Weihnachten, sondern auch an acht weiteren Tagen zeitweise unbesetzt – teils mehr als 24 Stunden am Stück. In Friedberg konnte der Dienstplan vom 24. bis zum 27. Dezember sowie am 7. Januar nicht durchgängig abgedeckt werden.

In seinem Schreiben an die KVB teilt Metzger mit: „Der Landkreis Aichach-Friedberg appelliert, auch im Namen der Ersten Bürgermeister der beiden Standorte in Aichach und Friedberg, an alle Beteiligten, die Sicherstellung einer adäquaten Gesundheitsversorgung im Landkreis zu gewährleisten und eine Wiederholung der ungenügenden notärztlichen Versorgung [...] unter allen Umständen zu vermeiden.“

Notarzt-Mangel in Aichach und Friedberg ist noch dramatischer als angenommen

Notarzt-Mangel: Landrat lud schon im September zu Gespräch

Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt Landrat Metzger: „Die Situation über die Feiertage war ungenügend – in Friedberg schon nicht gut, aber in Aichach definitiv nicht tolerierbar.“ Temporäre Engpässe seien freilich schon länger bekannt. Deswegen habe er auch bereits am 12. September des vergangenen Jahres eine große Runde, unter anderem mit Vertretern von KVB, dem ebenfalls verantwortlichen Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) sowie aus der Ärzteschaft einberufen.

Metzger meint: „Ich hätte mir da schon eine andere Haltung von KVB und ZRF gewünscht. Offenbar funktioniert es auf diesem Wege nicht wirklich.“ Deshalb sei es an der Zeit, stärkeren politischen Druck aufzubauen – gerade auch in Anbetracht der „dramatischen Lage“ von zuletzt, wie es Metzger selbst formuliert.

Müssen Notärzte in Aichach-Friedberg mehr Geld bekommen?

Der Landrat weist darauf hin, dass das Bayerische Rote Kreuz (BRK), das am 12. September ebenfalls dabei war, die Situation bei den Notärzten schon länger kritisch sieht. „Für die Rettungsdienste ist das Ganze unbefriedigend, denn teilweise müssen dort junge Menschen enorme Verantwortung tragen, bis dann mal ein Notarzt vor Ort ist“, sagt Metzger. KVB und ZRF seien zwar allein verantwortlich, eine ausreichende Besetzung mit Notärzten zu gewährleisten. „Es geht aber nicht an, dass wir als Gesundheitsregion plus so dastehen.“

Es müsse vor dem Hintergrund des demografischen Wandels mindestens eine Sicherstellung der Notarztdienste, eigentlich sogar eine deutliche Verbesserung geben. Als Hebel sieht Metzger vor allem eine bessere Bezahlung der Notärzte als 20 Euro pro Stunde und 60 Euro für jeden Einsatz. „Im Moment ist diese Tätigkeit alles, aber nicht attraktiv für die Ärzte“, sagt er.

Tomaschko schreibt wegen Notarzt-Mangel Innenminister Herrmann

Der CSU-Landtagsabgeordnete Peter Tomaschko hat sich „bezüglich dieser für mich völlig inakzeptablen Situation“ an den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann gewandt und ihn um Unterstützung gebeten, wie er auf Anfrage mitteilt. KVB und ZRF sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und unterliegt der Rechtsaufsicht des Bayerischen Gesundheitsministeriums (KVB) beziehungsweise Innenministeriums (ZRF).

Tomaschko war im Übrigen auch an Metzgers Schreiben an die KVB beteiligt. Er sagt: „Für mich als örtlich zuständigen Landtagsabgeordneten ist es unerlässlich, dass beide Notarztstandorte ordnungsgemäß und ausreichend besetzt sind.“

Grünen-Landtagsabgeordnete Haubrich: Massiver Mangel droht

Christina Haubrich, Landtagsabgeordnete für Aichach-Friedberg und gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, warnt: „Wie in vielen anderen Teilen der ärztlichen Versorgung laufen wir auch bei den Notärzten auf einen massiven Mangel zu.“ Junge Ärzte wollen schlicht nicht mehr rund um die Uhr arbeiten, ist sie überzeugt. Dies führe mit zu der angespannten Lage.

„Auch ist die Bezahlung für diese sehr verantwortungsvolle Arbeit zu gering“, meint Haubrich. Für viele Ärzte lohne es sich einfach nicht mehr, zusätzlich zu ihren sowieso schon anstrengenden Diensten in der Klinik oder Praxis auch noch Schichten als Notarzt abzudecken.

Immer mehr Einsätze für Notärzte in Aichach-Friedberg

Gleichzeitig steigen die Einsatzzahlen an – am Standort Friedberg von 800 im Jahr 1992 auf mittlerweile etwa 5500 jährlich. Aus Sicht von Haubrich gründet die Entwicklung aus der schlechter werdenden medizinischen Versorgung auf dem Land. Sie weist auf ein zusätzliches Problem hin: „Die Kapazitäten des Rettungsdienstes sind immer wieder blockiert, da er weite Strecken zurücklegen muss, bis er ein Krankenhaus findet, das den Patienten mit seinem jeweiligen Beschwerdebild aufnimmt.“

Haubrich möchte Abhilfe schaffen. Sie fordert: „Die rettungsdienstliche Vorhaltung muss schnellstmöglich angepasst werden. Der Mangel an Notfallmedizinern war absehbar und wird sich noch verstärken.“ Reformen im Gesundheitssystem dürften nicht auf dem Rücken der Patienten und Einsatzkräfte ausgetragen werden.

Sollten Dienste als Notarzt verpflichtend sein?

Eberhard Binhammer, Gruppensprecher am Notarztstandort Friedberg, hatte zuletzt die Vergütungsreform im Jahr 2015 als Hauptgrund für die personellen Engpässe ausgemacht und beklagt, seitdem hätten sich die Honorare de facto halbiert. Binhammer hält ein System auf freiwilliger Basis für nicht zukunftsfähig und geht davon aus, dass die Dienste für Ärzte bald verpflichtend sein dürften.

Lesen Sie dazu auch die Artikel:

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12.01.2020

Kompliment, gut recherchierter Artikel - die Bezahlung ist tatsächlich € 20,50 pro Stunde Bereitschaft und € 59,50 pro Einsatz brutto. Wir arbeiten freiberuflich also muss da von Steuern über Krankenversicherung über Sozialabgaben alles drin sein. Wer hüpft dafür nachts um 3 aus dem Bett, wenn man als Facharzt tagsüber durchaus in anderen Dimensionen verdienen kann? Stimmt, nachts gibt's € 10 Zuschlag für den Einsatz. Aber wenn man die € 69,50 brutto ins Verhältnis stellt zur Ausbildung und Verantwortung des Notarztes als Letztverantwortlichem im Rettungswesen fällt es schwer das als angemessen zu rechtfertigen. Oder?

Die € 10 Zuschlag gibt es übrigens auch an den Weihnachtsfeiertagen - genauso wie an jedem Samstag. Klar fühlt man sich seinem Standort verpflichtet. Aber jedes Jahr der Familie erklären dass man halt "lieber" arbeitet als Weihnachten zu feiern?

Das Schlimme ist dass das Jammern quasi auf hohem Niveau ist - viele im Rettungsdienst und vor allem in den Feuerwehren auf dem Land sind noch viel häufiger im Einsatz - und für unendlich weniger, nämlich für lau.

Wenigstens gibt es ab 2020 € 120 für die vorläufige Leichenschau. Also verdiene ich jetzt drei mal so viel wenn mein Patient stirbt wie wenn ich ihn lebendig ins Krankenhaus bringe. Das ist ja mal ein Anreiz.

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10.01.2020

Wieviele Ärzte aus Deutschland sind die letzten Jahre in Länder mit attraktiveren Arbeitsbedingungen wie der Schweiz ausgewandert?

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09.01.2020

Ich weiß zwar nicht wer in der Umfrage zum Notarzt Mangel mit Nein stimmt, aber scheinbar haben diese Personen noch nie akut ärztliche Hilfe benötigt. Ich hätte am 26.12. für meinen Sohn (20) wegen einer akuten internistischen Erkrankung den Notarzt gebraucht. Obwohl dieser gezielt bei der Notfallmeldung in der ILS angefordert wurde kam keiner. Nach Rückfrage beim eintreffenden Notfallsanitäter wo der Notarzt bleibt wurde nicht ehrlich geantwortet.... im nachhinein haben wir dann über die sozialen Medien erfahren, dass gar kein Fahrzeug besetzt war. So darf das nicht weiter gehen.

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