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Kissing

17.06.2019

Oldtimer-Fahrspaß ohne schlechtes Gewissen

Auch einen alten VW Käfer aus Schweden haben Claudia und Till Rosenkranz in ihrer Oldtimer-Boutique im Angebot.
Bild: Peter Stöbich

In ihrer Oldtimer-Boutique in Kissing testen Claudia und Till Rosenkranz Elektro-Antriebe und versteigern Fahrzeuge, für die Sammler viel Geld hinblättern.

Autobianchi, Morgan, Triumph Spitfire – bei diesen Namen leuchten die Augen vieler Autofans und vor allem die von Till Rosenkranz. Er betreibt mit seiner Frau Claudia in Kissing eine Oldtimer-Boutique samt Werkstatt. Von dort aus versteigert das Paar weltweit seltene Fahrzeuge, für die betuchte Sammler gern mal das doppelte Jahresgehalt eines Durchnittsverdieners hinblättern.

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Die Prunkstücke werden in der Werkstatt an der B2 fachmännisch so aufbereitet, dass sie wieder aussehen, als kämen sie gerade frisch aus der Fabrik. Autonarren mit besonderen Ansprüchen können sich Wagen leisten wie zum Beispiel einen schmucken Mercedes Benz 190 SL von 1957. Daneben steht in der Kissinger Halle ein Invicta S1 320 Coupé. „Diesen rot-metallic lackierten Sportwagen mit 330 PS gibt es weltweit weniger als ein dutzend Mal“, sagt Rosenkranz.

Porsche von Kissing nach Hongkong verkauft

Neu würde er etwa 200.000 Euro kosten – ein Spielzeug für große Kinder, die für ihre spezielle Leidenschaft genügend Geld haben. Einen kristallblauen Porsche 911 von 1969 hat das Ehepaar kürzlich für 125.000 Euro nach Hongkong verkauft. „Wir kümmern uns auch um Transport und Logistik und betreuen die Fahrzeuge, soweit möglich, nach dem Verkauf.“

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Er kann sich noch genau daran erinnern, wie als Siebenjähriger seine Begeisterung geweckt wurde: „Damals hat mir mein Vater einen weißen Spielzeug-Morgan geschenkt – heute habe ich einen echten in der Garage stehen.“ Seit seinem 17. Lebensjahr ist außerdem Motorsport ein wichtiger Bestandteil in Rosenkranz’ Leben. „Ich habe auf Formel Renault meinen Rennsportweg begonnen, fuhr später neben Kart-Rennen auch Automobilslaloms und dann Langstreckenrennen auf der Nordschleife des Nürburgrings sowie Bergrennen.“

Mit Oldtimern befasst er sich intensiv seit mehr als zwei Jahrzehnten: „Waren zunächst die italienischen Fahrzeuge von Fiat und Alfa-Romeo meine Leidenschaft, so kamen später die Automobile der französischen Lebenskultur und die renommierten Marken Englands hinzu.“ Schnelle Abschlüsse wie beim Händler um die Ecke gibt es bei der Oldtimer-Boutique nicht, „denn zunächst muss der Kunde ein Vertrauensverhältnis aufbauen“, weiß Rosenkranz.

Oldtimer-Fans aus der Schweiz oder Frankreich kommen nach Kissing

Wer bis aus Frankreich oder der Schweiz nach Kissing kommt, bringt nicht nur Geld mit, sondern auch viel Zeit. Das bedeutet Fachsimpeln auch über die normale Bürozeit hinaus sowie häufig am Wochenende. „Aber dafür macht diese abwechslungsreiche Arbeit auch viel Spaß.“

Wenig Spaß machen vielen Sammlern dagegen die Umweltvorschriften. Denn die meisten Oldtimer, mögen sie noch so schick sein, sind nach heutigen Regeln Dreckschleudern. Da aktuell über Fahrverbote für deutlich modernere Autos diskutiert wird, scheint es gut möglich, dass mancher Stinker in einigen Jahren aus dem Verkehr verbannt wird. Rosenkranz: „Für Oldtimer-Freunde wären strengere Abgasvorschriften, die keine Ausnahmen mehr dulden, ein herber Schlag.“

Doch es gibt Hoffnung, denn im Prinzip lässt sich jeder Oldie nachträglich zum Null-Emissions-Wagen umrüsten – wenn der Besitzer das will und über ansehnliche Ersparnisse verfügt. In Deutschland sind rund 345000 Oldtimer angemeldet, also Fahrzeuge, die älter als 30 Jahre sind. Etliche Besitzer mag der Gedanke an eine Umrüstung und der Verlust der Benzinfahne schütteln.

Aber vieles spricht dafür: Elektroautos sind von Fahrverboten zur Abgasreduktion ausgenommen. Einige Sammler treibt der Umweltschutzgedanke, sie möchten abgasfrei und mit Ökostrom fahren. Andere lieben zwar das Fahrgefühl, schätzen aber nicht den Aufwand der regelmäßigen Motorpflege und ölverschmierten Finger. „Sportlicher ist ein Elektromotor allemal“, so der Kissinger Experte, „die Beschleunigungswerte schlagen jeden Verbrenner.“ Eine restaurierte Ente, wie Spötter den Citroen gern nennen, hat er mit Batterie und Elektromotor ausgestattet und damit eine Reichweite von 150 Kilometern getestet. „Den typischen Motorsound gibt es zwar nicht mehr, aber man darf damit in die Innenstädte fahren.“

Nicht nur in Kissing, sondern weltweit kümmern sich Firmen darum, moderne E-Technik in alten Autos unterzubringen oder in neue Karosserien einzubauen, die an alte Zeiten erinnern. Auch Jaguar setzt eine Klassiker-Ikone unter Strom: Zur Umrüstung schnappten sich die Ingenieure einen E-Type Roadster Serie 1.5 von 1968.

Auch Prinz Harry fuhr schon Elektro-Oldtimer

Prinz Harry und seine frisch angetraute Ehefrau durften Jaguars Elektro-Oldie anlässlich ihrer Fahrt in die Flitterwochen schon mal testen: Mit sanftem Schnurren chauffierte Harry seine Meghan in einem blauen E-Type, der ab Sommer 2020 in kleiner Auflage für rund 400000 Euro erhältlich sein soll. Die Spitzengeschwindigkeit soll jenseits der 200-km/h-Marke liegen, die Reichweite bei 270 Kilometern.

Rosenkranz: „Damit will Jaguar zeigen, wie auch Oldtimer sauber fahren können, ohne den Fahrspaß zu schmälern.“ Die Grundstruktur des originalen E-Type wurde nicht verändert, sodass der Klassiker ohne Probleme auf seinen Ursprungsmotor zurückgerüstet werden könnte. „Und dann dürfte er auch wieder in Deutschland das begehrte H als Sonderkennzeichen für historische Automobile tragen.“

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