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Freizeit in Kissing

12.07.2019

Um die Zirbelnuss wird in Kissing nackt gekämpft

Ein grundwassergespeister Badeteich bietet auch Vorsitzendem Ralf Grosschadl an heißen Tagen Abkühlung.
Bild: Peter Stöbich

Helios-Vorsitzender Ralf Grosschadl genießt den Sommer gern ohne störende Textilien. Dass der Kissinger Verein den Begriff FKK trotzdem lieber meidet, hat seine Gründe.

„Zutritt nur für Berechtigte“ steht neben einem Sonnen-Symbol am Tor 1 in der Kissinger Lechauenstraße 24. Dahinter liegt das riesige Freizeitgelände des Sportbundes Helios, dessen Mitglieder gern Badminton, Beachvolleyball, Boule oder Tischtennis spielen. Das Besondere: „Wir gehören zum Bayerischen Naturistenverband und fühlen uns am wohlsten ohne störende Textilien“, sagt Ralf Grosschadl, der seit einem Jahr Vorsitzender ist.

Für ihn und die Familien der rund 230 Mitglieder ist es seit vielen Jahren ganz normal, dass sie sich beim Sport oder beim gemeinsamen Feiern keine Gedanken über die passende Kleiderordnung machen müssen. Hüllenlos wird kommenden Monat auch um den begehrten Zirbelnuss-Pokal gekämpft: Zum Schwaben-Bouleturnier kommen am 10. und 11. August rund 100 Teilnehmer nach Kissing. „Mit Boule verbinden viele Deutsche das von den Franzosen auf öffentlichen Plätzen ausgetragene Freizeit-Kugelspiel“, sagt Grosschadl, „der korrekte Name hierfür ist allerdings Pétanque.“

Meisterschaft der Naturisten in Kissing

Zwischen dem Schwabenturnier und der Süddeutschen Naturisten-Pétanque-Meisterschaft am 17. und 18. August ist eine Freundschaftswoche mit großem Programm geplant. „Denn viele Teilnehmer werden auf unserem Gelände campieren und gemeinsame Ausflüge nach Augsburg und München unternehmen“, so der Vorsitzende – wobei in diesem Fall natürlich alle angezogen bleiben.

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Schließlich wolle mit niemanden durch Nacktheit provozieren, sondern auf dem abgeschlossenen Areal „das gute Gefühl genießen, dass ich hier ohne dummes G’schau und Gerede textilfrei sonnenbaden kann“. Und im Gegensatz zum nahe gelegenen Auensee müssen die Vereinsangehörigen in ihrem 76000 Quadratmeter großen Park auch nicht lange nach Liege- und Stellplätzen suchen.

Pachtvertrag mit der Gemeinde Kissing verlängert

„Wir freuen uns, dass der Pachtvertrag mit der Gemeinde Kissing bis 2033 verlängert werden konnte“, sagt Grosschadl. Und die Kommune ist froh, dass die Mitglieder im Landschaftsschutzgebiet für Ordnung und Sauberkeit sorgen, Hecken schneiden, Wiesen mähen und das weitläufige Areal samt Badeteich, Spielplatz, Sportanlagen und Vereinsheim pflegen.

85 Euro kostet die Mitgliedschaft pro Jahr, außerdem sind vier Arbeitsstunden zu leisten, die Tagespauschale für Gäste ohne Vereinszugehörigkeit beträgt sieben Euro. Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr sind beitragsfrei. Beim Neubürgerempfang, der kürzlich im Kissinger Rathaus stattfand, konnte der Vorsitzende etliche Teilnehmer von den Vorteilen im Sportbund überzeugen. „Die Leute reagierten sehr aufgeschlossen, denn Nacktsein ist heute nichts Besonderes mehr.“

Dafür müsse man sich keineswegs schämen, zumal schon in der Fernseh-Unterhaltung bei Shows wie „Naked Attraction“ sämtliche Hüllen fallen. Vor wenigen Jahrzehnten war das noch anders, erinnert er sich: „Es kam eigens ein Aufnahmewart nach Hause und schaute nach dem Rechten, für neue Mitglieder gab es eine einjährige Probezeit.“

Kein Zwang zur Nacktheit

Bei Helios, benannt nach dem griechischen Sonnengott, sei jedermann und jede Frau willkommen, betont Grosschadl, „ganz unabhängig von Alter, Hautfarbe, Weltanschauung, Behinderung oder sexueller Identität“. Den Begriff FKK verwende der Verein allerdings kaum noch, weil darunter mittlerweile auch viele zweideutige Angebote gerade im Internet laufen. „Uns geht es um Spiel, Spaß und Sport und darum, zu zeigen, dass sich hinter dem Sichtschutz nichts Anstößiges oder Schmuddliges verbirgt.“ Allerdings bestehe im Verein auch kein Nackt-Zwang, „denn bei bedecktem Himmel haben wir ganz normal unsere Kleider an“.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich vor allem in den Lechauen von Schwabstadl bis Meitingen mehrere kleine Naturisten-Gruppen gegründet. Eine davon rief am 10. Mai 1922 den „Bund der Lichtfreunde“ ins Leben. „Das war die Geburtsstunde unseres Vereins“, berichtet Grosschadl. 1930 schloss man sich mit einer weiteren FKK-Gruppe zusammen und etablierte sich im Jahr 1931 fest in den Kissinger Lechauen westlich des sogenannten verlorenen Baches; am 15. März 1932 gründeten zwölf Personen dann die Arbeitsgemeinschaft Augsburg der Liga für freie Lebensgestaltung.

Im Vereinsheim in den Lechauen stehen viele Pokale

Nach Verbindung mit einer weiteren Gruppe wurde am 22. Februar 1941 von 15 Mitgliedern die Gemeinschaft Augsburg des Bundes für Leibeszucht aus der Taufe gehoben. Ende 1950 wurde der Verein an den Deutschen Verband für Freikörperkultur angeschlossen. „Am 26. April 1961 wurden wir umbenannt und im Vereinsregister unter dem Namen Sportbund Helios Augsburg eingetragen.“ Ein enormer Aufschwung setzte ein: Sportarten wie Faust-, Volley- und Federball, Tischtennis, Indiaca, Schwimmen oder Gymnastik brachten Bewegung in den Verein und bescherten ihm zahlreiche Titel bei Kreis-, Landes- und deutschen Meisterschaften. Davon zeugen heute zahlreiche Pokale im gemütlichen Vereinsheim.

Kontakt Wer die Naturisten gern als Tagesgast kennenlernen möchte, kann sich unter der Telefonnummer 0170/2107068 informieren oder auf der Internetseite www.sportbund-helios.de zu einem Besuch in der Lechauenstraße anmelden.

Lesen Sie dazu auch unseren Bericht 95 Jahre kleiderlos in Kissing

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