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Friedberg

17.12.2020

Wenn Menschen sich nicht mehr in die Kirche trauen

Seelsorge unter erschwerten Umständen: Das Friedberger Pfarrersehepaar Dr. Falko von Saldern und Nina von Saldern.
Bild: Ute Krogull

Plus In Zeiten von Corona tut Seelsorge besonders not - und ist besonders schwierig. Der Friedberger Pfarrer Falko von Saldern berichtet von berührenden Erlebnissen.

Herr von Saldern, Seelsorge als evangelischer Pfarrer im Corona-Advent - gibt es Menschen, die Sie nicht mehr erreichen, obwohl es nottun würde?

Dr. Falko von Saldern: Meine Frau und ich versuchen, alle Kontaktwege zu nutzen. Doch Gemeindemitglieder, die Hilfe bräuchten, aber sich nicht melden, machen mir Sorgen. Viele alte Leute trauen sich trotz der Hygienekonzepte nicht in die Gottesdienste, weil sie Angst haben. Da fehlt einfach das Gespräch am Rande mit meiner Frau und mir oder einem anderen Gemeindemitglied. Neulich rief ein Mitglied wegen des Kirchgeldes an. Dabei stellte sich heraus, dass der Mann aufgrund von Einschränkungen nicht mehr aus dem Haus geht, aber auch Angst hat. Ich habe ihn dann besucht.

Warum melden sich die Menschen nicht bei Ihnen, wenn sie ein Gespräch brauchen?

von Saldern: Es ist inzwischen verstärkt so, dass wir die Seelsorge zu den Menschen bringen müssen. Die Scheu wird jetzt noch größer. Vieles reißt ab, was wir aufgebaut haben. Wenn Menschen dann aus dem Krankenhaus kommen, einsam sind oder einen Todesfall verarbeiten müssen, wird es schwierig.

Durch Corona finanziell am Abgrund

Haben vor allem ältere Gemeindemitglieder Probleme?

von Saldern: Die unterschiedlichen Probleme gehen durch die ganze Gemeinde. Unlängst habe ich in einer ganz anderen Angelegenheit mit jemandem telefoniert und erfahren, dass er finanziell am Abgrund steht. Manches erfährt man nicht, zum Beispiel, dass ein Selbstständiger keine Aufträge mehr bekommt.

Ist Einsamkeit ein großes Thema?

von Saldern: Menschen kommen nicht und sagen: Ich bin allein. Das wichtigste Thema ist die Angst, sich anzustecken, und die Frage: Was darf ich noch? Es gibt auch wirtschaftliche Ängste. Die Einsamkeit wird nicht thematisiert, man spürt aber in den Gesprächen, dass sie da ist.

Die evangelischen Pfarrer Nina und Falko von Saldern bei ihrer Amtseinführung in der Kirche Zum Guten Hirten in Friedberg.
Bild: Ute Krogull (Archiv)

Leisten Sie auch praktische Hilfe?

von Saldern: Wir haben es angeboten, aber es wurde kaum nachgefragt. Hier gibt es in Friedberg andere Netzwerke, etwa die Facebook-Nachbarschaftshilfe, die katholische Kirchengemeinde oder das Bürgernetz. Oft sind es auch die direkten Nachbarn, die einkaufen gehen. Es ist ein gutes Zeichen, dass die ganz normale Nachbarschaftshilfe funktioniert.

Als Pfarrer funktionieren Homeoffice und Kontaktreduzierung nicht. Haben Sie und Ihre Frau Angst vor Ansteckung?

von Saldern: Die Gefahr, sich anzustecken und Viren weiterzugeben, ist real. Wir hatten jede Woche in der Schule zu 50 Kindern Kontakt, im Gottesdienst haben wir wieder 50 Menschen vor uns. Das gilt natürlich auch für andere Berufe. Wir sind vorsichtig, aber sich von Menschen fernzuhalten geht nicht. Kontakt ist es, was die Menschen wollen.

Wie feiert die evangelische Kirche in Friedberg Weihnachten?

Welche Möglichkeiten hat Kirche online - und wo sind die Grenzen?

von Saldern: Das Treffen des Kirchenvorstands funktioniert als Zoom-Konferenz, beim Bibelkreis wird es schon schwierig. Unsere Hauskreise mit Leuten, die sich länger kennen, funktionieren digital. Wir haben jedenfalls noch eine weitere Zoom-Lizenz gekauft ...

Wie bereiten Sie sich auf Weihnachten vor?

von Saldern: Wir planen Gottesdienste im Freien, in Friedberg auf dem Marienplatz für je 300 Menschen um 15.30 und 16.30 Uhr, in Dasing und Stätzling im Schulhof. Ob das möglich ist, wissen wir im Grunde erst am 24. Dezember. Wenn es auf dem Marienplatz nicht geht, wollen wir einen Podcast anbieten. Wir haben außerdem ein Krippenspiel aufgenommen und wollen einen Familiengottesdienst online stellen.

Was ändert sich für die Kirche langfristig durch Corona?

von Saldern: Die Pandemie hat uns technisch auf eine andere Ebene gehoben, da werden wir viel mitnehmen. Als Gemeinde müssen wir herausfinden, wo wir hinwollen. Viele Menschen haben im ersten Lockdown gemerkt, wie viel besser es ihnen geht, wenn sie weniger machen - das gilt auch für ehrenamtliches Engagement, zum Beispiel in einer Kirchengemeinde. Ihnen ist bewusst geworden, dass sie permanent überlastet waren. Das wird vieles verändern.

Wie hat sich all das persönlich auf Sie und Ihre Frau ausgewirkt?

von Saldern: Wir sind seit gut einem Jahr hier in Friedberg, unser Aufbauprozess wurde erst einmal ausgebremst, aber die Erfahrung daraus wird einiges verändern. Für mich persönlich war der erste Lockdown gut, denn meine Frau war vorher gerade krank, und ich war selber an der Grenze. Ich habe Gelegenheit bekommen, Kraft zu tanken, und wir hatten plötzlich gemeinsame freie Abende, die wir vorher nicht hatten. Etwas davon möchten wir auch gerne beibehalten.

Zur Person: Dr. Falko und Nina von Saldern sind seit Herbst 2019 als evangelisches Pfarrersehepaar in der Pfarrei Zum Guten Hirten in Friedberg tätig.

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