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04.07.2019

Wie Hipster-Limo oder fast "echt": So schmeckt alkoholfreier Sekt

Die Zahl der alkoholfreien Sekte ist über die Jahre deutlich gewachsen: Können sie tatsächlich mit dem Original mithalten?
Bild: Pohl

Beim Bier greifen immer mehr Menschen zum Produkt ohne Promille. Jetzt setzen auch immer mehr Sekthersteller auf alkoholfrei. Wir haben diverse getestet.

Sommer, Sonne – Surri? Wenn die Abende auf der Terrasse lang und am Wochenende die Grillfeste gefeiert werden, fließt oft mehr Alkohol, als einem an warmen Tagen zuträglich erscheint, wenn wir an den nächsten Morgen oder auch nur an die Kalorien denken. Schorle, Softdrinks oder Mineralwasser fehlt nicht nur die alkoholische, sondern leider auch emotionale Wirkung: Sie sind mehr Getränk als Genussmittel. Deshalb können sie Bier, Wein oder Sekt schwerlich das Wasser reichen.

Wobei Biertrinker im Vorteil sind: In der ganzen Republik werkeln Braumeister erfolgreich daran, alkoholfreie Biere dem Original näher oder zumindest süffiger zu machen. Doch was ist mit den Nichtbiertrinkern? Sie könnten auf der Suche nach einem geselligen Genussmittel einen Blick auf die alkoholfreien Sekte werfen. Still und heimlich erobern sie in großer Zahl die Ladenregale. Wir haben die bekanntesten getestet und uns von einem Pionier erklären lassen, was hinter dem Trend steckt.

Der erste Eindruck ist überraschend positiv, als wir als Erstes eine Flasche „Söhnlein Brillant“ köpfen: Der Plopp des Plastikkorkens aus der druckvollen Flasche unterscheidet sich ebenso wenig vom alkoholischen Original, wie das Aufschäumen im Champagnerglas, die Farbe und die fein aufsteigende Perlage der Kohlesäurebläschen. Der Geruch ist überraschend fruchtig intensiv, ähnlich aber besser als bei einer Zitronenlimonade.

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Einige alkoholfreie Sektsorten erinnern stark an Limonade

Der „Freixenet Legero alkoholfrei“ überrascht uns sogar nach dem Vorbild seines alkoholhaltigen „Flaschengärungs“-Bruders mit einem echten Korken aus Kork. Gleiches gilt für den „Henkell alkoholfrei“, der aus demselben Konzern, von Dr. Oetker, kommt. Beide verströmen trotz ihres ebenfalls sehr originalgetreuen Aussehens im Glas allerdings einen besonders limonadigen Fruchtduft, der uns eher an Haribo-Weingummis als an einen Sekt erinnert.

Die Nase lügt nicht: Der „Henkell“ ist so trocken wie eine Dose „Sprite“ – überhaupt nicht, sondern zuckersüß mit einer Bonbon-Note. Der „Freixenet“ kommt geschmacklich etwas frischer daher. Aber wie bei seinem Konzernbruder schimmert geschmacklich das zugesetzte, auf der Zutatenliste erwähnte Aroma durch und hinterlässt einen unpassenden Fruchtdrops-Geschmack.

Alle anderen der von uns getesteten acht Sekte verzichten auf Aromazusatz. So schmeckt der ebenfalls recht süße „Söhnlein“ am Ende zwar auch Richtung Limonade. Er ginge aber in einem völlig anderen Design auch als hippe natürliche Erwachsenenlimo durch.

Im Vergleich dazu wirkt der „Nymphenburg Crystal Cabinet Blanc de Blanc alkoholfrei“ extrem unauffällig, er bleibt sowohl vom Aussehen als auch geschmacklich blass, obwohl er mit Most statt Zucker gesüßt ist, kommt er mit 50 Gramm Restzucker pro Liter daher. „Rotkäppchen alkoholfrei“ süßt unseren Gaumen nicht ganz so stark. Als erster der Kandidaten verströmt er einen leichten Sektduft, der sich auch ganz leicht schmecken lässt.

Der Sekt von „Light live“, der wie „Nymphenburg“, „Feist“ und „Faber“ vom Sektgroßkonzern „Schloss Wachenheim“ stammt, bringt sogar einen leicht alkoholisch erscheinenden Nachgeschmack hervor, auch wenn er ebenfalls mehr süß als trocken ist.

Mehr Nachahmerkünste bietet „Mumm Dry alkoholfrei“ auf – nur einen Sekt-Nachgeschmack. Er versucht ehrlich, seinem Namen „Dry“ Ehre zu machen. Mit 33 Gramm Restzucker enthält er gut ein Drittel weniger Zucker als die Konkurrenz. Deshalb dominiert seine durchaus feine Weinsäure den Geschmack mit und erzeugt tatsächlich ein Mundgefühl, das an trockenen Sekt oder Wein erinnert – auch wenn es deutlich schlichter daherkommt. Einen Schuss Holundersirup für einen Hugo oder Aperol für einen leichten Sprizz dürfte am ehesten noch der „Mumm“ vertragen.

Blind verkostet könnte mancher alkoholfreie Sekt auch als "echt" durchgehen

Dass es noch besser geht, beweist der absolute Pionier der alkoholfreien Sekte und Weine: Die Weinkellerei Carl Jung aus Rüdesheim am Rhein ist bereits seit über hundert Jahren Erfinder und Marktführer alkoholfreier Weine und Sekte. Der „Carl Jung Blanc de Blancs Chardonnay“ würde uns bei einer Blindverkostung wohl tatsächlich als echter, wenn auch leichter Sekt durchgehen, was vor allem an dem erkennbaren Geschmack der rebsortenrein verwendeten Chardonnaytrauben mit ihren frischen Zitrusnoten liegt. Samt dem sektähnlichen Duft und dem fast perfekten perlenden Auftritt im Glas.

„Mein Großvater war der Erfinder vom alkoholfreien Wein“, sagt Eigentümer Bernhard Jung. „Schon um 1907 hat er das erste Patent bekommen und über die Jahre wurde das natürlich immer weiter verbessert“ Der 58-Jährige führt den Familienbetrieb bereits in vierter Generation, der Urgroßvater war noch klassischer Winzer.

Großvater Carl Jung ließ sich seine Erfindung vom Kaiserlichen Patentamt schützen: Unter Vakuum destilliert Alkohol nicht wie beim Schnapsbrennen ab 79 Grad, sondern bereits bei unter dreißig Grad. Dem traditionell vergorenen alkoholhaltigen Wein wird damit besonders schonend der Alkohol entzogen. „Unterhalb der Gärtemperaturen von dreißig Grad bleiben die Aromastoffe weitgehend erhalten, die während der Gärung und Alkoholisierung entstanden sind“, sagt Jung.

Eigentlich hatte sein Großvater den alkoholfreien Wein als Diätprodukt erfunden. Doch durch die Prohibition in Amerika wurde sein Produkt zum Exportschlager: Nach ein paar Jahren kaufte die Familie als Firmensitz das Schloss Boosenburg in Rüdesheim mit dessen markantem Turm aus dem zwölften Jahrhundert.

Beim Erfinder des alkoholfreien Sekts boomt das Exportgeschäft

Heute sind vor allem skandinavische Länder und Kanada die Hauptexportmärkte der Firma. Dort sind alkoholische Getränke durch eine hohe Steuerbelastung seit jeher sehr teuer. Auch muslimische Länder mit dem religiösen Verbot von Alkohol zählen zu den wichtigen Märkten der Weinkellerei, die mit einer Produktion von zehn Millionen Litern alkoholfreien Weins selbst größere Winzergenossenschaften in den Schatten stellt.

Inzwischen wächst aber auch in westlichen Ländern der Trend zu alkoholfreiem Sekt und Wein: „Das Geschäft in Deutschland zieht jedes Jahr an und wir verzeichnen ein schönes Wachstum, obwohl immer mehr große Player auf den interessanten Markt stoßen“, sagt Jung. Seit 15 Jahren hat die Firma von der traditionellen Weinherstellung komplett auf die alkoholfreie Produktion umgestellt und die familieneigenen Weinberge verpachtet.

Aus dem schonend entzogenen Alkohol macht das Unternehmen einen besonders weichen edlen Weinbrand und beliefert andere Brennereien. Auch dadurch hält sich der Preis für den alkoholfreien Wein und Sekt zwischen meist fünf und sechs Euro sehr im Rahmen.

Dabei enthält eine Flasche alkoholfrei unter dem Strich sogar mehr Wein als der klassische. „Man entzieht dem Wein ja 15 bis 18 Prozent seines Volumens“, sagt Bernhard Jung. Neben zwölf oder mehr Prozent Alkohol verdunstet auch Wasserdampf. „Wir führen am Ende kein Wasser wieder zu, um diesen Volumenverlust auszugleichen, deshalb haben wir praktisch 115 Prozent Weinanteil“, erklärt Jung. „Dadurch konzentriert sich nicht nur das Aroma etwas, sondern auch die Säure.“ Die Säure wird mit Zucker ausgeglichen. „Mit Zucker ist es die neutralste Art zu süßen, ohne dass der Wein mostig wird“, sagt Jung.

Nun wird auch bei der Produktion jeden Sekts und selbst beim edelsten Champagner profaner Rüben- oder Rohrzucker zugesetzt: Bei der sogenannten „zweiten Gärung“ sorgt die Zugabe von Zucker und Hefe dafür, dass im Wein der ersten Gärung die natürliche Kohlensäure und typische Aromen entstehen. Beim alkoholfreien Sekt entfällt die zweite Gärung, stattdessen wird wie bei Limonade Kohlensäure zugesetzt.

Die Kohlensäure sorgt wie beim Champagner oder Prosecco für die berühmten kleinen „Geschmacks-explosionen“. Denn Kohlensäure setzt Aromastoffe frei und kompensiert damit beim alkoholfreien Sekt ein bisschen die geschmackliche Unterstützung des fehlenden Alkohols. „Deshalb sind die alkoholfreien Schaumweine oft sehr nah am Sekt mit Alkohol“, sagt Jung. Bei Blindverkostungen würden die wenigsten einen eingeschmuggelten alkoholfreien Sekt tatsächlich als solchen herausschmecken. „Auch den alkoholfreien Weinen setzen wir ein Gramm Kohlensäure zu, das merkt man kaum, belebt aber positiv den Geschmack.“

Einen alkoholfreien Sekt zu schaffen, der wie ein echter schmeckt, ist unmöglich

Auch wenn der alkoholfreie nur ein Drittel der Kalorien hat, bleibt ein Grundmanko: Alkohol ist bei Wein und Sekt als Geschmacksträger von entscheidender Bedeutung, um wirklich komplexe Aromen hervorzuheben und das Empfinden eines runden „Trocken“-Schmeckens zu komponieren. Einen komplexen, cremigen, nuancenreichen, alkoholfreien Sekt auf natürliche Weise zu komponieren, ist damit ähnlich unerreichbar, wie es beim alkoholfreien Bier scheint. Obwohl dort mit vier Prozent deutlich weniger Alkohol kompensiert werden muss.

Das macht aber nichts und war auch nie der Anspruch, den man bei Carl Jung hatte. Alkoholfreien Sekt kann man tadellos als eine Art eigenständiges Getränk genießen: Es macht ein Vielfaches mehr Spaß, damit als Autofahrer bei einem Empfang zuzuprosten als mit dem traditionell unvermeidlich angebotenen klebrigen Orangensaft.

Oder man macht es wie Bernhard Jung: „Wir haben gestern Abend eine schöne Bowle mit einem Riesling und frischen Erdbeeren gemacht und mit einem alkoholfreien Sekt aufgegossen. Da hat man zwar kein alkoholfreies Sommervergnügen aber immerhin nur die halbe Dosis.“

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04.07.2019

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