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Wohnen
18.01.2018

Das steckt hinter dem Einrichtungstrend Shabby-Chic

Shabby-Chic-Trend: Anstatt etwas Neues zu kaufen, werden alte Möbel aufgearbeitet. Heraus kommen bewusst unperfekte Möbelstücke.
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Shabby-Chic-Trend: Anstatt etwas Neues zu kaufen, werden alte Möbel aufgearbeitet. Heraus kommen bewusst unperfekte Möbelstücke.
Foto: Sabine Ryan, dpa (Archiv)

Abgesplitterter Lack und verblichene Farbe sind bei Fans des Shabby-Chic-Trends gewollt. Warum sie es schäbig mögen und wie sich der hippe Einrichtungsstil entwickelt hat.

Da ist schon ein kleines bisschen Grau zu sehen. Und jedes Mal, wenn das Schleifpapier mit einem sanften Knirschen über das Holz fährt, kommt ein bisschen mehr davon zum Vorschein. Bis es schließlich so aussieht, als wäre die Kommode abgenutzt, als hätten schon tausende Weinflaschen und Kaffeetassen auf ihr gestanden, als hätte man oft achtlos den Schlüsselbund auf das Holz gepfeffert. Schäbig eben. Und genau so soll es auch sein. Denn schäbig ist seit einigen Jahren schick.

Schäbig ist jetzt schick

Carmen Supper-Trompf steht in ihrer Werkstatt im Augsburger Stadtteil Göggingen. Mit dem Schleifpapier bearbeitet sie die Kommode, die einmal den typischen Shabby-Chic-Look (dt. schäbig-schick) haben soll. Mit sichtbaren Gebrauchsspuren, verblichener Farbe, viel Individualität und einer gewissen Sehnsucht nach früher. Dieses Vergangenheitsgefühl stellt sie selbst her: Zunächst werden alte Lacke abgeschliffen, dann kommt eine Grundierung auf das Möbelstück, bevor mehrere Schichten Farbe in unterschiedlichen Tönen aufgetragen werden – meist zwei Schichten in Dunkelgrau, dann noch eine in Weiß. Damit die dunkle Farbe wieder ein bisschen zu sehen ist und eben der gewünschte Gebraucht-Look-entsteht, wird die Oberfläche abgeschliffen. „An den Ecken darf auch gerne das Holz durchkommen, damit es abgenutzt wirkt“, sagt Supper-Trompf. Der letzte Schritt ist dann die Versiegelung mit Wachs. Die Arbeit ist aufwendig. Für eine kleine Kommode braucht sie zwischen fünf und sechs Stunden.

Supper-Trompf hat Architektur studiert, danach lange als Innenarchitektin gearbeitet und Wohnungen eingerichtet. Dann hat sie ihren Beruf erweitert, ihre Werkstatt gibt es seit vier Jahren, den Laden „Blue Cottage“ am Gögginger Klausenberg seit drei. Die Leute können nicht nur fertige Shabby-Möbel kaufen, sondern auch etwa eine Kommode vorbeibringen, die dann die hippen Gebrauchsspuren bekommt. „Ich bin Individualistin, jedes Stück wird anders“, sagt Supper-Trompf. „Es ist ein lebendiger Prozess. Wenn ich Sachen für den Laden mache, dann habe ich zwar ein Bild im Kopf, aber auf dem Weg dahin kann es dann doch anders werden.“

Individualität macht den Reiz abgenutzter Möbel aus

Der Shabby-Trend entstand in den 80er Jahren in Großbritannien. Er orientierte sich an den alten britischen Landhäusern und war eine Gegenbewegung zu den noblen, herrschaftlichen Häusern, in denen sich eher viktorianisch inspirierte Möbelstücke fanden. Nach und nach erreichte die Shabby-Welle die USA und Europa.

Aber warum eigentlich? Warum mögen wir Möbel, die nicht wie neu, sondern alt aussehen? Warum gefällt es uns, wenn ein Tisch sichtbare Schrammen hat? Die Individualität der Möbelstücke sei einer der Hauptgründe, warum viele Menschen ihre Wohnung gerne im Shabby-Look einrichten. „Es sind alles Unikate. Die Leute schätzen es, wenn sie ein Möbelstück haben, das sonst keiner hat.“ Und mittlerweile sei das nicht mehr nur ein Trend, sondern ein eigener Einrichtungsstil.

Vorher: Eine alte braune Kommode, die auf shabby getrimmt werden soll.
Foto: Stephanie Sartor (Archiv)

„Shabby Chic hat etwas mit der Einstellung zu tun“

So sieht das auch die Landsberger Trendforscherin Gabriela Kaiser: „Shabby Chic hat etwas mit der Einstellung zu tun.“ Menschen, die Shabby-Chic-Möbel kaufen, sehnen sich nach Ansicht von Kaiser oft nach einem Ausgleich zur technisierten Arbeitswelt. Der Stil hole den Betrachter in eine längst vergangene Zeit zurück, in der industriell gefertigte Massenprodukte noch keine Rolle spielten. Shabby Chic gefalle allen Generationen. Jüngere Menschen würden aber eher auf Produkte in nachgeahmter Shabby-Chic-Optik zurückgreifen. „Aber auch diese Produkte sind in Handarbeit hergestellt“, sagt Kaiser. Die Optik sei in industrieller Massenproduktion nicht machbar. Ältere Menschen leisteten sich eher Originale wie eine richtig alte Kommode, hinter der eine lange Geschichte steckt. „Shabby lebt vom Unperfekten und davon, dass die Dinge abgenutzt aussehen.“

Aber Kaiser beobachtet auch eine Gegenentwicklung: Parallel zum Shabby-Chic seien momentan auch wieder glatte, perfekt anmutende Lackprodukte modern. Kaiser war kürzlich auf der Möbelmesse in Köln und hat vermehrt wieder synthetische Einrichtungsgegenstände in dunklen Tönen wie Rot oder Schwarz beobachtet. „Das mutet fast schon mondän an.“

Nachher: Die Kommode ist nun weiß, die dunkle Farbe schimmert durch.
Foto: Stephanie Sartor (Archiv)

"Es gibt immer Leute, die sich nach dem Unperfekten sehnen"

Shabby-Chic vertritt für Kaiser hingegen den romantischen, rustikalen Look, bei dem jedes Möbelstück ein Unikat ist. Das zeige sich auch nach wie vor bei dem Trend, Einrichtungsstücke selbst aufzupolieren („do it yourself“). Dabei gehe es nicht nur darum, Geld zu sparen. „Die meisten Leute verbringen an ihrem Arbeitsplatz viel Zeit am Computer. Da tut es gut, zu Hause wieder etwas ganz Analoges zu tun.“ So lange diese Entwicklung anhält, sieht Kaiser auch für Shabby Chic kein Ende in den Wohnzimmern. Denn auch der neue Trend mit kantigen, industriell gefertigten Produkten in Lackoptik sorge nicht dafür, dass der romantischere Gegenpart ausstirbt. „Es gibt immer Leute, die sich nach dem Unperfekten sehnen“, sagt Kaiser. Es sind Leute, die auf ein paar Kratzer blicken und sich vorstellen, welche Bedeutung das Möbelstück wohl für die Vorbesitzer hatte. Und so tauchen sie in die Vergangenheit ein.

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