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Jordanien

04.02.2020

Das Welterbe Petra erleben - ganz ohne störende Besuchermassen

Die Ruinenstadt Petra von oben gesehen und die jordanische Wüste im Hintergrund.
Bild: Franziska Wolfinger

3000 Menschen besuchen Tag für Tag die Welterbe-Stätte. Und dennoch gibt es Möglichkeiten, Petra in aller Ruhe zu erleben.

Es dauert nicht lange, bis der Besitzer eines kleinen jordanischen Hotels nahe der antiken Stadt Petra sein Smartphone zückt, um den gerade angekommenen Gäste ein Video zu zeigen. Es zeigt Dutzende feiernde Einheimische und interessiert dreinblickende Touristen. Eine blonde Amerikanerin wird auf ein Kamel komplimentiert, auf dem sie den knapp zwei Kilometer langen Fußweg zu den Ruinen der Nabatäer-Stadt Petra entlangreiten darf. Gratis Eintritt gibt es für sie obendrauf. Die Frau war die Millionste Besucherin im vergangenen Jahr. Eine Zahl, die der örtliche Tourismusverband mit viel Aufwand gefeiert hat. Ein Besucherrekord, auf den rund um Petra alle sehr stolz sind. Wie der Hotelbesitzer, der es uns gegenüber zutiefst bedauert, dass wir zu spät dran sind. Immerhin haben wir das Spektakel nur um einen Tag verpasst.

Dass wir darüber ganz froh sind, sagen wir nicht. Wir sind schließlich nicht stundenlang durch die Wüste gefahren, um Massentourismus zu zelebrieren, sondern um etwas von dem Weltkulturerbe zu sehen, das in einer Reihe steht mit Attraktionen wie dem Taj Mahal, Chichén Itzá und der Chinesischen Mauer. Mit durchschnittlich mehr als 3000 Besuchern täglich wird es in Petra wohl ohnehin voll genug sein. Wie wird es werden? Werden wir am Abend glücklich oder enttäuscht sein?

Wer die Ruinenstadt abseits des Trubels erleben will, sollte früh aufstehen. Die antike Stätte öffnet um sechs Uhr. Von denen, die in den Hotels rund um die Stadt abgestiegen sind, nehmen das nur wenige auf sich. Von den Bussen mit den Tagesausflüglern kommen die ersten gegen neun Uhr an. Ab dann wird es ganz schön eng im Siq, dem rund anderthalb Kilometer langen schmalen Canyon, der vom Besucherzentrum 2000 Jahre in die Vergangenheit nach Petra führt. Wer nicht zu Fuß gehen will, kann auf Esel, Pferde, Kamele oder Rikschas ausweichen, die von den Einheimischen mit Nachdruck offeriert werden.

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Immer wieder entdecken wir in Petra schmucke Steinreliefs

Gerade der Siq entfaltet seine Wirkung erst ohne die Ablenkung hunderter anderer Touristen. Tagsüber hallen dort das Geplapper der Besucher und die lautstark vorgetragenen Ausführungen diverser Guides von den Wänden. Immer wieder müssen wir uns dicht an den Fels stellen, um den vorbeibrausenden Kutschen auszuweichen. Besonders bequem sieht die rasante Fahrt über Kopfsteinpflaster nicht aus – wir laufen lieber.

Frühmorgens haben wir noch Zeit, den Gang durch die schmale Schlucht zu genießen. Immer wieder entdeckt man schmucke kleine Reliefs. Eine der letzten Biegungen des Canyons gibt schließlich den Blick frei auf eine der bekanntesten Ansichten der Stadt, auf die fast 40 Meter hohe Fassade des sogenannten Schatzhauses, Khazne al-Firaun auf Arabisch. Berühmt wurde sie dank Hollywood. Szenen aus dem dritten Film der Indiana-Jones-Reihe wurden dort gedreht.

Kurz nach sechs sind wir dann tatsächlich fast allein zwischen den Ruinen und Felsgräbern – bis auf manche Souvenirhändler, die noch dabei sind, ihre Waren mit dem Staubwedel vom Wüstensand zu befreien. In antiken Zeiten war der Siq wohl rituellen Zwecken und besonderen Gäste vorbehalten. Auf alle Fälle hatte er einen praktischen Nutzen: Etwa auf Hüfthöhe zieht sich eine schmale Rinne an der Felswand entlang. Darin haben die Nabatäer Wasser in ihre Stadt geleitet, das den Bewohnern Petras nicht nur das Überleben sicherte. Neuere archäologische Erkenntnisse, so erfährt man im Museum beim Besucherzentrum, legen nahe, dass wohl sogar genug Wasser für Schmuckgärten in der Wüstenstadt vorhanden war.

Die Ruinen von Petra aus dem Blick durch den Siq, der über einen Kilometer lange Zugang zu der antiken Sehenswürdigkeit.
Bild: Franziska Wolfinger

Wie erfolgreich die Wasserversorgung der Nabatäer war, zeigt sich auch darin, dass die Beduinen, die heute um und in Petra leben, manche der antiken Wasserreservoirs noch immer nutzen. Irgendwann in den Jahrhunderten, nachdem Petras Erbauer die ehemals blühende Metropole mit bis zu 40000 Einwohnern aufgegeben hatten, haben sich die Beduinen in den Ruinen angesiedelt. Die in den Fels getriebenen Höhlen boten beziehungsweise bieten in dem teils rauen Wüstenklima mehr Schutz für Mensch und Tier als die üblichen Zelte.

Für die Europäer wiederentdeckt wurde Petra 1812 von dem Schweizer Johann Ludwig Burckhardt, der sich während seiner Orient-Exkursion als Scheich Ibrahim ibn Abdallah ausgab. Nur unter diesem Vorwand zeigten ihm misstrauische Einheimische den Weg zu den alten Ruinen. Erst rund 100 Jahre später gab es archäologische Ausgrabungen. 1985 nahm die Unesco Petra in ihre Weltkulturerbe-Liste auf, 2008 wurde schließlich auch der Kulturraum der Beduinen in Petra und Wadi Rum auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Dadurch soll die ursprüngliche Lebensweise des alten Volkes bewahrt werden.

Dabei haben die Beduinen längst erkannt, dass mit den Touristen gutes Geld zu verdienen ist, und geben sich gastfreundlich. Wer möchte, kann sich auf einen Tee mit an eine der vielen Feuerstellen setzen – gegen ein kleines Trinkgeld versteht sich. An den Souvenirständen, die die Hauptwege durch die Stadt säumen, verkaufen sie Schmuck, Schalen, Kühlschrankmagnete und allerlei anderen Nippes. Der zweite große Geschäftszweig: Sie bieten den Touristen ihre Esel, Pferde und Kamele als Reittiere durch die weitläufige Stadt an. Die allgegenwärtige Frage „Do you need a donkey, Miss?“ klingelt uns noch Tage nach dem Besuch in Petra in den Ohren. Beeindruckende Ruinen auf der einen Seite, die Beduinen in ihrer traditionellen Mänteln, Kopftüchern und mit kholgeschwärzten Augen auf der anderen, Touristen überall: Bisweilen wirkt Petra wie ein archäologisches Disneyland.

Die Touristen von Petra sind ein gutes Geschäft für die Beduinen.
Bild: Franziska Wolfinger

Dem entkommen wir zwischendurch, indem wir uns abseits der Hauptstraße bewegen. Denn Petra zu besichtigen ist ein zeitaufwendiges Unterfangen. Die Tagestouristen bleiben auf der gängigen Route, die durch den Siq vorbei am Schatzhaus, der Straße der Könige und dem römischen Theater hin zum Tempel und an den Aufstieg zum Kloster führt. Am Hohen Opferplatz hingegen ist weniger los. Der perfekte Platz, um kurz auszuspannen und die Aussicht zu genießen.

Petra ist außerdem einer dieser Orte, an denen menschengemachte Sehenswürdigkeiten in Konkurrenz zur Natur treten. Das Farbenspiel des bunten Sandsteins beeindruckt nicht weniger als die Leistung der antiken Baumeister. Teilweise wird der Stein von gelben, schwarzen und weißen Linien durchzogen. Beduinenkinder bieten uns besonders bunte Stückchen zum Kauf an. Die Sonne bringt im Lauf des Tages immer neue Farben an den Felswänden zum Vorschein. Von ganz hellem Braun vor Sonnenaufgang über leuchtendes Rot um die Mittagszeit bis zu einem orangenen Schimmer im Abendlicht.

Während in deutschen Medien mittlerweile schon die Frage aufgekommen ist, wie viel Massentourismus die jahrtausendealten Ruinen vertragen, scheinen sich die Verantwortlichen vor Ort darüber nicht so viele Gedanken zu machen. Es wird weiterhin fleißig für noch mehr Besucher geworben. Gerade erst wurde ein neues Museum gebaut. Massentourismus ist für die Einheimischen rund um Petra kein so großes Problem wie etwa in Venedig oder Prag, weil die Voraussetzungen in der jordanischen Wüste andere sind. Hier treiben Air BnBs und andere Ferienwohnungen keine Mieten in die Höhe oder verdrängen die Alteingesessenen aus den Städten. Im Gegenteil: Wadi Musa, die moderne Stadt vor dem Eingang zum antiken Petra, scheint für Touristen gebaut. Hotel drängt sich an Hotel und Restaurant an Restaurant. Das bietet jede Menge Arbeitsplätze.

Ein Höhepunkt jeder Besichtigung der Welterbestätte Petra.
Bild: Franziska Wolfinger

Das Bild Petras prägen vor allem die in die Sandsteinwände gemeiselten Fassaden. Die beiden prächtigsten sind das sogenannte Schatzhaus direkt am Siq und das Kloster, das sich auf einem Berg am anderen Ende Petras befindet. Der Aufstieg dauert rund eine dreiviertel Stunde – mit dem Esel 20 Minuten, werben die Beduinen – und lohnt sich auch wegen der beeindruckenden Aussicht über die jordanische Wüste und ins Wadi Araba, durch das die Grenze zwischen Jordanien und Israel verläuft. Bezeichnungen für die Gebäude, wie Schatzhaus und Kloster, sind führen aber in die Irre. Lange war nicht klar, wozu die Nabatäer sich die Arbeit gemacht hatten, so viele Höhlen in die Felsen zu schlagen. Heute weiß man, dass es sich um Gräber handelte. Gewohnt haben die Menschen wohl in Häusern, die sie im Tal errichteten. In den Felswänden rechts und links fanden die Verstorbenen ihren Platz. Das Kloster hat seinen Namen, weil im Innern ein Kreuz aufgemalt wurde. Die Kreuzfahrer haben es wohl hinterlassen. Im Schatzhaus war nie ein Schatz versteckt. Es sollte wohl als Mausoleum für einen König im ersten Jahrhundert nach Christus dienen. Einschusslöcher an der steinernen Urne über dem Portikus belegen allerdings, dass sehr wohl nach Gold, Schmuck oder Edelsteinen gesucht wurde.

Nicht alle Felskammern sind besonders gestaltet. In den schmucklosen, abseits der Touristenpfade gelegenen künstlichen Höhlen haben die Beduinen ihre Esel und Ziegen untergebracht. Wenn sich die Stadt gegen Abend leert, verschwinden auch die Tiere langsam von der Hauptstraße. Nach einem langen und eindrucksvollen Tag in Petra ist es für eine amüsante Abwechslung, den Treibern dabei zuzusehen, wie sie die bisweilen störrischen Esel im Slalom durch die Touristen in Richtung Stall bugsieren.

Wer morgens nicht zu den Ersten gehörte, hat dann noch mal die Chance, ein etwas ruhigeres Petra zu erleben. Das ist auch die Stunde für Schnäppchenjäger: Kurz vor Feierabend gewährt der ein oder andere Souvenirhändler noch einen Sonderpreis. Schließlich geht es durch den Siq zurück. Zurück in die Gegenwart sozusagen.

Sicherheitshinweis

Von den Ländern des Nahen Ostens gehört Jordanien zu den sichereren. Das Auswärtige Amt rät allerdings dringend von Reisen in das jordanisch-syrische sowie das jordanisch-irakische Grenzgebiet ab. Petra ist von den Grenzen jeweils mehrere hundert Kilometer entfernt, genauso wie andere beliebte Touristenziele wie etwa das Tote Meer oder Wadi Rum. Größere Menschenansammlungen oder Demonstrationen sollten weiträumig gemieden werden.

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