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Oberösterreich

04.11.2020

Die Kalkalpen - Geschichten aus Abenteuerland

Das Holz zum Anfeuern der Schmelzen und Schmieden brachten Flößer über die Gebirgsbäche
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Das Holz zum Anfeuern der Schmelzen und Schmieden brachten Flößer über die Gebirgsbäche
Bild: Daniel Weber

Die Region in Oberösterreich wurde durch Eisenvorkommen reich. Aber ihr eigentlicher Schatz sind die Geschichten, die in Vergangenheit und Zukunft führen.

Der Nachtwächter kann zu jedem Haus in der Altstadt des österreichischen Linz eine Geschichte erzählen. Wenn er in seinem schwarzen Umhang, die Hellebarde geschultert, durch die Straßen schreitet, wird er von allen Seiten gegrüßt: Der Mann, der sich gleich zu Beginn als Nachtwächter Wolfgang vorstellt, scheint die Bewohner ebenso gut zu kennen wie die Gebäude. Mit dem den Österreichern eigenen Humor erzählt er zum Beispiel, wie Hitler hier ein Jahr auf dem Gymnasium verbrachte – „gebracht hat es leider nichts“. Die meiste Zeit spricht er aber von Eisen und Holz.

Die Eisenerzvorkommen haben den Einwohnern des Landstrichs zwischen den österreichischen Voralpen und Linz schon mindestens seit dem 13. Jahrhundert Wohlstand gebracht. Sie verkauften den wertvollen Rohstoff, doch die besten Stücke behielten sie selbst und schmiedeten daraus Werkzeuge und Waffen, die für ihre Qualität international bekannt wurden. Im Ort Losenstein in den österreichischen Voralpen arbeiteten zum Beispiel Nagelschmiede, sagt der Nachtwächter, in anderen Gemeinden wurden ähnlich fleißig Messer, Sensen und andere Utensilien hergestellt. Überall war der Bedarf an Brennstoff für die Essen groß, das hieß damals: Holz oder Holzkohle. Da kam der heutige Nationalpark Kalkalpen mit seinem üppigen Baumbestand gerade recht. Von dort brachten Flößer das Erz über die Gebirgsbäche nach Steyr, zusammen mit einem nie endenden Strom von Brennholz.

Hier leben bis heute die Nachfahren der „Schwarzen Grafen“

Wer die Gegend besucht, findet in jedem Winkel Hinweise auf diese Geschichte. Vor allem, wenn ihm ein kundiger Einheimischer die Augen dafür öffnet – wie Franz Sieghartsleitner, der sich im Nationalpark Kalkalpen unter anderem um den Tourismus kümmert. Als der gesprächige 59-Jährige durch die Ortschaft Leonstein zur Schmiedleithen führt und von den Schwarzen Grafen erzählt, deren Name davon herrührt, dass sie selbst am rußigen Schmiedefeuer standen und Sensenklingen formten, macht er seine Begleiter auf eine ältere Dame aufmerksam, die mit ihrem Enkel die Straße entlang kommt. „Eine Nachfahrin der Schwarzen Grafen“, sagt er und hält für einen kurzen Plausch an. Zeitgeschichte könnte nicht lebendiger sein.

Das Gebäude-Ensemble Schmiedleithen ist ein Freilicht-Museum, eine Ausstellung erzählt über das Wirken der Sensenschmiede und die Entwicklung des Handwerks, bis moderne Maschinen die Mahd mit der Hand nach und nach ersetzten. Bei schönem Wetter lohnt auch ein Spaziergang auf dem rund vier Kilometer langen Themenrundweg, der von Schloss Leonstein aus mit malerischem Ausblick auf bewaldete Bergflanken durch die Schmiedleithen führt. Das damalige Schmiedehandwerk können Besucher auch in einigen anderen Gemeinden erleben, vielerorts gibt es Museen oder Schaubetriebe. Der ausgefallenste von ihnen ist sicherlich der Familienbetrieb von Franz Wimmer in Molln: Der 82-Jährige stellt noch immer Maultrommeln her.

Ein Besuch bei Wimmer lohnt nicht nur, weil er Zuhörer mit seiner heiteren Art und seinen vielen ausgefallenen Anekdoten über sein Handwerk fesselt. Er gibt auch einen Einblick in die Welt der Maultrommel, die kaum jemandem bekannt sein dürfte. Wimmer zeigt, wie man sie spielt: Er klemmt den Rahmen des kleinen metallenen Instruments zwischen seine Lippen, mit einem Finger lässt er die Lamelle in der Mitte schnalzen und erzeugt damit ein „Boioioioing“. Sein Mundraum dient als Resonanzkörper, wenn er ihn vergrößert, verändert sich der Ton.

In den Kalkalpen hat man stets das Übermorgen im Blick

Zu Hochzeiten produzierte Wimmer 200.000 Maultrommeln pro Jahr, heute sind es noch etwa 40.000. Er verkauft nicht nur an Österreicher und Touristen, sondern liefert in die Mongolei, nach Vietnam, Russland … Die Maultrommler-Gemeinde ist klein und weltweit verstreut, aber gut vernetzt. Das Instrument ist in vielen verschiedenen Kulturen unabhängig erfunden worden, die meisten Maultrommeln werden aus Holz gefertigt. Wimmer hat 120 Modelle gesammelt, sogar der Dalai Lama sei hier zu Besuch gewesen und habe ihm eine Mönchs-Maultrommel geschenkt. Wimmer ist viel gereist, davon zeugen zahlreiche Bilder an den Wänden der Schauwerkstatt, die ihn mit dunkelhäutigen Stammesmitgliedern in einer Wüste zeigen, mit traditionell gekleideten Japanern oder mit Tibetern in deren Heimat. Eine Weltkarte ist gespickt mit kleinen Fähnchen, überall auf dem Globus hat er Freunde oder Käufer. So viel Internationalität würde im beschaulichen Molln niemand vermuten.

Dass Wimmer trotz seines Alters noch immer mit Elan bei der Arbeit ist, daran besteht kein Zweifel. Als er aber darüber spricht, wie es mit seinem Betrieb weitergehen soll, wird die Stimmung im Raum etwas nachdenklich: Ein Nachfolger ist nicht in Sicht, Wimmer ist der letzte seiner Profession in Österreich. Überhaupt geht es in der Gegend südlich von Linz viel um das Erhalten vergangener Zeiten, Traditionen und Geschichten. Nach wenigen Tagen fühlt es sich dort an wie in einem sehr lebendigen Archiv. Aber es dreht sich nicht alles um das Gestern: Im Nationalpark Kalkalpen hat man stets das Übermorgen im Blick.

Das größte zusammenhängende Waldgebiet Österreichs wurde 1997 zum Nationalpark erklärt und seitdem ständig erweitert, ist inzwischen über 200 Quadratkilometer groß und hat damit etwa halb so viel Fläche wie das Bundesland Wien. Seit der Gründung wird das Areal immer artenreicher, denn die Natur wird größtenteils sich selbst überlassen: Abgestorbene Bäume fallen einfach um, verfaulen und bieten dabei vielen Insekten und Gewächsen Lebensraum, einige ehemals bewirtschaftete Weideflächen werden von Büschen und Bäumen zurückerobert, selbst Teile des Wegenetzes werden nicht mehr instandgehalten und sind heute nicht einmal mehr als Trampelpfad zu erkennen. Besucher können viele Bereiche dieser Wildnis selbst erkunden, sich einer geführten Gruppe anschließen oder selbst einen Ranger buchen, der ihnen einige der vielen versteckten Schätze zeigt.

Und der Herr Fuxjäger ist Luchs-Spezialist

Christian Fuxjäger ist einer dieser Ranger. Wer mit ihm unterwegs ist, bekommt nicht nur schöne Landschaften zu sehen, sondern erfährt auch, was man gerade nicht sieht: Fuxjäger ist Luchs-Spezialist, die für den Menschen ungefährlichen Raubkatzen haben sich inzwischen wieder im Nationalpark angesiedelt. Er zeigt Videos von den Kamerafallen, die er aufgestellt hat – die extrem scheuen Tiere bekomme man praktisch nie zu Gesicht. Der Ranger erklärt auch, wie sich der Wald verändert hat. Zur Zeit der Schmieden, als möglichst viel Brennmaterial zu den Betrieben geschafft werden sollte, habe es hier viele Holzarbeiter gegeben, die das ganze Jahr über Bäume geschlagen haben und zum Teil über eigens dafür errichtete Rutschen zu den Bächen beförderten. Die Gewässer wurden aufgestaut und dann der Damm geöffnet, sodass ein künstliches Hochwasser die Stämme flussabwärts trug.

Heute werden nur noch Bäume gefällt, die drohen, auf die noch benutzten Wege zu fallen. Nur am Rand des Nationalpark-Geländes müssen vom Borkenkäfer befallene Bäume entfernt werden, weiter im Inneren haben die Käfer zum Teil ganze Waldstücke vernichtet. Dort stehen nur noch kahle Fichtenstämme, die nach und nach umstürzen. Fuxjäger sieht es ohne Bedauern, denn zwischen dem Totholz streben bereits junge Pflanzen in die Höhe, Arten, die kein Problem mit dem Borkenkäfer haben und besser an das Klima angepasst sind. Der Wald sorgt selbst für sein Weiterbestehen. Und er sei ein wertvolles Arten-Archiv, sagt der Ranger: Seltene Tier- und Pflanzenarten würden hier vor dem Aussterben bewahrt. Für Touristen hat die Unberührtheit viel zu bieten: Wo sonst sieht man wilde Orchideen wachsen, kann Hirsche bei der Brunft beobachten oder über längst vergessene Pfade an einsame Gebirgsbäche wandern, die durch tiefe Schluchten fließen.

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