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Ferienbeginn

24.07.2018

Dieses Italien-Gefühl: Keine Ferien ohne Brenner

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6 Bilder
Die Brennerautobahn hoch auf Stelzen gleich bei Gossesaß.
Bild: Othmar Kopp/ Tyrolia-Verlag

Der Brenner ist das Tor zu Sonne, Strand, Spaghettiglück. Seit 100 Jahren verläuft dort eine Grenze, die nicht nur Tirol, sondern gefühlt Welten trennt.

Wer den schnellen Süden will, muss über den Brenner. Er ist die Direttissima. Verheißung und hässliche Schneise zugleich zu Sonne, Strand, Spaghetti-Seligkeit.

Oben noch graue Zöllnerhäuser, blinde Fensterscheiben, rostige Leitplanken. Unten Bozen, Gardasee, Florenz, unverschämt blühende Oleanderbüsche am Straßenrand, das Meer, Sandburgen, Aperol Sprizz. Der Brenner das Tor zum Dolce far niente, der Süden so nah, dass man es nur noch bergab rollen lassen muss. Man darf bloß die Abfahrt nicht verpassen, zur Strada del Sole.

Kilometer 93,2. Abfahrt Eisack Ost. Die Eni-Tankstelle. Das ist traditionell der erste Halt hinter der Grenze. Rechts raus zum ersten Espresso auf italienischem Boden. Dazu ein Stück Pizza und einen Schinken-Käse-Toast. Zahlen an der Kasse, Herumstehen an der Bar, so wie es die nächsten Tage auch noch sein wird. Italiengefühl an der Tankstelle, warum können die das nur?

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In 14 Stunden an die Adria

Ferien ohne Brenner, das geht (fast) gar nicht. Generationen erinnern sich an die wachsende Anspannung, wenn es nach dem sterbenslangweiligen Inntal endlich immer mehr bergan ging. Dann die Europabrücke, die krasse Fast-180-Grad-Kehre, dann der Wipptalerhof zur Rechten. Genügend Zeit sich alles einzubrennen hatte man ja als Kind auf dem Rücksitz, denn man stand ja meist im Stau. Die Micky-Maus-Hefte waren irgendwann gelesen, die Burgen, allesamt könnten sie Vorbilder für Ritterbilderbücher sein, auf der rechten und linken Seite der Autobahn gezählt. 14 Stunden bis an die Adria waren schließlich keine Seltenheit.

Genügend Zeit also, sich in allen Farben die Grenzkontrollen auszumalen, einer der großen Höhepunkte der Urlaubsfahrt. Dass es nicht mehr weit sein konnte, kündigte sich durch emsiges Rascheln an. Der Griff der Mutter in die Handtasche, die die Pässe im vorauseilenden Gehorsam schon aufgeschlagen und ineinandergeschichtet hatte. Auch das so ein typischer Erinnerungsfetzen: Der Vater kurbelt das Fenster runter, der Zöllner in Uniform streckt den Kopf ins Auto, inspiziert Insassen und Inhalt, kontrolliert schweigend die Pässe und winkt dann entweder schweigend durch oder baut noch eine Schikane ein: „Den Kofferraum öffnen, bitte!“ Keine Frage, was Kinder aufregender fanden...

Und nicht zuletzt wechselte man nun zum zweiten Mal innerhalb von Stunden die Währung im Geldbeutel aus: D-Mark, Schilling und ab dem Brenner Lire. Grenzerfahrungen, wie sie heute gar nicht mehr gibt.

Das Spannendste heute an der Brennerüberfahrt ist dagegen, ob die Kamera der Videomaut das Autokennzeichen erkennt, sich die Schranke öffnet oder man rechts hinausfahren muss … Oder ob man direkt vor dem riesigen Outlet an der Straße einen Parkplatz bekommt oder ins ebenso riesige Parkhaus fahren muss. Ob das der Stoff ist, aus dem prägende Urlaubserinnerungen gemacht sind?

Der Brenner war nicht immer eine Grenze

Das alles zeigt aber zumindest, dass sich in den vergangenen 23 Jahren Entscheidendes verändert hat oben am Pass. Die Grenzhäuschen sind seit dem Schengen-Abkommen im Jahr 1995, das den Europäern freie Fahrt schenkte, weitgehend funktionslos, die Schlagbäume offen. Einziger noch notwendiger Aufenthalt für Autofahrer sind die Mautstellen. Was wurde eigentlich aus den Zollbeamten?

Der Brenner war immer ein Pass. Er ist Wasserscheide zwischen der Sill und der Eisack und damit zwischen dem Schwarzen Meer und der Adria. Eine Grenze war er allerdings nicht immer und für viele Tiroler ist er es auch heute immer noch nicht. 100 Jahre ist es dieses Jahr her, dass Tirol getrennt und Südtirol Italien zugeschlagen wurde. Der historische Hintergrund: 1918 im Ersten Weltkrieg wurde die Grafschaft Tirol von den Italienern besetzt und der südliche Landesteil annektiert. In einem Waffenstillstandsabkommen, das am 3. November 1918 in der Villa Giusti in Padua zwischen General Pietro Badoglio für das Königreich Italien und General Viktor Weber, Edler von Webenau, für die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie unterzeichnet wurde, wird erstmals die Grenze genannt, die übrigens ziemlich genau entlang der natürlichen Wasserscheide verläuft.

Eine Grenze, die von Adolf Hitler und Benito Mussolini im Jahr 1939 dann noch einmal endgültig besiegelt wurde. Dr. Manfred Breitenlechner bezeichnet in dem Buch „Brenner.o“, das in diesem Jahr anlässlich des 100. Jahrestages der Grenze erschienen ist, den Brenner als „eine von den Italienern erschlichene Grenze als Siegespfand im Ersten Weltkrieg“. Die Unabhängigkeitskämpferin Herlinde Mollig erinnert sich in dem Buch, für das der Tiroler Fotograf Ottmar Kopp zwei Jahre lang recherchiert hat, an die 50er und 60er Jahre, als die deutschsprachigen Tiroler im südlichen Landesteil Repressalien durch die Italiener ausgesetzt waren. Die Südtiroler Erhebung wehrte sich erst mit Schriften und Reden und schließlich mit Gewaltaktionen. Mollig erzählt, wie sie mit dem „freundlichen Gehabe einer erwartungsfrohen Italienurlauberin“ Flugzettel, Sprengmittel und Waffen notdürftig versteckt unter einer Luftmatratze in einem kleinen VW Karman Ghia über den Brenner schmuggelte. „Es hat immer geklappt“.

 Mit dem Käfer nach Italien

Andere transportierten vor allem Bikinis. Die 50er Jahre. Vollbeschäftigung in Deutschland. Wirtschaftswunder! Der Käfer fährt und fährt und fährt, und die Deutschen entdecken das Verreisen. Scharenweise tuckern sie in Caprihose und Collegejacken über den Brenner. Und sie entdecken den Gardasee, die Amalfi-Küste und die Sonne, wenn sie bei Capri im Meer versinkt. Viele machten ihre erste Grenzerfahrung nach dem Krieg. Italien war das exotische Reiseziel schlechthin damals. In Deutschland gab es noch kaum italienische Restaurants, Spaghetti, Pizza und Brokkoli noch vollkommen unbekannt. Und Zucchini erst …

Auch das zählt zu den vielen Brenner-Phänomenen, die heute kaum jemand mehr weiß. Als die Deutschen im großen Stil das Reisen für sich entdeckten, hatte Gossensaß, zehn Kilometer unterhalb des Brennerpasses, seine besten Zeiten schon gesehen. Gossensaß war der Nobelkurort im 19. Jahrhundert. Wer heute auf die alte Brennerstraße in Richtung Pflerschtal abbiegt, sieht dem tristen Straßenort kaum an, dass er einmal mondänes Reiseziel war. Henrik Ibsen, Oskar von Redwitz und Prinz Wilhelm von Preußen kurten etwa in der Kaltwasser-Heilanstalt Gudrunhausen oder im Palasthotel. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges verblasste der Glanz. Doch das einstige Palasthotel steht noch immer wie ein cremigweißes Schlösschen etwas oberhalb der Durchgangsstraße und erzählt von alten, vielleicht besseren Zeiten.

Wie nie zuvor fließt der große Verkehr auf der Autobahn hoch über Gossensaß vorbei. Der Brenner ist neben der Schweizer Gotthardroute (Richtung: Lombardei) und der österreichischen Tauernautobahn (Richtung: Istrien/Dalmatien) die wichtigste Verkehrsverbindung in den Süden. Und wahrlich nicht nur für Urlauber: 8000 Lastwagen passieren täglich den Brenner. 2,2 Millionen Brummis sind es jährlich. Dazu kommen fünf Millionen Pkw, die im Jahr über den Pass, rollen, so der ADAC. Die größte Blechlawine wird erwartungsgemäß kommendes Wochenende über den Brenner rollen. Dann nämlich starten die Bayern und Baden-Württemberger gleichzeitig in die Ferien und die Urlauber aus allen anderen Bundesländern sind auch noch unterwegs. Rushhour also.

Seit der Antike Rushhour am Brenner

Aber irgendwie war immer Rushhour auf dieser Handels- und Transitroute. Nicht nur in der Neuzeit. In der Antike marschierten schon die Kimber über den Pass und fielen in das Römische Reich ein. Dann zogen die Römer unter Drusus über den Alpenhauptkamm in Richtung Norden und vereinten sich bei Augsburg mit den Truppen von Tiberius. Im Mittelalter war der Brenner der meist passierte Alpenpass. Um 1430 sollen 90 Prozent des Fernhandelsverkehrs über die Brennerroute abgewickelt worden sein. Schon damals seien jährlich 6500 Frachtwagen unterwegs gewesen. Und auch die Fugger sorgten für ordentlich Handelsverkehr auf dieser Route. Kein Vergleich natürlich zum heutigen Massenansturm, den der Brennerbasistunnel ab 2026 lindern soll, zumindest was den Transport von Gütern angeht. Bis es soweit ist und auch unabhängig davon, wird der Brenner noch für viele Schlagzeilen sorgen. Nicht nur wegen des Verkehrs sondern auch wegen der aktuellen Flüchtlingskrise.

Nicht eindeutig geklärt ist übrigens, woher der Brenner seinen Namen hat. Erstaunlicherweise hieß das heutige Passdorf Brenner nämlich im 13. Jahrhundert noch Mittenwald, wie urkundliche Erwähnungen belegen. Etwa 1288 den Hof eines Prennerius de Mittenwalde. Wobei sich Prenner aller Wahrscheinlichkeit nach als Bezeichnung für einen Mann, der Brandrodung betreibt, deuten lässt. 1328 wird die Passhöhe als ob dem Prenner genannt. Eine andere Mutmaßung aber ist, dass der Name auf das Volk der Breonen zurückgeht, das vornehmlich in den Seitentälern lebte. Die Breuni finden noch im 9. Jahrhundert eine geschichtliche Erwähnung. Schließlich sollen sie gänzlich in der bayerischen Bevölkerung aufgegangen sein.

Kilometer 93,2: der erste Espresso

Könnte das gar als Indiz gewertet werden, warum die Neigung der Bayern, über den Brenner zu ziehen gar so tief sitzt? Oder ist der Grund viel profanerer Natur. Kilometer 93,2 hinter der Grenze, der erste Espresso auf italienischen Boden? Wahrscheinlich wird es so sein.

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