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Golfen in der Normandie

21.08.2018

Erst der Abschlag, dann die Jakobsmuschel

Der „Albatros Course“ im „Le Golf National“ ist von 28. bis 30. September Schauplatz des Ryder Cup, bei dem sich die besten Golf-Profis der USA mit den besten aus Europa messen.
Bild: Thomas Samson, afp

Wer in die Normandie fährt, denkt zunächst nicht ans Golfen. Ein Fehler. Es lässt sich dabei sogar Schlemmern. Und nicht weit entfernt liegt der Ryder-Cup-Platz.

Plötzlich kommt Bewegung in die Vierergruppe am Nachbartisch. Die Männer schieben die leeren Teller von sich, genehmigen sich den letzten Schluck Wein und kramen ein paar Geldscheine aus der Hosentasche. „Garçon!“, ruft einer von ihnen den Kellner heran und deutet hinüber zum Golfplatz: „On a depart!“ Jetzt pressiert es, denn gleich müssen die vier zum Abschlag. Mit Rindertatar, Garnelen vom Grill, Apfeltarte und einer Flasche Bordeaux im Bauch?, wundert sich der Besucher aus Deutschland. Nun ja, erläutert unser Flightpartner Philippe: Golfspielen in Frankreich ist so ähnlich wie Skifahren in Italien – es dient vor allem dazu, gut zu essen und zu trinken. Man tut es vor oder nach der Runde und mitunter auch mittendrin beim Halfway. So auch hier in der Normandie.

Golf und Genuss in Frankreich

Wie in wenigen Reiseländern lassen sich Golf und Genuss in Frankreich verbinden. Bekanntermaßen sind unsere Nachbarn ein Volk von Feinschmeckern, und sie sind auch eine große Golfnation. Bereits im 16. Jahrhundert ist hier das „jeu de mail“ nachgewiesen, bei dem man, promenierenderweise, mit dem Stock einen oder mehrere Bälle ins Ziel beförderte. Der erste Golfplatz auf dem europäischen Festland entstand im Jahr 1856 in Pau, unweit der mondänen Badeorte Bayonne und Biarritz.

Heute gibt es über 500 Anlagen in Frankreich, an keinem Punkt des Landes ist man weiter als eine Fahrstunde vom nächsten Platz entfernt. Mit über 600000 Golfern gehört Frankreich zahlenmäßig zur europäischen Spitze. Und während Deutschland mit seiner Bewerbung für den Ryder Cup 2018 glatt durchfiel, bekam Frankreich dank Unterstützung bis in die höchsten Stellen des Staates den Zuschlag. Im nahe Paris gelegenen Leistungszentrum „Le National“ tragen vom 28. bis 30. September die besten Golfer aus den USA und Europa ihren Wettstreit aus. Von den handtuchschmalen Fairways wird später noch die Rede sein.

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Zurück in die Normandie, wo wir mit unserem Freund Philippe auf der Terrasse des Golfclubs Champ de Bataille sitzen: Über 90 Prozent aller französischen Golfer spielen vor allem zur Entspannung, zitiert er das Ergebnis einer aktuellen Umfrage und studiert interessiert die Speisekarte, für die neuerdings Sternekoch Guillaume Louet verantwortlich zeichnet. Komfortable Arbeitszeit- und Ruhestandsregelungen schaffen den nötigen Freiraum, um beiden Leidenschaften, Essen und Golfen, zu frönen. Aber wird nicht Staatspräsident Macron diesem gallischen Laisser-faire womöglich bald ein Ende bereiten? „Mais non!“, ruft Philippe: „Niemals.“

Reformen – pah! Lieber schwelgt Philippe noch einmal in Erinnerungen an die Runde auf dem Platz mit dem martialischen Namen. Zwar lag vermutlich nur der Legende nach hier das Schlachtfeld, auf dem um das Jahr 935 Wilhelm Langschwert mit Robert dem Dänen die Klingen kreuzte; wahrscheinlicher ist, dass dieses Stück Land in der Normandie ganz einfach einem Herrn namens Bataille gehörte. An einigen Löchern muss der Freizeitgolfer ganz schön kämpfen, um seinen Ball mit vorzeigbarem Score im Loch zu versenken. Die Fairways sind eng und von üppigen Rhododendren gesäumt, die auch der 17, dem spektakulärsten Loch, den Namen geben. Nur 130 Meter trennen den Abschlag von der Fahne, doch dazwischen gähnt ein tiefer Abgrund, während gleich hinter dem abschüssigen Grün drei Bunker aufnahmebereit warten.

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Bild: DB Ehlers, dpa

Wir verabschieden uns von Philippe, der noch zwischen dem Kabeljaufilet mit Püree von der Süßkartoffel und Salade niçoise einerseits und der warmen Ziegenkäse-Tartine mit provenzalischem Minigemüse andererseits schwankt. Auf uns wartet das Abendessen im Golfhotel Barrière in Deauville, wohin wir noch eine gute Stunde Fahrt benötigen. Mit seinem Jachthafen, der Pferderennbahn, dem Casino, den luxuriösen Villen und Boutiquen ist das Seebad für die französische Hauptstadt das, was Kitzbühel für München und Sylt für Hamburg sind. „Man nennt Deauville auch das 21. Arrondissement von Paris“, erzählt Golfdirektor David Raguet, während der Kellner nach dem halben Dutzend frischer Atlantik-Austern eine perfekt gegarte Brust vom Bressehuhn mit Apfelspalten und Calvadosrahm als Hauptgang aufträgt. So genießt man den Sonnenuntergang mit Blick über die Seinemündung bis hinüber zum Cape de la Heve.

Golfen zwischen Apfelbäumen

Seit 1929 wird auf dem Mont Canisy das große Spiel mit dem kleinen Ball betrieben, zweimal, 1930 und 1953, fand hier die French Open statt. Noch immer wird die 27-Loch-Anlage regelmäßig unter die fünf besten Plätze Frankreichs gewählt. Eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt, bietet der Platz Saint Julien weitere 27 Löcher. Eher tricky und fordernd ist dieser Platz in offener normannischer Landschaft mit idyllischen Apfelbäumen und wogendem Gras zwischen den Bahnen.

Wir widerstehen der Versuchung, vom Clubhaus aus den Kampf der nachfolgenden Flights auf der 18 zu verfolgen. Das Par-5-Loch ist nicht nur ein doppeltes Dogleg – erst ein Knick nach rechts, dann nach links –, sondern wartet auch mit frontalem Wasser und einem gut verteidigten Grün auf. Eine echte Herausforderung also noch einmal zum Abschluss des über 6000 Meter langen Kurses. Doch unser nächstes Ziel ist bereits im Navi gespeichert: Le Moulin des Conelles.

Eigentümerin Karine Petiteau hat gemeinsam mit ihrem Vater Hubert aus dem verfallenen Mühlengebäude an einem Seitenarm der Seine ein perfektes Hideaway geschaffen. „Wir hatten fast 20 Jahre lang jeden Tag einen Zimmerer im Haus“, erzählt die Patronne. „Man glaubt sich fast in Chenonceau“, stellte selbst der Guide Michelin schwärmerisch fest. Vermutlich saß der Kritiker wie wir in der heraufziehenden Abenddämmerung beim Aperitif – einem staubtrockenen Cidre mit einem Schuss Cassis – auf der Terrasse. Und in der Tat fühlt man sich an das berühmte „Schloss der Damen“ der Katharina von Medici erinnert, das sich im Loiretal grazil über das Flüsschen Cher spannt.

Aber nicht nur mit dem Gebäude, sondern ebenso mit der Küche hat sich Madame Petiteau das Lob im Gourmetführer verdient. Schon die als Vorspeise servierte Creme brulée von der Entenleber mit Gewürzbrot und geröstetem Mohn lohnt einen Umweg. Ganz zu schweigen vom Hauptgang, einem karamellisierten Schweinebauch mit Kartoffelstampf, und der pochierten Birne in gesalzener Butter, die uns zum Nachtisch lauwarm serviert wird.

Nein – besonders leicht ist die normannische Küche nicht. Aber so sehen wir uns hinlänglich gestärkt für die 18-Loch-Runde am nächsten Morgen in Vaudreuil. Wir haben geschichtsträchtigen Boden unter den Spikes. Die Infotafeln an den Abschlägen geben nicht nur Auskunft über die Spielbahn, sondern erzählen auch die bewegte Vergangenheit dieses Flecken Landes in der Seineschleife, das schon in der gallo-römischen Zeit besiedelt war. Die Herzöge der Normandie ließen später ein königliches Landgut zu einer Burg umbauen, der im 16. Jahrhundert ein Schloss mit weitläufigem Park folgte. Ob Wilhelm der Eroberer oder Richard Löwenherz – jedes Loch ist einem Kapitel der glorreichen Historie gewidmet.

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Bild: Privat O.h.

Diese glanzvollen Zeiten waren längst vergangen, als Graf Marc de la Haye Ende der 1950er Jahre rund 90 Hektar verlassenes Land erwarb, um den ersten Golfplatz im Departement Eure zu bauen. Mit der Umgestaltung einer denkmalgeschützten Scheune zum Clubhaus und dem in einem Pavillon eingerichteten Grand-Slam-Hotel zählt Vaudreuil heute zu den schönsten Anlagen des Landes. Es ist Austragungsort von Turnieren im Rahmen der PGA-Challenge Tour, und der französische Golfverband adelte den Platz mit einer Kurzspiel-Akademie.

Allerdings ist auch das lange Spiel durchaus gefragt auf diesem Parklandplatz, der zwar durch ein weitgehend ebenes Gelände führt, dafür aber mit Par-4-Löchern von über 400 Metern aufwarten kann. Zu den spektakulärsten Spielbahnen gehört die 10, ein Par 3 von 177 Metern, deren Abschläge auf kleinen Inseln mitten im Teich vor dem Clubhaus liegen. Die Einkehr in dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Gebäude lohnt übrigens unbedingt: Krabbenfleisch mit Avocado, Carpaccio von der Jakobsmuschel, mariniert in feinem Zitronenpfeffer entschädigen für jeden verlorenen Ball.

Entspannung beim Golfen, das ist im „Le National“ im feinen Pariser Westen relativ. Seit Jahren sammelt die 45-Loch-Anlage, auf der heuer der Ryder Cup ausgetragen wird, Auszeichnung um Auszeichnung. Die englische Fachzeitschrift Golf World zählt sie zu den 100 besten Plätzen der Welt. Der Course wurde auch als bester französischer Platz ausgezeichnet.

Eigens für den Ryder Cup wurden noch einmal sieben Millionen Euro in den Albatros-Kurs investiert, auf dem sich im Herbst die Golfelite von diesseits und jenseits des Atlantiks trifft. Einfacher wurde der Par-72-Platz deswegen nicht. 6649 Meter von den hinteren Abschlägen sprechen für sich. Dazu kommen handtuchschmale Fairways, unzählige Wasserhindernisse, tiefe Bunker, wild bewegte und pfeilschnelle Grüns. Für Heldentaten, die wir später im heimischen Golfclub erzählen könnten, lässt dieser Platz wenig Raum. Für das Greenfee von 137 Euro gibt es als Teegeschenk einen fast handtellergroßen Marker mit dem gallischen Hahn. Und mit dem kann man dann zu Hause doch noch ein bisschen angeben.

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