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Unterwegs in Havanna

28.03.2019

Kuba hoffte auf freiere Zeiten. Doch dann kam Trump

Kubas Sonnenuntergänge sind einfach beeindruckend. 
Bild: Andrea Kümpfbeck

Der Tourismus sollte Devisen auf die arme Insel bringen. Schicke Luxushotels sind da, bonbonbunte Oldtimer sowieso. Ist Kuba schon so libre, wie es wollte?

Die Stars der Stadt sind mintgrün, feuerrot, himmelblau oder zitronengelb. Bonbonbunte Farbtupfer, die durch Havannas Altstadtgassen schaukeln oder die berühmte Uferpromenade, den Malecón, entlang cruisen. Ronnie Chong Armentera fährt eines dieser amerikanischen Schmuckstücke aus den 50er Jahren, wegen denen viele Touristen überhaupt nach Kuba kommen. Einen pinken Chevrolet Impala, Baujahr 1959 – ein Auto, 25 Jahre älter als der schüchterne, dunkelhäutige Mann am weißen Lenkrad.

Der Oldtimer auf Havannas Straßen ist ohne Tacho unterwegs

Der elegante Chevrolet ist mehrfach neu lackiert worden und auch sonst sieht man dem Oldtimer an, dass an der weißen Lederausstattung und dem hellen Armaturenbrett schon einiges zu flicken war. Auf der Beifahrerseite lässt sich die Tür nur von außen öffnen und die Tachonadel bleibt standhaft auf null. „Der Tacho ist nicht angeschlossen“, sagt Ronnie und zuckt mit den Schultern. Er passt nicht, weil er aus einem Lada stammt. So wie viele andere Teile auch nicht wirklich passen, die in ihrem Vorleben in anderen Autos Dienst getan haben. Wegen des Handelsembargos der USA war es nahezu unmöglich, Ersatzteile für die schicken Straßenkreuzer zu importieren. Es besteht seit der Revolution 1959 und gilt bis heute. Doch die Kubaner haben gelernt zu improvisieren – und behelfen sich eben mit Teilen russischer Kleinwagen.

Wie viele Kilometer Ronnie Chong Armenteras pinkes Cabriolet wohl auf dem Fahrgestell hat? Der 35-Jährige zuckt wieder mit den Schultern, er sagt nur: „Mucho.“ Viele. Gut 500.000 Oldtimer sind in Kuba unterwegs, inzwischen mehr als in den USA. Die bunten Schlitten sind Relikte einer verruchten Zeit. Als sich – weil in Amerika Alkohol und Glücksspiel verboten sind – die Genuss- und Spielsüchtigen auf der Karibikinsel austoben, die nur gut 150 Kilometer von Florida entfernt liegt. Als Frank Sinatra im ehrwürdigen Hotel Naçional für die Mafia-Bosse singt, die von Kuba aus ihre USA-Geschäfte lenken. Verrucht hin oder her: Im Naçional haben sie alle gewohnt. Churchill und Sartre, Ava Gardner und Soraya. John Wayne bestellte hier sein Lendensteak mit Pfeffersoße und Gary Cooper als Nachspeise Crêpe Suzette.

Ohne ihn geht es nicht. Noch immer. Che Guevara ist die Kuba-Ikone. 
Bild: Andrea Kümpfbeck

Das Geschäft mit den Oldtimer-Rundfahrten für 40 Euro die Stunde boomt. Seitdem immer mehr Touristen auf die Insel kommen, die den Mythos Kuba erleben wollen, hat sich die Anzahl der hochglanzpolierten US-Schlitten in Havanna verdoppelt, vielleicht sogar verdreifacht. Viele, die auf dem Land noch ein Oldtimer-Wrack in der Scheune stehen hatten, haben ein gutes Geschäft gemacht. Der Preis für die Buicks, Pontiacs, Cadillacs, Dodges oder Chevrolets ist nämlich um das Fünffache gestiegen, erzählt Reiseleiter Luiz Felipe González Lizame: War früher so ein Wagen vielleicht 5000 Euro wert, kostet er heute 20.000 bis 25.000 Euro. „Dabei wollen wir keine solchen Schrottkarren“, sagt Lizame, „wir wollen moderne Autos, wie ihr sie habt.“

Der Staat Kuba ist mittlerweile weniger streng

Die Touristen aber mögen die Oldtimer. Und Fahrer Ronnie Chong Armentera mag seinen Job. Er mag ihn auch deshalb, weil er mit den Touristen mehr verdient als die meisten anderen in Kuba. Wie viel, will er nicht verraten. Aber er erzählt, dass er im Monat 400 Euro Steuern bezahlt. Was anständige Einnahmen vermuten lässt. Ein Lehrer bekommt 50 Euro im Monat ausbezahlt, allerdings subventioniert der Staat die Kosten für die Miete, Wasser, Strom, Heizung, Telefon, für die Gesundheitsversorgung und die Schulbildung. Wie das eben so ist im Sozialismus.

Wobei der kubanische Staat – wenn’s darum geht mitzuverdienen – längst nicht mehr so streng ist und inzwischen private Geschäfte erlaubt. Die vielen Fahrer mit ihren Oldtimern, private Cafés und Restaurants, Souvenirhändler, Privatvermieter und internationale Hotelketten. Die allerdings dürfen ein Hotel nur zu 50 Prozent besitzen – die andere Hälfte behält der kubanische Staat. Allein in der Altstadt von Havanna gibt es jetzt zwölf Fünf-Sterne-Hotels, in denen die Nacht 150 bis 200 Euro kostet – mit Swimmingpools auf dem Dach und Luxus-Spa. Und neben den 25 offiziellen, staatlichen Restaurants haben in der „Habana Vieja“ in den letzten Jahren gut 50 private Gaststätten, Kneipen und Cafés eröffnet. Die ersten werden schon von Tripadvisor empfohlen.

Der Handel mit Oldtimern ist auf Kuba ein lukratives Geschäft geworden. 
Bild: Andrea Kümpfbeck

Die italienische Modefirma Benetton hat eine Filiale aufgemacht und ein österreichischer Brauer ein Wirtshaus. Selbst Edelmarken wie Gucci, Armani oder Prada gibt es kurz in der schicken Einkaufspassage unter dem Gran Hotel Manzana Kempinski. Das ist 2015, als der frühere US-Präsident Barack Obama nach jahrzehntelanger Eiszeit einen Schritt auf Kuba zugeht – und im Juli die amerikanische Botschaft in Havanna wiedereröffnet. Mit viel Brimborium, internationalem Lob und genau jenen drei Matrosen, die 1960 bei der Schließung der Botschaft die US-Flagge einholten – und sie nun wieder hissen.

Was wurde aus der Goldgräberstimmung in Kuba?

2015 bricht dann auch eine Art Goldgräberstimmung aus in Kuba. Das große Hoffen auf Devisen, auf amerikanische Touristen vor allem, deren Geld den maroden Staat sanieren und die darbende Bevölkerung in ein besseres Leben hieven soll. Mit Präsident Donald Trump aber zerplatzt der Traum, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern verschlechtern sich wieder.

Trump macht einen Teil der Obama-Reformen und Reiseerleichterungen rückgängig – und an der US-Botschaft am Malecón weht zwar noch die amerikanische Flagge, das Personal aber ist auf zwei Wächter reduziert. US-Touristen dürfen Kuba weiterhin nur bereisen, wenn sie wissenschaftliche, religiöse oder kulturelle Interessen nachweisen können. Und die Luxus-Läden beim Kempinski-Hotel sind längst wieder geschlossen.

Statt der Amerikaner kommen seit drei, vielleicht fünf Jahren die Kreuzfahrt-Touristen. Wobei nicht so viele Schiffe in Havanna anlegen können, wie das gerne wollen – der Hafen ist zu klein. Darum soll in den nächsten Jahren ein neues Kreuzfahrt-Terminal gebaut werden.

Und es kommen die Europäer. Viele Franzosen, viele Italiener und viele Deutsche, die das alte, das morbide Kuba erleben wollen, von dem sie gehört und gelesen haben. Taxifahrer Juan Carlos kann das nicht verstehen. „Wir öffnen uns schon lange der Welt“, sagt er auf der Fahrt in die Altstadt, „ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass sich Kuba so schnell verändern wird.“ Schon deshalb nicht, „weil wir gar nicht zu einer Welt gehören wollen, in der alle gleich sind.“ Eine interessante Aussage in einem kommunistischen Land, in dem die Gleichheit aller von Staats wegen verordnet ist.

Die Altstadt von Havanna ist Weltkulturerbe

Seit 30 Jahren, sagt Juan Carlos, hört er: „Die Amerikaner kommen – und wo sind sie jetzt?“ Da hält er sich doch lieber an den Grundsatz, den die meisten seiner Landsleute vertreten: „Wir leben heute – und morgen ist morgen.“

Schlendert man durch die Gassen der übersichtlichen Altstadt, die seit 1982 Unesco-Weltkulturerbe ist, trifft man auf viele sanierte Gebäude. Etwa die Hälfte der rund 4000 Häuser ist mit Unesco-Geldern inzwischen vor dem Verfall gerettet oder abgerissen worden. Die prächtigen, barocken, klassizistischen oder kolonialen Fassaden sind frisch verputzt, die Innenhöfe neu bepflanzt, die Löcher in den Bürgersteigen geflickt. Und das Capitolino, eine Kopie des Kapitols in Washington, blendet in der Mittagssonne, so weiß strahlt es seit der Renovierung durch eine deutsche Baufirma. Ein bisschen erinnert die aufpolierte Altstadt an Disneyland, an eine Fassade. Und Reiseleiter Luiz Felipe Gonzáles Lizama, 45, sagt: „Die Altstadt ist für die Touristen, wir wollen dieses Alte nicht, wir wollen neue, moderne Gebäude.“

Die Läden in der Altstadt von Havanna sind bunt angestrichen. 
Bild: Andrea Kümpfbeck

Die Touristen kehren in der Bar „Bodeguita del Medio“ ein, der Heimat des Mojitos, des kubanischen Nationalgetränks. Den soll hier an der Bar mit den eng bekritzelten Wänden, die von Japanerinnen und Kanadiern belagert ist, häufig auch Ernest Hemingway bestellt habe. Wenn er nicht gerade ein paar Ecken weiter in der Bar „El Floridita“ einen Daiquiri nahm, wo er noch heute als Bronzefigur am Tresen sitzt. Bevor der Literat ins herrlich altmodische Hotel Ambos Mundos wankte. Das Zimmer des amerikanischen Autors, die Nummer 511, kann man besichtigen.

Biegt man von der Altstadt aus in eine Seitenstraße ein, findet man das Havanna, das aus der Zeit gefallen ist. Das nostalgische Havanna, das die Besucher suchen und das in diesem November seine Gründung vor 500 Jahren feiert. Das echte Havanna, in dem die meisten der drei Millionen Einwohner leben. Hier sind die Straßen ungeteert und der Regen des mittäglichen Schauers sammelt sich in riesigen Pfützen. Hier springen die Kinder in Schuluniformen herum und plaudert die Nachbarin mit dem Gemüsehändler, der auf seinem hölzernen Wagen ein paar Tomaten, Knoblauch und Bananen vor sich herschiebt. Hier bröckeln die Balkone von den Häusern, die oft nur noch aus der Fassade und dem Erdgeschoss bestehen, weil das Dach löchrig und der oberste Stock zusammengefallen ist. Bewohnt sind die Ruinen trotzdem, auch wenn es nur stundenweise Strom gibt und die Fensterscheiben zersplittert sind. Und von überall schallt Salsa auf die Straße.

Wo das Leben ein täglicher Kampf ist, ist die Gefahr gering, dass die Stadt in den nächsten Jahren übersaniert wird – auch wenn die Oldtimer, die Touristenbusse und die Kreuzfahrtschiffe mehr werden in Havanna. Denn der Alltag der Bevölkerung besteht vor allem aus Schlangestehen vor den Lebensmittelläden, aus Warten auf neue Lieferungen, aus dem Verwalten des Mangels. Per Lebensmittelkarte können sich die Kubaner mit dem Nötigsten eindecken. „Das reicht nicht zum Überleben“, sagt Reiseführer Lizama, „aber es hilft den Rentnern und den Armen.“

Reiseführer Lizama hat geweint, als in Deutschland die Wende kam

Bis 1989, dem Fall des Eisernen Vorhangs, „ging es uns gut“, sagt Lizama. Benzin, Lebensmittel, Traktoren und Busse wurden von sozialistischen Bruderstaaten geliefert, ihren einzigen Handelspartnern. Von der Sowjetunion vor allem, aber auch aus der DDR. Damals bekam eine Familie monatlich 25 Produkte zugeteilt. „Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks gab es keine Milch, keinen Käse und keine Kartoffeln mehr aus der DDR“, erzählt Lizama. Und es gab keine Fahrpläne mehr – bis heute nicht. Weil auch der öffentliche Nahverkehr zusammengebrochen ist. „Ihr habt die Wende gefeiert“, sagt Lizama, „wir haben geweint.“

Heute bekommen die Menschen mit der Lebensmittelkarte nur noch sechs Produkte: Reis, Speiseöl, eine Tüte Getreidekaffee, Bohnen, 300 Gramm Hähnchen und ein wechselndes Produkt, das die Regierung zuteilt. Nachdem sich die Hoffnung, die Obama brachte, nicht erfüllt hat, kommen Milch und Kartoffeln jetzt von einem neuen Freund und Handelspartner: aus China.

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