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Reise nach Warschau

14.11.2017

Neue Altstadt, hippe Neu-Stadt - das ist Warschau

Die Altstadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut.
Bild: Christian Gall

Wer Warschau besucht, kommt an seiner Geschichte nicht vorbei. Davon erzählt das beste Museum Europas. Doch abends in den Ausgehvierteln spielt die Historie keine Rolle mehr.

Die Stadt hat sich neu erfunden. Von ehemaligen sowjetischen Plattenbauten hängen Werbeplakate. Auf einstigen Exerzierstraßen schieben sich Busse voller Touristen. Trotzdem kommt man in Warschau an der Geschichte nicht vorbei. Egal, ob man durch Einkaufsstraßen spaziert oder durch Parks schlendert – überall hat die Vergangenheit ihre Spuren hinterlassen.

Obwohl Warschau schon mehr als 1000 Jahre auf dem Buckel hat, ist kaum eines der Gebäude älter als 70 Jahre. Das klingt neu und hip, ist es größtenteils aber nicht. Alte Gebäude fehlen in der Stadt, weil alle abgerissen wurden. Denn die Stadt fiel – wie ein Großteil ihrer Bevölkerung – dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Umso erstaunlicher ist, wozu sich Warschau gewandelt hat.

Heute leben in Polens Hauptstadt mehr als 1,7 Millionen Menschen. Und die Verantwortlichen der Stadt tun ihr Möglichstes, um Warschau für Touristen zu vermarkten. Sie putzen die Sehenswürdigkeiten heraus und füllen sie durch Veranstaltungen mit Leben. Der Kulturpalast etwa, das höchste Gebäude Polens, beherbergt mehrere Theater, ein Technologie-Museum und ein Planetarium.

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Im 30. Stockwerk ermöglicht eine Aussichtsplattform einen weiten Blick über die Stadt. Dabei war das gewaltige graue Gebäude – monumental und palastartig wie viele russische Bauten der damaligen Zeit – einst ein Zeichen der Unterdrückung. Die sowjetischen Besatzer hatten den 230 Meter hohen Kulturpalast nach dem Zweiten Weltkrieg als Zeichen der Stärke der Sowjetunion errichtet. In Warschau kommt man eben nicht an der Geschichte vorbei.

Der Lazienki-Park zeigt die Schönheit der Stadt. Im Park steht auch der sehenswerte Lazienki-Palast, der von Statuen im antiken Stil umgeben ist.
Bild: Christian Gall

Die Warschauer sind praktisch veranlagte Menschen

Doch die Warschauer sind praktisch veranlagte Menschen. Den grauen Kulturpalast beleuchten sie nachts mit farbigen Scheinwerfern und lassen den steinernen Koloss dadurch viel freundlicher aussehen. Ebenso pragmatisch sind die Warschauer bei ihrer zerstörten Altstadt vorgegangen. Sie haben sie wieder aufgebaut – und zwar nach mittelalterlichem Vorbild. Für die gelungene Rekonstruktion erhielt die Altstadt sogar den Titel Unesco-Weltkulturerbe. Heute ist Warschau die modernste historische Altstadt der Welt.

Wer mehr wissen will, sollte einen Blick in das Museum „Polin“ werfen. Dort wird die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Polen erzählt – auf beeindruckende Weise. Mit Licht, Farben, Toneffekten und geschickt eingesetzten optischen Spielen erlebt der Besucher eine Reise durch 1000 Jahre Geschichte. Für die herausragende Umsetzung wurde das Polin im vergangenen Jahr zum besten Museum Europas gekürt.

Dort erfahren Besucher auch, was Warschau durchgemacht hat. Beschädigt wurde die Stadt beim Einmarsch der Wehrmacht 1939. Aufgewühlt beim Warschauer Aufstand 1944. Und ausradiert beim Rückzug der Nazis 1945. Die Truppen hinterließen kaum mehr als Trümmer, rund 85 Prozent der Gebäude wurden abgerissen. Im Polin sehen Touristen, warum sie an der Geschichte nicht vorbeikommen.

Neben der bewegten Geschichte hat Warschau seinen Besuchern viel mehr zu bieten. In der „Neu-Stadt“ reihen sich Bars an Clubs und Restaurants. Letztere sind modern gestaltet, mit teils cooler Dekoration und offenen Küchen. Das „Orzo“ am Platz der Konstitution wirbt etwa mit dem Slogan „People, Music, Nature“. Gerade dem Punkt „Nature“ wird das Restaurant gerecht – über zwei Stockwerke schlängeln sich Pflanzen an den Wänden – ein Abendessen dort fühlt sich an wie ein Kurztrip in den Urwald.

Urlaubern kommen beim Restaurant-Besuch die polnischen Preise entgegen. Das Essen ist viel günstiger als in Deutschland. Für rund 40 Zloty, umgerechnet zehn Euro, landet ein Hauptgericht samt Getränk auf dem Tisch. In Bars kostet das Bier rund zwei Euro, auch der landestypische Wodka wandert günstig über den Tresen.

Für junge Leute ist die Neu-Stadt interessant

Dementsprechend voll sind nachts die Straßen. Junge Leute ziehen durch die Stadt, von einer Bar in die nächste. Auffallend viele Studenten verbringen so ihre Nächte. Kein Wunder, denn in Warschau steht eine große Universität mit insgesamt 19 Fakultäten. Das Nachtleben pulsiert daher vor Energie. Interessante Orte für junge Leute gibt es auch außerhalb der Neu-Stadt. Im Stadtteil Praga präsentiert sich die „Soho-Factory“ im trendigen Industrie-Charme.

Der Altar in einem schäbigen Innenhof im Stadtteil Praga zeigt, dass die Warschauer auch Schönheit an verwahrloste Orte bringen.
Bild: Christian Gall

Passend dazu finden Touristen dort das Neon-Museum, in dem Leuchtreklame der letzten Jahrzehnte ausgestellt ist. In einer schummrigen Halle leuchten knallbunte Werbebanner – Retro-Fans sollten sich das Museum unbedingt ansehen. Allerdings sollten Besucher ihren Weg zur Soho-Factory möglichst ohne weite Umwege in Praga wählen, denn der Stadtteil gilt als unsicher für Touristen.

Wesentlich sicherer geht es dagegen in der Neu-Stadt zu, etwa in der Hala Koszyki. Die ehemalige Markthalle ist rund 100 Jahre alt und gehört damit zu den ältesten Gebäuden Warschaus. Heute beherbergt sie insgesamt 18 Restaurants, eine 50 Meter lange Bar und einen Lebensmittelmarkt. Kulinarische Spezialitäten finden sich mehrere in der Neu-Stadt. Zum Beispiel die Hala Gwardii.

Dort bieten Lebensmittelhändler und Restaurants an vielen Ständen ihre Waren an. Besucher können sich dann in der Halle einen Platz suchen und gemeinsam essen – auch, wenn sich jeder etwas von einem anderen Stand geholt hat. Wer dagegen ein landestypisches Gericht sucht, sollte nach einem Restaurant für Piroggen suchen. Die gefüllten Maultaschen sind ein traditionelles Gericht in Polen. Auch an Piroggen kommt man in Warschau einfach nicht vorbei.

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