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Reisebericht
18.11.2016

Queensland, Land der lachenden Vögel

Airlie Beach ist Ausgangspunkt für die Trips auf dem Ngaro Sea Trail.
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Airlie Beach ist Ausgangspunkt für die Trips auf dem Ngaro Sea Trail.
Foto: Tourism and Events Queensland (dpa)

Im Bundesstaat Queensland im Nordorsten Australiens ist die Natur der Hauptdarsteller. Wie die Menschen dort im Einklang mit diesem einzigartigen Ökosystem leben. Ein Reisebericht.

Und da lacht er wieder, der Hans. Der Ton huscht durch das dichte Blätterwerk, hüpft über die Baumwipfel, sein Echo tanzt entlang der steilen Sandsteinwände und verliert sich schließlich irgendwo im Nirgendwo des australischen Outbacks, im grünen Gewirr des Carnarvon-Gorge-Nationalparks. Hier lebt er, der Hans. Ein grau-weißes, struppiges Vögelchen mit einem langen schnutigen Schnabel, das im Deutschen wegen seiner markanten Stimme Lachender Hans genannt wird, eigentlich aber Kookaburra heißt und im Osten Australiens zu Hause ist.

Immer wieder ist sein schelmisches Gelächter zu hören, während der Pfad noch tiefer in den Wald hineinführt. Baumorchideen klettern die dicken Stämme empor, Palmblätter rascheln im Wind, hin und wieder hüpft ein Wallaby durchs Gebüsch, durchpflügt ein Ameisenigel mit seiner langen Nase den sandigen Boden. Der Carnarvon-Gorge-Nationalpark im Bundesstaat Queensland, vier Autostunden von Emerald entfernt, ist ein stilles Naturrefugium, in dem man bei einer Wanderung der Tier- und Pflanzenwelt ganz nahekommt. Und die ist in Australien einzigartig.

Viele der Tiere gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. 83 Prozent der Säugetiere, 89 Prozent der Reptilien, 90 Prozent der Süßwasser-Fische und Insekten und 93 Prozent der Amphibien sind endemische Arten, die nur in Oz vorkommen, dem Wunderland, wie die Australier ihre Heimat nennen.

Amanda Porter zieht in Australien Känguru-Kinder groß

Eine, die hier zu Hause ist und im Einklang mit der Natur lebt, ist Amanda Porter, eine große, kräftige Frau mit warmen Augen, über denen ihr dunkelbrauner Pony im kühlen Abendwind wippt. Sie sitzt auf der hölzernen Terrasse des Haupthauses des Takarakka Bush-Resorts, einem Campingplatz inmitten des Waldes, den sie mit ihrem Mann leitet. Auf ihrem Schoß liegt ein kleines, gelbes Stoffbündel, aus dem zwei beigefarbene Ohren spitzeln. Amanda streift das Stofftuch ein bisschen zurück, und den Ohren folgt ein kleiner Kopf mit großen, braunen Kulleraugen. Barry ist ein Känguru-Baby, ein Waisenkind, dessen Mutter von einem Auto überfahren wurde.

Solche Unfälle kommen auf den australischen Landstraßen leider immer wieder vor, sagt Amanda. Fünf Monate ist Barry nun alt. 30 Känguru-Kinder hat Amanda schon aufgezogen, hat ihnen nachts stündlich das Fläschchen gegeben und ihnen bei den ersten Hüpf-Versuchen auf die Beine geholfen. Immer weiter kommt Barry aus dem Stoffbeutel gekrochen, fängt an, an seinem Schwanz zu nuckeln. Als Amanda ihm sein Fläschchen hinhält, umklammert er mit seinen Vorderbeinen ihr Handgelenk, fängt an zu saugen. „Ich würde mich ohne ein Tierbaby, für das ich sorgen kann, schon ein bisschen einsam fühlen“, sagt Amanda und zieht den Stoffbeutel wieder über Barrys spitze Ohren.

In der Dunkelheit sind die haushohen Bäume nur mehr schemenhaft zu sehen. Das Singen und Lachen der Vögel ist verklungen. Dafür konzertieren tausende Frösche und Kröten, deren Gequake die kühle Outback-Nacht erfüllt. Fledermäuse huschen durch die Luft, ein Opossum raschelt im Gebüsch und große Spinnen krabbeln aus ihren Verstecken. Von den 1500 verschiedenen Spinnenarten, die in Australien vorkommen, gelten 30 als giftig. Zwei können für den Menschen lebensgefährlich sein.

Der nächste Morgen. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die das trockene Buschland in weiches Licht tauchen, stimmen die Vögel wieder ihr Lied an. Auf holprigen Feldwegen geht es mit dem Auto hinaus aus dem Wald. Weite Wiesen ziehen am Autofenster vorbei. Kräftige, sandfarbene Riesenkängurus hüpfen an der Straße entlang. Orte oder Menschen sieht man kaum, während es aus dem Outback, dem wilden Hinterland, immer weiter Richtung Küste geht.

Zu Besuch in der Rinderhauptstadt von Australien

Etwa 20 Minuten von dem kleinen Dörfchen Baralaba entfernt, taucht auf der linken Seite ein morsches Holztor auf. Dahinter steht Lyn Eather. Sie trägt einen Cowboyhut, Boots, eine ausgewaschene Jeans und ein Karohemd. Auf der Myella-Farm, umgeben von schier endlos wirkenden Feldern und jeder Menge Rindern, ist sie aufgewachsen. Nicht weit entfernt von Rockhampton, Australiens „Rinderhauptstadt“, wo überlebensgroße Bullen-Standbilder und viele Steakhäuser diesen Titel plastisch werden lassen. „Diese Art zu leben, hier draußen, in der Natur, ist die einzige, die Sinn macht“, sagt Lyn. „Die Menschen in der Stadt sind an der Luftverschmutzung und an vielen anderen Umweltproblemen schuld.“ Sie spricht in kurzen, prägnanten Sätzen, mit lauter, fester Stimme. Dann dreht sie sich um, läuft über den Hof. Mit einem kräftigen Stoß öffnet sie das Gatter der Pferdekoppel, sattelt ihre sandfarbene Stute, schwingt sich auf den Rücken des Tieres und reitet los. Die Touristen, die auf ihrer Farm schlafen, dürfen sie auf ihren Ausritten in die Natur begleiten.

Es geht durch sattes Buschland mit lilafarbenen Blumen, vorbei an Flaschenbäumen, deren Stämme wie die Säulen eines römischen Tempels aussehen, vorbei an in der Abendsonne grasenden Rindern. Irgendwo im Gebüsch hört man den Kookaburra lachen. „Ein anderes Leben als das hier kann ich mir nicht vorstellen“, sagt die junge Frau, während sie ihr Pferd zügelt und langsam auf die Rinderherde zureitet, die zurück zur Farm getrieben werden soll. Doch trotz der Naturidylle, trotz eines Lebens, das auf den Besucher beinahe meditativ entschleunigend wirkt, gibt es auch Dinge, die Lyn hier draußen vermisst. Schnelles Internet, öffentliche Verkehrsmittel oder einen Sportverein. Tauschen, sagt sie, würde sie trotzdem nie. Der Wind frischt auf, die Sonne malt blutrote Kreise auf das dürre Gras, senkt sich gen Horizont. Lyn verfällt wieder in einen sanften Trab, treibt die Rinderherde vor sich her, bis sie wieder auf der Farm angekommen ist.

Etwa zwei Stunden trennen Lyns Farm vom Meer – und von einem der größten Naturwunder der Erde: dem Great Barrier Reef, das sich auf rund 2300 Kilometern vom zehnten bis zum 24. Breitengrad entlang der australischen Ostküste erstreckt und zum Unesco-Weltnaturerbe gehört. Inmitten des Pazifiks, der hier postkartenschön aussieht, so, als hätten sich Millionen Liter türkiser Farbe ins Wasser ergossen, liegt Great Keppel Island. Am Ufer, an das sanfte Wellen anbranden, steht Brett Lorraway, barfuß, braun gebrannt, das Hemd aufgeknöpft, die Sonnenbrille ins Haar geschoben. Er ist auf Great Keppel Island aufgewachsen, einem von 18 Eilanden der Keppel-Inselgruppe im südlichen Great Barrier Reef, das mit dem Boot von Rosslyn Bay angefahren wird. 17 weiße Strände umarmen die Insel, die immer mehr Menschen anzieht. Sie kommen auf das kleine Eiland, um im Riff zu schnorcheln, von Schildkröten und Rochen nicht durch den Fernsehbildschirm, sondern nur durch das dünne Glas der Taucherbrille getrennt zu sein, oder beim Jet-Ski-Fahren einen Buckelwal vor sich auftauchen zu sehen.

Australien: Korallenriffs sind in Gefahr

Aber Brett, der mit den Touristen Touren unternimmt, macht sich um die Naturschönheiten des Riffs Sorgen. Denn ein Großteil der Unterwasserwelt, die er seit seiner Kindheit kennt, ist schwer beschädigt. „Das Ökosystem ist sehr fragil. Allein die Sonnencreme im Wasser ist nicht gut für die Korallen. Aber das Hauptproblem ist die Klimaerwärmung“, sagt er. Dass das Naturwunder leidet, bestätigen auch internationale Studien: 93 Prozent der Fläche sollen wegen der steigenden Wassertemperaturen von Ausbleichungen betroffen sein. In 20 Jahren könnte das Riff abgestorben sein.

Die Schönheiten des Inselchens liegen aber nicht nur unter Wasser, nicht nur inmitten des aquariumgleichen Pazifiks mit seinen Korallen, bunten Fischen und Stachelrochen. Ein schmaler, steiniger Pfad führt durch wildes Gestrüpp immer weiter nach oben, auf den höchsten Punkt. Die golden schimmernden Strände, das Grün des Waldes, das Blau des Ozeans fügen sich im Abendlicht zu einem Mosaik zusammen. Als wäre sie an einer Schnur befestigt, wird die Sonne immer weiter ins Meer gezogen, färbt das Wasser rosa, dann pink und rot, bis sie schließlich fast verschwunden ist. Wilde Ziegen hopsen über die Steine, Mücken schwirren durch die Dämmerung. Und irgendwo im Gebüsch, da lacht er wieder, der Hans.

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