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Italien

21.08.2018

Sardinien: Eine Insel ohne Hektik

Schöne Küste, schroffe Berge, einfaches Leben: Sardinien!
Bild: Lilo Solcher

Sardinien, ein Jetset-Ziel, klar! Wer aber auf abgelegenen Pfaden über die Insel fährt, lernt Menschen kennen, die in einer anderen Zeit zu leben scheinen.

Sardinien – da war doch mal was: Aga Khan, der „Mythos“, Gründervater des Tourismus, Costa Smeralda, Jetset. Und jetzt? Sardinien ist nicht die Türkei oder Griechenland. Aber seit ein paar Jahren strömen die Touristen wieder auf die Insel. Wer hierherkommt, erlebt ein Reiseziel ohne Hektik, eine Landschaft, die noch nicht durch die wuchernde Gewerbegebiete oder Landhausvillen verstellt ist und manchmal auch Menschen, die in einer anderen Zeit zu leben scheinen. Eine Reise zwischen Bergen und Meer.

Der Supramonte überragt alles. Der fast weiße Kalkstein-Gebirgszug prägt das Bild der Insel an der Ostküste. Wir fahren hinein mitten in die wilde Gebirgswelt. Rolf Gassmann, der zwar als Schweizer zur Welt kam, aber sich auf Sardinien zuhause fühlt, kennt hier jeden Schleichweg, und sein Range Rover macht auch auf Sträßchen nicht schlapp, die aus Schlaglöchern zu bestehen scheinen. Rolf, 63, markantes Gesicht mit Lachfältchen um die Augen, kam vor 20 Jahren per Zufall nach Sardinien, als er ein neues Ziel für Motorradtouren suchte – und er hat sich so in die Insel verliebt, dass er in Zürich alle Zelte abbrach und mit Frau und zwei Söhnen übersiedelte.

Wo ist es auf Sardinien am schönsten?

Klar, dass Rolf weiß, wo es auf Sardinien am schönsten ist. Am Stausee, dem Lago del Cedrino, in dessen klarem Wasser der Supramonte kopf steht. Am Aussichtspunkt unter dem Monte Moccione, wo man über Grün in allen Schattierungen blickt und hinauf auf den Sattel, da hin, wo Szenen für den Film „Die Bibel“ gedreht wurden. Tatsächlich wirkt so manches hier, als komme es aus einer anderen Zeit. Die Hirtenhütte etwa, ein Steinhaus ohne Fenster und nur mit einer Feuerstelle in der Mitte. Es werde bis heute genutzt, erklärt Rolf. Die Hirten bräuchten nicht mehr Komfort. Manchmal kämen sie zusammen, tränken Wein und stimmten den sardischen Hirtengesang an, den schwermütigen und polyphonen Canto a Tenore, den die Unesco als immaterielles Welterbe adelte.

Wir lernen auf dieser Tour zwar auch einen Schäfer kennen, aber der singt nicht. Er kocht. Mitten im Nirgendwo ist der Tisch reichlich gedeckt mit regionalen Leckerbissen, Schinken und Salami, Lardo und Wildschweinwurst. Es gibt Spanferkel, kross gebraten, aber kein Lamm. Die Schafe, so Rolf, würden vorwiegend als Milchlieferanten für den berühmten Pecorino gezüchtet – und wegen ihrer Wolle. Die wird zum Großteil nach Saudi-Arabien exportiert. Die Schafe, denen wir begegnen, sind frisch geschoren – und sie scheinen zufrieden zu sein mit ihrem Los.

Schöne Küste, schroffe Berge, einfaches Leben: Sardinien!
Bild: Lilo Solcher

Womöglich haben die Menschen in der Nuraghen-Kultur, die auf Sardinien viele Spuren hinterlassen hat, auch schon von der Schafzucht gelebt. Archäologen haben ganze Dorfstrukturen dieser vergessenen Kultur ausgegraben, dazu Felsengräber und Brunnenheiligtümer wie Sa sedda ’e sos Carros, wohin Rolf uns über rumpelnde Waldwege bringt. Wir staunen über den Brunnen, in den das Wasser aus steinernen Widderköpfen floss, und über Rolfs Erzählungen vom rätselhaften Verschwinden der Kultur. Am Brunnenrand sonnt sich eine Eidechse, ein paar Touristen wandern durch die Ausgrabungen, es herrscht eine fast andächtige Stille.

Still ist es auch in der Grotte Sa Oche, über deren Eingang ein Fels wacht, der aussieht, als wäre Munchs Gemälde „Der Schrei“ Stein geworden. Es führt kein Weg hinein in dieses ausgedehnte Höhlensystem, die Besucher müssen sich über Geröll vorwärtstasten. Die Höhle ist Teil eines gigantischen Wassersystems und hat im Inneren mehrere Seen, die für Normalbesucher kaum erreichbar sind. In einer der Nebenhöhlen soll sich zeitweise der Bandit Giovanni Corbeddu Salis versteckt haben, den die Sarden bis heute als „Robin Hood Sardiniens“ verehren, weil er die Reichen bestahl und den Armen gab.

Das Leben ist hart im Herzen Sardiniens

Arm sind bis heute viele Menschen in der Barbagia, wie die widerspenstige Region von den Römern genannt wurde. Das „Land der Barbaren“ war berüchtigt für seine „Banditenkultur“, von der bis heute die Wandmalereien in Orgosolo zeugen. Das Leben ist hart im Herzen Sardiniens, die Jugendarbeitslosigkeit mit 50 Prozent erschreckend hoch. Es gibt keine Industrie außer den Marmorbrüchen bei Orosei – und dem Tourismus. Doch da krankt es an der Infrastruktur. Außer der – von der EU finanzierten – Autobahn nach Olbia sind die Straßen in einem kläglichen Zustand. Hotelanlagen, die den Strand verstellen, sind eine Seltenheit. Das macht auch den Reiz der Insel aus.

An der Küste bei Cala Gonone reihen sich die schönsten Strände – doch die meisten sind nur mit dem Boot zu erreichen – oder auf einem langen, Kräfte zehrenden Fußmarsch. Wir sind mit dem Boot da, einer kleinen Yacht namens Tottoi, auf der die zierliche, dunkelhaarige Elisa Manca das Sagen hat, während Gianfranco das Boot an die Hot Spots der Küste steuert und manchmal sogar hinein in eine der vielen spektakulären Höhlen.

Schöne Küste, schroffe Berge, einfaches Leben: Sardinien!
Bild: Lilo Solcher

Wir machen am Strand von Cala Luna fest, wohl eine der schönsten Buchten des Mittelmeers mit mondsichelförmigem Strand, türkisblauem Meer und mächtigen Karsthöhlen in der hoch aufragenden Felswand. Begrenzt wird die Bucht von einem Bach und blühenden Oleanderbüschen. Jetzt am Morgen verlieren sich ein paar Badende am weitläufigen Kiesstrand. „Ab mittags“, sagt Elisa, „ist der Strand von Menschen belagert.“ Die meisten kommen per Boot wie wir oder mit der Fähre von Cala Gonone aus. Nur wenige trauen sich den anstrengenden Fußmarsch mit seinem Auf und Ab von Cala Fuili aus zu, der letzten Station an der Küste, die mit dem Auto erreichbar ist. Als wir abdrehen, um weiter hinaus zu fahren aufs Meer, landen gerade zwei Fähren an und spucken Dutzende Touristen aus.

Meeresfrüchte satt

Gianfranco ist auf der Suche nach ruhigeren Gewässern. Kleine Strände laden zum Bade, doch immer mehr Boote belagern die schönen Buchten. Wir springen vor der jetzt schon überfüllten Cala Mariolu noch einmal ins verlockende türkisblaue Wasser. Denn Elisa und Gianfranco wollen das Boot für sich, um den Lunch vorzubereiten: Es gibt Meeresfrüchte satt und dazu den wunderbar süffigen Vermentino, schön gekühlt. Zum Abschluss noch ein spektakulärer Blick auf die Cala Goloritzè mit der alles überragenden Felsnadel und einem natürlichen Felsentor. Die Natur hat hier ganz eigenwillige Skulpturen geschaffen, die Touristen fast magisch anziehen. Doch das unter Naturschutz stehende Monument kann seit 2007 nur schwimmend erreicht werden. Boote müssen Abstand halten. Aber auch aus 200 Meter Entfernung lohnt sich der Blick auf die zerklüfteten Felsen, die mal einen Kamelrücken bilden, mal eine Schildkröte oder ein Herz. Und drunter scheint aus der Höhle ein finsteres Gesicht zu blicken wie in Sa Oche.

Die Südsee ist perfekt für einen Badeurlaub. Foto: DB Ehlers/dpa
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Bild: DB Ehlers, dpa

Wie hatte Rolf gesagt: „Die Berge Sardiniens sind durchlöchert wie ein Schweizer Käse.“ Das gilt auch für die Küste. Die Höhlen sind so zahlreich, dass es früher für Banditen sicher leicht war, einen Unterschlupf zu finden. Heute gilt das nicht mehr. Denn vor der Neugier der Touristen ist kaum eine Grotte mehr sicher.

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