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Weltreise

30.04.2018

Was macht eigentlich einen Weltreisenden aus?

Kalt, kälter, Island: Nach einem kurzen Aufenthalt auf der Insel ging es für Bastian Sünkel weiter nach Washington. Auch hier ist er noch nicht ganz im Weltreisemodus angekommen.
Bild: Sünkel

Ein Weltreisender sollte stark sein - und zielorientiert. Bastian Sünkel stellt im kalten Frühling auf Island fest: Er hat nichts von alledem. Und zieht weiter.

Welche Eigenschaften muss ein Weltreisender besitzen? Abenteuerlust. Wie Jules Vernes Romanfigur Phileas Fogg, Henry David Thoreau oder Arthur Rimbaud. Er kann sich Ziele setzen wie, in 80 Tagen den Erdball zu umrunden. Er kann in der Reise sein Ziel sehen: das Aussteigerleben annehmen, die Welt in sich einsaugen. Er sollte nicht jammern und gleichzeitig eine hohe Frustrationsgrenze haben.

Ich habe nichts von alledem, stelle ich nach einigen Tagen fest, als Island gerade einen österlichen Wintereinbruch erlebt. Ich jammere. Ich bin nervös und unentspannt. Kein Phileas Fogg, sondern ein Helge Timmerberg, der in seinen „80 Tagen um die Welt“ weit mehr damit beschäftigt ist, es an bestimmten Orten mit sich selbst auszuhalten. 80 Tage? Wer schon einmal nach Vancouver oder Singapur geflogen ist, weiß, dass man es auch in 48 Stunden um die Welt schaffen kann.

Wenn diese Zeilen in der bierseligen West-Village-Kneipe „Radio UOXW“ am Ufer Manhattans entstehen, bin ich gerade einmal drei Wochen unterwegs. Ich bin Anfang April auf Island mit meiner Reisebegleiterin Imogen einmal um die Insel im Mietwagen gefahren. Der Schnee hat uns in eisige Schockstarre versetzt. Trampen? Vielleicht woanders auf der Welt.

Als wir das Auto gebucht hatten, erlebte Island seinen Frühling. Bei acht Grad (Plus!) saßen wir im T-Shirt in Olafsfjördur, 66 Grad nördliche Breite, wo der Polarkreis beginnt. Wir sind zwei Wochen nach der Landung wieder ins Flugzeug gestiegen, diesmal nach Baltimore, USA. Wir haben vier Nächte bei den ehemaligen Gasteltern meiner Studienkollegin Kira in der Vorzeigevorstadt Bethesda verbracht. Dort leben Wohlstand und Bildung. Ein paar Häuser weiter wohnt der neue Sicherheitschef der Regierung Trump. Wir werden verwöhnt, zum Essen ausgeführt und Tag für Tag lockt uns ein anderes kostenloses Museum, das Capitol und das Weiße Haus in die Hauptstadt des reichen Westens. Washington, DC. Really? Awesome!

Auch In Washington ist Bastian Sünkel noch nicht ganz im Weltreisemodus angekommen. Und kalt war es dort auch noch.
Bild: Sünkel

Tag für Tag spüre ich deutlicher, wie die Häuserschluchten und die Exkursionen durch das National History Museum meinen Abenteurergeist verschlucken. Überall steht es an den Wänden: Freedom, Freiheit – „The Price of Freedom. Americans at War“ etwa in Goldbuchstaben am Eingang zur Militärausstellung des Geschichtsmuseums. Nur ich bin mir nach der Runde durch den Unabhängigkeits-, den Bürgerkrieg, den Weltkriegen sicher, dass ich etwas ändern muss, um meine Freiheit zu finden. Imo und ich haben nach diesem Tag auf der Washington Mall eine Entscheidung getroffen. Wir werden wie geplant nach New York fahren, aber anschließend unsere Pläne über den Haufen werfen und mit dem Flugzeug nach Los Angeles jetten.

Über alles hinweg, was wir eigentlich auf einem Trip von der Ost- an die Westküste erkunden wollten. Quebec, die Großen Seen, Badlands und Yellowstone. Zu teuer ist das Reisen ohne Auto. Blogger, die bereits durch die USA per Anhalter gereist sind, beklagen die Umstände: Trampen ist zum Teil streng verboten, an anderen Orten einfach nervenzehrend. Imo bleibt in den USA, sie fliegt weiter nach Hawaii. Ich suche mein Glück im Süden: Mexiko, Mittelamerika, wahrscheinlich Südamerika, um irgendwann möglichst mit dem Boot oder Schiff nach Asien überzusetzen. Vielleicht kaufe ich mir ein Fahrrad oder wandere weite Strecken. Alles scheint wieder möglich zu sein.

Seit ich die Entscheidung getroffen und den Flug nach L.A. gebucht habe, steigt die Stimmung. Vielleicht hat auch New York City seinen Teil dazu beigetragen. Ich habe mich von den Gitarren berauschen lassen, habe mich mit Menschen auf der Straße unterhalten – darunter ein Südafrikaner, der seinen Körper zum Kunstobjekt deklariert hat. Er hängt sich an seinen Hautschichten auf und pendelt für seine Shows an Haken über sein Publikum.

So viel zum Thema Schmerzgrenze. Ich erinnere mich wieder an die Gletscher und Wasserfälle auf Island, die alles Alltägliche, was zuvor mein Leben bestimmt hat, hinweggespült haben. Mein Körper zittert noch beim Gedanken an die eisigen zwei Nächte im Skoda Octavia am Straßenrand: vier Schichten Kleidung und von innen gefrorene Scheiben. Wärmender sind die Erinnerungen an die vielen neuen Bekanntschaften auf Island, die wir als Couchsurfer kennengelernt haben. Gudmundurs schallendes Lachen auf den Erkundungstrips durch den Norden, Vickys warmer Empfang in ihrem Haus voller Papageitauchern auf Vestmannaeyjar.

Bastian Sünkel bereiste Island - viele weitere Stationen sollen folgen.
Bild: Sünkel

Was macht also einen Weltreisenden aus? Im Moment die Tatsache, unbequeme Entscheidungen zu treffen und eher auf sein Herz als auf den Verstand zu hören. Ich lerne mich und die Welt gerade erst kennen.

Pathos-Alarm! Im „Radio UOXW“ läuft zu den letzten Sätzen der Song „Go your own Way“ von Fleetwood Mac.

Wie ist es, alles hinter sich zu lassen und auf Weltreise zu gehen? Bastian Sünkel wird einmal im Monat von seinen Stationen und dem Lebensgefühl „Unterwegssein“ erzählen (hier lesen Sie Teil 1). Eineinhalb Jahre will er die Welt bereisen. Anfang Juni wird der 32-Jährige von seinem Erlebnissen aus Los Angeles, San Diego und Tijuana berichten. Und dann? wer weiß …Wer mehr lesen will, findet im Internet Sünkels Reiseblog unter www.globalmonkey.net.

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