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Allgäu

24.08.2020

Wegen der Corona-Krise: Der Fahrrad-Tourismus im Allgäu boomt

Radfahren liegt im Trend. Das Ostallgäu (hier vor der Kulisse des Schloss Neuschwanstein) bietet für Touren ein prämiertes Radwegenetz.
Bild: Benedikt Siegert

Plus Viele haben in der Krise umgesattelt und ihr Verhalten geändert. Nur: Wie nachhaltig ist der Trend zum Radfahren und wie sieht es mit der Infrastruktur aus?

Martin Barth bewältigt die Tage derzeit quasi im Dauerlauf. Von morgens bis abends ist er nahezu durchgehend mit den Anliegen und Wünschen seiner Kunden beschäftigt. "Wenn wir in der Früh aufsperren, stehen schon die ersten vor der Tür. Und am Abend haben wir fast Mühe, die Leute wieder aus dem Geschäft zu bitten", sagt Barth vom Marktoberdorfer Radgeschäft "Buhler Bike&Outdoor". Räder sind in diesen Zeiten enorm gefragt. Und Martin Barth sagt: "Wir spüren das ganz klar. Im Vergleich zum Vorjahr kommen deutlich mehr Kunden zu uns."

Kaum ein Freizeitsport hat durch die Corona-Krise so zugelegt wie das Fahrradfahren. Die Branche spricht von einem regelrechten Boom. "Der Mai war der stärkste Monat, den die Branche jemals erlebt hat", sagt etwa David Eisenberger vom Zweirad-Industrie-Verband. Und nach Angaben des Verbandes des Deutschen Zweiradhandels haben einige Händler ihren Umsatz gar verdreifachen können. Viele Menschen änderten durch die Corona-Pandemie in den vergangenen Wochen und Monaten ihr Mobilitätsverhalten: Statt Bus oder Bahn zu nutzen, stiegen viele um aufs Rad. Zudem verzichten heuer nicht wenige auf eine weite Urlaubsreise. Sie bleiben lieber zu Hause. Und kaufen sich ein neues Rad, um die heimische Landschaft auf zwei Rädern zu erkunden. Stellt sich die Frage: Wie ist die Region eigentlich auf den Boom eingestellt? Passt die Infrastruktur und gibt es genügend Radwege?

Landkreis Ostallgäu vom Fahrradclub mit fünf Sternen ausgezeichnet

Der Landkreis Ostallgäu gilt seit Oktober 2015 als vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) zertifizierte Rad-Reise-Region "Schlosspark im Allgäu" mit elf Regionalrouten. Die "Schlossparkradrunde im Allgäu" wurde sogar mit fünf Sternen ausgezeichnet. Das Ostallgäu hat damit einen von zwei 5-Sterne-Radfernwegen in Deutschland und ist eine von derzeit fünf zertifizierten Rad-Reise-Regionen in Deutschland. "Damit attestiert der ADFC, dass die Region radtouristisch hervorragend aufgestellt ist", sagt Robert Frei, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Ostallgäu.

Wegen der Corona-Krise: Der Fahrrad-Tourismus im Allgäu boomt

In Zahlen heißt das: Insgesamt bietet der Landkreis rund 1300 Kilometer Radwege mit 65 Routen. In den Ausbau des Radwegenetzes investierte der Landkreis in den vergangenen Jahren mehr als 6,4 Millionen Euro (siehe Infokasten). Zudem sind an 2230 Standorten 6647 Schilder aufgestellt. Denn auch die durchgängige Beschilderung ist für eine Radregion ein wichtiges Kriterium. Ebenso wie etwa Qualität der Wege, die Sicherheit, die Verpflegungspunkte oder die verfügbaren Unterkünfte für die Radtouristen.

Und die Touristen mit dem Rad zieht es ins Ostallgäu. Hotspots sind die Strecken von Marktoberdorf Richtung Süden. Und natürlich die Gegend um Füssen. "Der Fahrradboom kommt bei uns in der Region an", sagt Frei. "Es sind spürbar mehr Radfahrer da." Exaktes Zahlenmaterial für diese Einschätzung gibt es nicht, da die Radler noch nicht gezählt werden. Dies soll sich aber bald ändern. In Zusammenarbeit mit der Allgäu GmbH soll unter anderem ein Zählsystem aufgebaut werden. Gleichwohl wissen die Touristiker bereits jetzt, wer ihre Zielgruppen darstellen: Es sind vor allem die Genussradler und die Familien. Menschen eben, die im Ostallgäu Urlaub machen, das breite Freizeitangebot nutzen und neben anderen Dingen auch radeln wollen. "Denen bieten wir viele Möglichkeiten auf hohem Niveau", sagt Frei.

Braucht das Allgäu mehr Radwege?

Mehr Radwege braucht die Region nach Ansicht Freis nicht. Allerdings habe es sich der Landkreis zur Aufgabe gemacht, das Radfahren noch deutlich stärker mit Erlebnisorten zu verknüpfen. "Der Weg selbst soll nicht das Ziel sein, sondern das Hilfsmittel, um Sehenswürdigkeiten zu erreichen", sagt Frei.

Ein hohes Niveau bescheinigt dem Ostallgäu auch Johannes Auburger. Der Marktoberdorfer ist begeisterter Radfahrer, Aktivist und Mitglied der Bürgerinitiative "Nachhaltiges Marktoberdorf". Er sagt: "Das Ostallgäu ist gut erschlossen und bei der Beschilderung sehr gut aufgestellt." Der Maschinenbauingenieur macht selbst häufig Urlaub mit dem Rad. Und so urteilt er: "Im Vergleich zu vielen anderen Regionen sticht das Allgäu schon hervor." Allerdings sieht Auburger auch in der Region noch Potenzial für Verbesserungen. "Die Fahrradrouten im Ostallgäu sind sicher reizvoll, aber sie sind oft nicht alltagstauglich." So fehlen nach Einschätzung Auburgers vor allem direkte Verbindungen: Radwege, die parallel zu Kreisstraßen verlaufen, die für Radler sicher und bei jedem Wetter nutzbar sind.

Hier gibt es besonders tückische Kreuzungen

Auch mit dem Radwegenetz in seinem Wohnort Marktoberdorf beschäftigt sich Auburger intensiv. Der ADFC hat die Kreisstadt nach seiner Fahrrad-Klimatest-Umfrage 2018 mit der Note 3,8 bewertet (Kaufbeuren 4,2, Kempten 4,3). Zwischen befriedigend und ausreichend heißt das. Eine Benotung, die Auburger für durchaus angemessen hält. Seine Kritikpunkte: Das Fahrradwegenetz sei lückenhaft, es gebe keine durchgehenden Routen und zu wenig Querungshilfen und tückische Kreuzungsbereiche.

 

Doch bringen die besten Ideen nichts, wenn sie nicht umsetzbar sind. Das Ziel für Auburger und seine Mitstreiter in der Bürgerinitiative ist daher: "Wir wollen unsere Ideen in den Stadtrat tragen", sagt Auburger. Im Rathaus der Stadt treffen die Rad-Aktivisten auf durchaus offene Ohren. Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell ist selbst überzeugter Radfahrer. Das deckt sich mit einer Erkenntnis des ADFC: In vielen Städten und Gemeinden tut sich nur etwas, wenn die Verantwortlichen entweder selbst Rad fahren oder Ehrenamtliche sich stark engagieren. Wie populär das Fahrradfahren in der Kreisstadt mittlerweile ist, zeigt sich am Abschneiden Marktoberdorfs beim bundesweiten Wettbewerb "Stadtradeln". Knapp 1600 Radler machten mit und legten 364377 Kilometer zurück. Bedeutet: Platz eins in Bayern und deutschlandweit Platz zwei.

So sollen die Radwege im Allgäu verbessert werden

Auch in Kaufbeuren gibt es Rückenwind fürs neue Radkonzept. Um den Boom der Corona-Krise zu nutzen, sollen auch hier möglichst bald Verbesserungen für die Fahrrad-Infrastruktur umgesetzt werden. Angelika Reinartz vom Ingenieurbüro BSV Reinhold Baier stellte kürzlich Ergebnisse ihrer Analyse vor. In der Stadt fehlt es an Querungshilfen, Ampelschaltungen sind schlecht getaktet, Wege schlecht ausgebaut. Für Reinartz stellt sich die Stadt als "bunter Flickenteppich" ohne durchgängige Führung für Radfahrer dar. Es gelte viele Löcher zu stopfen. Denn: "Wenn ein Routennetz löchrig ist, fahren viele gar nicht erst los." Reinartz hofft, Freizeitradler durch eine gute Infrastruktur dazu zu bringen, auch im Alltag aufs Rad umzusteigen. Ebenso sollen im Füssener Land die Lücken weniger werden. Insgesamt 1,4 Millionen Euro hat hier ganz aktuell der Bund für das Radwegenetz in der Füssener Ziegelwies und im Bereich des Campingplatzes am Bannwaldsee vorgesehen.

Der Marktoberdorfer Radverkäufer Martin Barth ist überzeugt, dass der Fahrrad-Boom nachhaltig ist. "Der Trend wird halten." Ob nun im Alltag oder der Freizeit. Der Grund ist ein nahe liegender: Viele Leuten haben ordentlich Geld investiert in neue Räder und Ausrüstung. "Das wollen die jetzt auch nutzen. Weil es Spaß macht und nebenbei die Kondition stärkt." Und noch etwas ist nach Ansicht Barths eine große Motivation. "Bei ihren Touren mit dem Rad entdecken ganz viele Menschen ihre Heimat wieder neu."

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