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Landkreis Günzburg

17.10.2020

Ärztliche Versorgung im Kreis Günzburg: Wo drückt der Schuh?

Der Versorgungsatlas der KVB zeigt, wie viele Mediziner sich ambulant um die Bewohner im Landkreis Günzburg kümmern (sollen). Und auch, dass sich ein Problem anbahnt.
Bild: Grafik: AZ, Quelle: KVB

Plus Der Versorgungsatlas der KVB zeigt, wie viele Mediziner sich ambulant um die Bewohner im Landkreis Günzburg kümmern (sollen). Und auch, dass sich ein Problem anbahnt.

Es drückt im Magen, es hämmert im Kopf, die Haut ist rot und juckt: Bei Beschwerden wie diesen ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Lange Fahrtwege will bei Krankheit niemand in Kauf nehmen – deshalb sollte sich dessen Praxis möglichst in der Nähe des Wohnorts befinden. Aber wie engmaschig ist das Netz an Hausärzten im Raum Günzburg und Krumbach tatsächlich? Und welche Trends können in der ärztlichen Versorgung im Landkreis in naher Zukunft zum Problem werden?

Antworten gibt der Versorgungsatlas, den die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) herausgibt. Die aktuelle Version – eine Momentaufnahme – ist im August erschienen. Er enthält einerseits einen Überblick über die ambulante vertragsärztliche Versorgung auf regionaler Ebene. Andererseits bildet er die sogenannte Bedarfsplanung ab: Wo sind rein planerisch genügend Ärzte und Psychotherapeuten tätig? Wo können sich weitere niederlassen? Wo zeichnen sich Versorgungslücken ab?

Ein Hausarzt soll sich für 1609 Einwohner kümmern

Es gibt Zielgrößen, die der Gemeinsame Bundesausschuss in Berlin im Zuge einer Reform 2019 festgelegt hat: Ein Hausarzt beispielsweise soll für 1609 Einwohner zuständig sein. Diese Verhältniszahl wird noch angepasst, um auch der demografischen Struktur einer Region Rechnung zu tragen. Wo viele ältere Menschen wohnen, sollen sich mehr Ärzte niederlassen können. Setzt man die Zielgröße und die tatsächliche Ärztezahl ins Verhältnis, lässt sich ein Versorgungsgrad berechnen. Liegt er bei über 100 Prozent, ist von einer Überversorgung die Rede. Sinkt er unter 75 Prozent bei Hausärzten und unter 50 Prozent bei Fachärzten, ist das Anhaltspunkt für eine Unterversorgung.

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Bayern ist in Bezug auf die hausärztliche Versorgung in Planungsbereiche eingeteilt. Zum Bereich Leipheim/Günzburg zählen neben Leipheim und der Großen Kreisstadt alle nördlichen Kommunen im Landkreis bis einschließlich Ellzee, Kammeltal und Burtenbach. Insgesamt 52 Hausärzte praktizieren dort laut Versorgungsatlas. Allerdings wird mit der Zahl 49,55 gerechnet; der Grund für eine Abweichung wie diese kann in einem geringeren Tätigkeitsumfang mancher Ärzte liegen. Da die Hausärzte im Bereich Leipheim/Günzburg für mehr als 87000 Einwohner zuständig sind, ergibt sich ein Versorgungsgrad von etwa 95 Prozent.

Fast jeder zweite Hausarzt im nördlichen Landkreis Günzburg ist 60 Jahre oder älter

Es sind deutlich weniger Frauen (15) als Männer (37) in dem Planungsbereich tätig – das entspricht 29 Prozent an weiblichen beziehungsweise 71 Prozent an männlichen Ärzten. In Gesamtbayern ist die Kluft mit 44 Prozent Ärztinnen zu 56 Prozent Ärzten deutlich geringer. Über dem bayernweiten Durchschnitt liegt das Alter der Hausärzte: 57,9 Jahre (Bayern: 55,2). 25 der 52 Ärzte im nördlichen Landkreis Günzburg sind 60 Jahre oder älter. Lediglich etwas mehr als 19 Prozent aller Ärzte in diesem Gebiet sind unter 50 Jahre alt. 18 Ärzte haben in Günzburg den Praxisstandort, an dem sie ihre Haupttätigkeit ausüben. In neun weiteren Kommunen gibt es ebenfalls mindestens einen Arzt, allerdings sucht man in zehn Kommunen vergeblich einen Arzt – die Sitze sind also ungleich verteilt (siehe Grafik).

Bereich Krumbach Der Planungsbereich Krumbach umfasst alle Kommunen im südlichen Landkreis bis einschließlich Wiesenbach, Neuburg und Münsterhausen. 23 Ärzte sind dort tätig, in der Bedarfsplanung wird mit 22 gerechnet. Sie sind für etwa 39800 Einwohner zuständig. Unter dem Strich liegt der Versorgungsgrad laut KVB bei knapp 94 Prozent – was vergleichbar mit dem Bereich Leipheim/Günzburg ist.

Nur 13 Prozent der Hausärzte im südlichen Landkreis Günzburg ist jünger als 50 Jahre

Im Bereich Krumbach praktizieren mehr Männer (16) als Frauen (7) – das entspricht 70 beziehungsweise 30 Prozent. Das Durchschnittsalter liegt bei 56,8 Jahren und ist damit etwas geringer als im nördlichen Landkreis. Sechs Hausärzte und damit etwa 26 Prozent sind Ü60 – das sind im Vergleich zum nördlichen Landkreis deutlich weniger. Mit nur 13 Prozent sind aber im Landkreissüden zugleich deutlich weniger Ärzte jünger als 50 Jahre. Die Sitze der Mediziner konzentrieren sich im Süden wenig überraschend auf Krumbach: Neun Hausärzte haben dort ihre Niederlassung oder sind dort beschäftigt. In fünf weiteren Kommunen gibt es bis zu sechs Mediziner (Thannhausen), in acht Gemeinden gibt es keinen Arzt.

Bei der allgemeinen fachärztlichen Versorgung gibt es eine Bedarfsplanung für den gesamten Landkreis Günzburg. Denn: je spezifischer das Fachgebiet der Ärzte, desto größer das Einzugsgebiet. Die Zahl der Ärzte und der Versorgungsgrad sind wie folgt angegeben (gerundete Zahlen):

Augenärzte: 9 Ärzte, 110 Prozent. Chirurgen und Orthopäden: 18 Personen, 124 Prozent. Frauenärzte: 13 Ärzte, 113 Prozent. HNO-Ärzte: 3 Ärzte, 75 Prozent. Kinder- und Jugendärzte: 10 Ärzte, 113 Prozent. Nervenärzte: 12 Personen, 109 Prozent. Psychotherapeuten: 32 Personen, 106 Prozent. Urologen: 6 Personen, 217 Prozent. Hautärzte: 6 Ärzte, 127 Prozent.

Es sind also aktuell in fast allen Bereichen genügend allgemeine Fachärzte vorhanden. Eine Ausnahme bildet die Gruppe der HNO-Ärzte, wo sich lediglich drei im Landkreis befinden.

Noch größere Planungsbereiche gibt es für die spezialisierte fachärztliche Versorgung (etwa durch Anästhesisten, Radiologen sowie Kinder- und Jugendpsychiater) und die gesonderte fachärztliche Versorgung (etwa durch Neurochirurgen und Pathologen). Auch hierbei ist das Angebot ausreichend.

Viele Ärzte im Landkreis Günzburg erreichen bald das Rentenalter

Auch wenn die Versorgung im Kreis Günzburg laut Atlas aktuell gut aufgestellt ist: Der Blick auf die Altersstruktur macht deutlich, dass sich ein Problem anbahnt. Etliche Ärzte erreichen in den kommenden Jahren das Rentenalter. Gleichzeitig tun sich gerade niedergelassene Hausärzte auf dem Land schwer, Nachfolger zu finden. Doch nicht nur sie: „Aktuell mangelt es nicht nur im Bereich der niedergelassenen Haus- und Fachärzte an ärztlichem Nachwuchs, sondern im gesamten Gesundheitssektor“, sagt Dr. Axel Heise, stellvertretender Pressesprecher der KVB. „Daher ist eine Erhöhung der Studienplätze für Humanmedizin, wie aktuell an der Uni Augsburg, unbedingt notwendig, wenn man weiterhin eine hochwertige medizinische Versorgung im Freistaat gewährleisten möchte.“

Aber nicht nur das steigende Durchschnittsalter ist ein Trend. Die Einstellung zum Beruf wandelt sich, die viel zitierte Work-Life-Balance wird wichtiger. So arbeitet die „neue Generation“ an Medizinern laut Heise häufiger angestellt und in Teilzeit. Für das Arbeitsvolumen, das früher ein Arzt geleistet hat, seien künftig gegebenenfalls zwei Ärzte in Teilzeit erforderlich.

Kommunen sind bei der ärztlichen Versorgung gefordert

Wie kann diesen Tendenzen Rechnung getragen werden? „Die Ärzte brauchen vom Gesetzgeber Planungssicherheit und verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen, was ihre Tätigkeit in der Praxis angeht“, erläutert Heise. „Und die Kommunen sind gefordert, bei der Suche geeigneter Praxisräume zu unterstützen.“

Die KVB beobachtet die Entwicklungen nach eigenen Angaben genau. Deshalb wird im Versorgungsatlas auch die Altersverteilung im jeweiligen Planungsgebiet abgebildet. „Dies gibt dem von der KVB unabhängigen Landesausschuss aus Krankenkassen und Ärzten die Möglichkeit, frühzeitig zusätzliche Niederlassungsmöglichkeiten auszuweisen, wenn absehbar ist, dass sich zunehmend Ärzte dem Ruhestandsalter nähern“, sagt Heise.

Die KVB nutze verschiedene Möglichkeiten, um Ärzte für Regionen mit offenen Zulassungsmöglichkeiten zu interessieren, so der Pressesprecher. So gibt es unter anderem Niederlassungsberatungen, finanzielle Anreize und Stipendien für junge Medizinstudenten.

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