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Vortrag

23.11.2019

Als Bayern noch ein Bauernstaat war

Über die Entwicklung der Landwirtschaft in Bayern sprach Stadtarchivar Raphael Gerhardt.
Foto: Greta Kaiser

Raphael Gerhardt beleuchtet in Günzburg die Entwicklung der Landwirtschaft von 1945 bis 1975

Nach dem Krieg war Bayern eines der ärmsten Bundesländer. Über die Jahrzehnte haben sich die Vorzeichen geändert. Aus dem einstigen Agrarstaat ist ein Industrie- und Dienstleistungsstandort erster Güte geworden. Verbunden freilich mit dramatischen Folgen für die Landwirtschaft. Bei einem Vortrag im Rahmen des Geschichtsforums Günzburg schilderte Stadtarchivar und Museumsleiter Raphael Gerhardt die Entwicklung der bayerischen Landwirtschaft in den Jahren von 1945 bis 1975, auch mit Bezügen zum Landkreis Günzburg. Und er beleuchtete die vielfältigen Bemühungen der bayerischen Politik, den einstmals sogenannten Nährstand zukunftsfähig zu machen. Doch der Wandel war und ist nicht aufzuhalten. Zum Nachteil vor allem der kleineren Bauernhöfe.

„Dass Bauer bleiben kann, wer Bauer bleiben will“, lautete der Titel des Vortrags. Das Zitat stammt aus der ersten Regierungserklärung des 1962 neu gewählten Ministerpräsidenten Alfons Goppel (CSU). Viele wollten, immer weniger Bauern konnten ihre Höfe halten – schon vor 60 Jahren. Um 1950 gab es nach Angaben von Gerhardt 439000 landwirtschaftliche Betriebe in Bayern, 30 Prozent der Beschäftigten fanden in der Branche Arbeit. Bis 1980 war die Zahl der Höfe auf 326000 zurückgegangen, heute sind es noch 100000. Nur noch zwei Prozent der Bevölkerung arbeiten direkt in der Landwirtschaft. Im Laufe der Jahrzehnte sind immer mehr Menschen in die lukrativere Industrie abgewandert.

Um die Hungersnot in den ersten Nachkriegsjahren zu lindern, sei die Produktion der Landwirtschaft mit allen Mitteln angekurbelt worden, erklärte Gerhardt. Gemessen an den damaligen Verhältnissen seien Unsummen investiert worden. Landwirtschaftsämter, Forstämter, Ämter für Tierzucht und Moorwirtschaft oder Landwirtschaftsschulen schossen wie Pilze aus dem Boden. 253 solcher Dienststellen gab es zu Spitzenzeiten in Bayern. Viel ist davon nicht geblieben. Federführend war von 1948 bis 1954 Landwirtschaftsminister Alois Schlögl, der Stimmkreisabgeordnete des Landkreises Günzburg. CSU und Bauernverband seien stets eng verzahnt gewesen, institutionell wie personell. Das eigentliche „Machtzentrum“ aber sei immer das Landwirtschaftsministerium gewesen. Die Ministerialbürokratie legte vielfältige Förderprogramme auf, die Grünen Pläne, die (ökologisch betrachtet zweifelhafte) Flurbereinigung, die Erfindung der Maschinenringe, Zuschüsse für die Bewirtschaftung schwieriger Agrarflächen oder die Förderung der Landwirte als Pfleger der Kulturlandschaft.

Auch Letzteres unter fragwürdigen Bedingungen. „Man stellte die Landwirte als Naturschützer dar, tatsächlich wurden sie aus den Vorgaben der Naturschutzgesetze herausgenommen.“ Das alles sei auch im wohlverstandenen Eigeninteresse von CSU und Bauernverband geschehen. Die treusten Wähler der CSU leben noch immer in den ländlichen Gebieten, der Bauernverband habe möglichst viele Beitragszahler retten wollen. Letztlich seien alle Maßnahmen zur Förderung der Landwirtschaft eine Art staatliche Planwirtschaft gewesen, umgesetzt von Leuten, die sonst die Planwirtschaft als sozialistisch oder kommunistisch deklariert haben. Gerhardt: „Das erstaunt schon.“

Als erstes Bundesland habe sich der Freistaat mit dem Nebenerwerbslandwirt beschäftigt, auch das einer von vielen bayerischen Sonderwegen. Rund die Hälfte der Höfe wird inzwischen im Nebenerwerb bewirtschaftet. Die anderen Betriebe werden immer größer, Quantität ersetzt zumeist die Qualität. Aus der Notgesellschaft der Nachkriegsjahre ist eine Überflussgesellschaft geworden. Zum Nutzen der bäuerlichen Landwirtschaft ist das nicht

Der Vortrag von Raphael Gerhardt basierte auf seiner Doktorarbeit mit dem Titel „Agrarmodernisierung und europäische Integration“. Die 597 Seiten umfassende Dissertation ist als Buch im C. H. Beck-Verlag München erschienen.

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