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Kreis Günzburg

14.11.2017

Als die Synagogen zerstört wurden

Diese Tafeln sind Teil eines Denkmals, das an die einstige Synagoge in Krumbach-Hürben erinnert. Auch im Landkreis Günzburg wurden die jüdischen Gotteshäuser durch die Nationalsozialisten beschädigt und zerstört.
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Diese Tafeln sind Teil eines Denkmals, das an die einstige Synagoge in Krumbach-Hürben erinnert. Auch im Landkreis Günzburg wurden die jüdischen Gotteshäuser durch die Nationalsozialisten beschädigt und zerstört.
Bild: Ulrike Bosch

In dem ehemaligen jüdischen Gotteshaus in Ichenhausen wurde an die Pogromnacht vor 79 Jahren erinnert. Warum ein Redner meinte, dass dies nötiger denn je ist.

In der Kampagne „Sätze gegen das Vergessen“ hatte es Opernstar Diana Damrau einmal so formuliert: „Ein Vergessen darf es nicht geben, weil nur durch das ständige Erinnern und Wachhalten ein solches Unrecht in der Zukunft vermieden werden kann.“

Das „Unrecht“ war die Pogromnacht vor 79 Jahren. In einer Gedenkstunde in der früheren Synagoge Ichenhausen wurde zum Ausdruck gebracht, was auch heute noch Menschen bewegt und zum Nachdenken bringt. Auch wenn es immer wieder Stimmen gebe, die meinten, solche Gedenkstunden hätten sich überholt, seien diese heute nötiger denn je, sagte DGB-Kreisvorsitzender Werner Gloning in seiner Begrüßungsrede im Namen der „Arbeitsgemeinschaft gegen das Vergessen“. Zu ihr gehören das evangelische Dekanat Neu-Ulm, die Katholische Arbeitnehmerbewegung Iller-Donau, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Augsburg und Schwaben und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) im Kreis Günzburg.

Das Ergebnis der Bundestagswahl habe gezeigt, so Gloning, auf welch fruchtbaren Boden in Deutschland Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz, Ignoranz und rassistische Parolen inzwischen wieder fallen. Deshalb sei für die Gedenkstunde dieses Jahres in Anlehnung an Bert Brecht das Leitmotto „Der Schoß ist schwanger wieder, aus dem das kroch“ gewählt worden. „In der DDR wurden Menschen um jeden Preis daran gehindert, ihr Land zu verlassen, jetzt hindern wir Menschen um praktisch jeden Preis daran, unser Land zu betreten. Wo ist da der moralische Unterschied?“, fragte der Gewerkschaftschef.

Verena Di Pasquale spricht über die Aktion der Nationalsozialisten

Die Hauptrednerin des Abends, die stellvertretende Vorsitzende des DGB in Bayern, Verena Di Pasquale, beleuchtete zuerst das, was im November 1938 geschah. Bei Raub, Mord, Misshandlungen, Verhaftungen und der Zerstörung von Synagogen sowie jüdischer Einrichtungen und Wohnhäuser habe es sich um eine systematische und zielorientierte Aktion der Nationalsozialisten gehandelt.

Die Pogrome von 1938 hätten eine lange Vorgeschichte seit Beginn der Naziherrschaft 1933. Di Pasquale zählte Beispiele auf: die Entfernung der Juden aus dem Berufsleben, der Boykott jüdischer Geschäfte und das Herausdrängen von Juden aus dem staatlichen Apparat. Dabei sei es um die nackte Herabwürdigung von Menschen gegangen, um das Zurschaustellen der Macht der Nazis und damit der Ohnmacht der Diskriminierten. Viele nicht jüdische Deutsche hätten von der Vertreibung der Juden materiell profitiert, noch viel mehr hätten einfach zugeschaut. Der menschliche Anstand sei verkümmert, obwohl, wie die Referentin an Beispielen belegte, Zivilcourage und Protest möglich gewesen wären.

Di Pasquale ging auf die Rolle der Gewerkschaften in der Zeit des Nationalsozialismus ein. Diese wurden zerschlagen, Gewerkschafter eingesperrt, verfolgt, getötet oder in die Emigration gezwungen. Aus der Sicht der Nazis war der gewerkschaftliche Kampf für die Interessen der Beschäftigten ein Verbrechen. So wie damals würden sich die Gewerkschaften auch heute gegen jegliche Diskriminierung wenden: „Bei uns wird Mitglied, wer sich zu unseren Grundsätzen bekennt, egal ob Moslem oder Jude, schwarz oder weiß, deutsch oder migrantisch, Arbeiter oder Beamter.“

Sätze gegen das Vergessen

Im Vorfeld der Gedenkstunde hatte die Arbeitsgemeinschaft gegen das Vergessen die Aktion „Sätze gegen das Vergessen“ gestartet. Dabei mussten Prominente aus dem oder mit Bezug zum Landkreis den Satz „Die Erinnerung an die Reichspogromnacht ist für mich auch heute noch sehr wichtig, weil …“ vollenden. Vorgetragen wurden die Zitate von Martina Berndt-Hoffmann, Gabi Brenner, Leo Berger, Helga Springer-Gloning sowie Christoph Helmes. So hat Günzburgs Altoberbürgermeister Rudolf Köppler (SPD) beispielsweise geschrieben, dass nicht vergessen werden dürfe, „weil die Würde des Menschen nicht bei allen als unantastbar gilt“. Landrat Hubert Hafner (CSU) findet, dass sich Derartiges an keinem Ort dieser Welt jemals wiederholen darf. Und der frühere CSU-Landtagsabgeordnete Karl Kling betont, dass nichts und niemand vergessen werden darf.

Im rezitativen Gesang der Musikgruppe „Wir“ fand sich die berührende Stimmung aus den Reden wieder. Zu ihren Liedbeiträgen gehörte das Gettolied von Bettina Helene Wegner, deutsche Liedermacherin und Lyrikerin, die ein Leben lang unerschrocken und ohne Rücksicht auf eigene Vorteile gegen Ungerechtigkeit und Willkür geschrieben und gesungen hat; und dazu gehörten vertonte Gedichte jüdischer Poeten aus der Perspektive der NS-Zeit.

Beendet wurde der eindrucksvolle Abend mit dem gemeinsamen Gebet „Der Herr ist mein Hirte“ und dem Segensgebet der Neu-Ulmer Dekanin Gabriele Burmann.

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