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Günzburg

17.01.2020

Auf dem Weg zu einer angemessenen Pflege?

Erklärend, mit Nachdruck und Humor: Dr. Volker Rehbein, der Vorstand der Kreiskliniken Günzburg–Krumbach, sieht jetzt eine große Chance, dass sich die Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal deutlich verbessern.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Volker Rehbein, Vorstand der Kreiskliniken Günzburg-Krumbach, setzt Hoffnungen auf Vorschläge, die den Pflegekräften der Kliniken helfen sollen.

Es ist Bedeutendes passiert diese Woche, ohne dass die Öffentlichkeit davon bislang groß Notiz genommen hätte. So sieht es jedenfalls Dr. Volker Rehbein, seit zwölfeinhalb Jahren Vorstand der Kreiskliniken GünzburgKrumbach, und damit einer der am längsten amtierenden Krankenhauschefs in Bayern.

So haben sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Deutsche Pflegerat und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auf ein gemeinsames Eckpunktepapier geeinigt, das zum Ziel hat, die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals in en Krankenhäusern nachhaltig zu verbessern. Die Abkürzung „PPR 2.0“ steht dabei für eine aktualisierte Pflegepersonalregelung, die den Interessensvertretungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen vorschwebt.

Kliniken-Vorstand Dr. Volker Rehbein entwickelt Visionen.
Bild: Bernhard Weizenegger


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Dass sich diese Organisationen an einen Tisch gesetzt und gemeinsam das Eckpunktepapier erarbeitet haben, betrachtet Rehbein als Chance. Daraus könne „ein gutes Gesetz“ werden. Den Anstoß dazu hatte das Bundesgesundheitsministerium gegeben.

Für die Kreiskrankenhäuser von großem Vorteil

Werden die gemachten Vorschläge in gültiges Recht umgewandelt, sei das auch für die Kreiskrankenhäuser in Günzburg und Krumbach von großem Vorteil. Rehbein will sich „mit aller Kraft dafür stark machen“ und sich – so wörtlich – „an die Spitze der Bewegung setzen“. Es gelte jetzt, zum großen Wurf anzusetzen und nicht „im Kleinklein“ zu enden. Damit spricht der 59 Jahre alte Klinikvorstand das Bestreben Verdis in der Vergangenheit an, für die beiden Kreiskrankenhäuser im Landkreis Günzburg eine Tarifregelung im Einzelfall zu finden. Dies hält Rehbein angesichts des nun vorliegenden Papiers für überholt.

Zudem sei in der Vergangenheit in den Kreiskliniken einiges für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege verbessert worden. Die Krankenhäuser seien daran, die letzten Lücken bei der Pflege in den Nachtdiensten zu schließen, damit niemand mehr auf den Stationen allein arbeiten müsse. Bei Ausfällen ist nach den Worten des Krankenhausmanagers ein „Springerpool“ geschaffen worden. Und für das Einspringen gebe es einen „Erschwerniszuschlag“ von den Kliniken.

Hilfspersonal für einfachere Tätigkeiten

Eine weitere Entlastung für die Pflegefachkräfte bedeute die Anstellung einer größeren Zahl von Hilfspersonal für einfache Tätigkeiten. Das ist nach einer einjährigen Ausbildung dieser Personen in der Pflege und einer Anlernphase durchaus möglich und bringt den erhofften Effekt, lautet Rehbeins Erfahrung.

Dr. Volker Rehbein diskutiert hart in der Sache.
Bild: Bernhard Weizenegger

Das alles ist auch mit ein Verdienst der sogenannten pflegerischen Kommission vor Ort, die mit je fünf Vertretern der Arbeitnehmer- und der Arbeitgeberseite paritätisch besetzt war.

Eine der ersten Maßnahmen vor gut zwei Jahren war, um das Pflegepersonal zu entlasten, die zeitweise Reduzierung der Bettenzahl. Die Günzburger Verdi-Ortsvereins-Chefin Helga Springer-Gloning, die damals zugleich Personalratsvorsitzende im Kreiskrankenhaus Günzburg war, sprach seinerzeit von einer „konkreten Sofortmaßnahme zur Linderung unseres Pflegenotstands“. „Die Personalknappheit rächt sich jetzt“

Pflegerische Kommission aufgelöst

Offenbar ist die pflegerische Kommission so weit vorangekommen, dass am Donnerstag beschlossen wurde, sie mit sofortiger Wirkung zu beenden. Von den anwesenden sechs Mitgliedern des ausgewogen besetzten, nichtöffentlich tagenden Gremiums, sprachen sich fünf für dessen Auflösung aus. Ein Vertreter enthielt sich der Stimme.

Volker Rehbein rät, sich nun auf die große Lösung zu konzentrieren, an der die Verdi-Gewerkschaft schließlich auch beteiligt ist. Dass man vor Ort weiterhin über die Personalvertretungen oder auch direkt mit den Beschäftigten das Gespräch suche, verstehe sich selbstredend, sagt der Klinikvorstand.

Der Vorstand der Kreiskliniken Günzburg und Krumbach, Dr. Volker Rehbein.
Bild: Bernhard Weizenegger

Rehbein kennt die ganze Genese der Reformen, die den Pflegekräften im Laufe der Jahre mehr und mehr zugesetzt hätten. Das Vorläufermodell der Pflegepersonalregelung sei bereits 1992 entwickelt und bis 1996 „scharf geschaltet“ worden mit dem Ziel, die „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen einzudämmen.

Im Pflegebereich sei jedoch festgestellt worden, dass 8000 bis 10000 Kräfte fehlten. Im späteren Fallpauschalen-System seien die Bedürfnisse in der stationären Pflege so gut wie nicht berücksichtigt worden – mit der Folge, so Volker Rehbein, „dass sich die Arbeitsbelastung drastisch verschärft hat bis zur Grenze des Erträglichen“. Der 59-Jährige formuliert es plakativ: Aus ökonomischen Zwängen heraus hat „die Putzfrau mit dem Patienten mehr Zeit zugebracht als diejenigen, die ihn pflegen sollten“.

Grenze zur "gefährlichen Pflege"

Auch Diskussionen um Pflegepersonal-Untergrenzen taugen Rehbein nicht. Diese „Untergrenze“ ist für den Manager die Grenze zur „gefährlichen Pflege“.

Das aktuelle Eckpunktepapier leiste einen Beitrag, zu einer vernünftigen und angemessenen Pflege in den Krankenhäusern zu kommen. So sollen beispielsweise nachts bei einer Patientenzahl zwischen 41 und 50 sich mindestens zwei Pflegefachkräfte den Dienst teilen. Bei einer stufenweisen Umsetzung soll später eine Pflegehilfskraft dazukommen.

Die Soll-Besetzung laut Dienstplan und die Ist-Besetztung jeder Station ist zu dokumentieren. Die Zahlen sollen außerdem auf der Fachabteilungsebene im Intranet jährlich veröffentlicht werden.

Rehbein ist bereit, an der Seite des Personals zu demonstrieren

Für die Vorschläge des Papiers würde Rehbein auch, wenn es hart auf hart kommt, an der Seite des Pflegepersonals demonstrieren.

Ein erster Lichtblick für die Krankenhäuser sei, dass das Pflegebudget aus dem allgemeinen Fallpauschalen-System ausgegliedert werde. Neuanstellungen bekämen die Kliniken bezahlt. Dieses Versprechen abzugeben, sei allerdings keine Kunst, „wenn der Markt leer gefegt ist“, betont Rehbein.

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