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Landkreis Günzburg

23.08.2019

Bayerns JU wird und wurde vor allem vom Kreis Günzburg aus gelenkt

Ministerriege aus dem Kreis Günzburg: Bayerns Verkehrsminister Hans Reichhart, der ehemalige bayerische Justizminister Alfred Sauter, der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller.
Bild: Georg Drexel

Die Nachwuchsorganisation der CSU hatte in ihrer gut 70-jährigen Geschichte gleich vier Vorsitzende aus dem Landkreis Günzburg. Das ist unvergleichlich in Bayern.

Preisfrage: Was haben diese vier Herren gemeinsam? Die Körpergröße? Offensichtlich nicht. Das Alter? Auch nicht so ganz. Die Tatsache, dass alle aus dem Landkreis Günzburg stammen? Stimmt. Die Herkunft aus einer Region ist eine der Verbindungen der vier CSU-Politiker. Außerdem sind oder waren sie alle Minister auf Bundes- oder Landesebene. Und die Männer im Anzug standen alle an der Spitze der CSU-Nachwuchsorganisation Junge Union (JU).

22 von 72 Jahren an der Spitze

Einer ist aktuell noch Chef, wobei auf „noch“ die Betonung liegt. Denn der bayerische Verkehrs- und Bauminister Hans Reichhart, 37, räumt in nicht einmal einer Woche bei der JU-Landesversammlung den Posten für einen Jüngeren. Die Tatsache, dass aus einem Landkreis in Bayern – Günzburg nämlich – vier der insgesamt 16 JU-Vorsitzenden kommen und kamen ist einmalig in Bayern. Zusammen haben diese vier Schwaben die Jugendorganisation in ihrer 72-jährigen Geschichte 22 Jahre lang entscheidend mitgeprägt.

Als er 17 war, erinnert sich Theo Waigel im Gespräch mit unserer Zeitung, ist er zur Jungen Union in Krumbach gestoßen, die 1956 von Karl Kling gegründet worden war. Ein großer Schreck und ungläubiges Staunen ist innerhalb der CSU diesem Gründungsprozess vorausgegangen. Denn nach dem tödlichen Verkehrsunfall des Krumbacher CSU-Landrats Fridolin Rothermel konnten die Christsozialen auf niemanden zurückgreifen, der aufgebaut worden war.

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Als die CSU den Landratsposten in Krumbach verlor

Sie schickten schließlich die rechte Hand Rothermels, Friedrich Hasenknopf, ins Rennen – im Bewusstsein, die CSU-Zugehörigkeit allein reiche schon aus. Doch Hasenknopf war Protestant, zur damaligen Zeit tatsächlich ein Malus. In der Stichwahl schnappte völlig überraschend der völlig unbekannte Karl Graf (Deutsche Partei) der CSU den Landratsposten weg.

Das sollte nie mehr passieren. Und so wurde versucht, bereits Jugendlichen die CSU schmackhaft zu machen. Mit einem Häuflein heimgekehrter Soldaten und „ganz jungen Hupfern“, zu denen sich der 80-jährige Waigel im Rückblick zählt, begann alles in Krumbach.

Das Problem: Jaumann war Strauß' innerparteilicher Rivale

Innerhalb der JU machte der spätere Bundesfinanzminister Karriere: Kreisvorsitzender, Bezirksvorsitzender und schließlich für vier Jahre Landesvorsitzender (1971-1975). Aber Waigel hatte – ebenso wie Bundesentwicklungsminister Gerd Müller als einer der Nachfolger (1987-1991) ein nicht zu unterschätzendes Manko: Er arbeitete ebenso für Anton Jaumann (Waigel war persönlicher Referent des Finanzstaatssekretärs) wie Müller als stellvertretender Pressesprecher in der Zeit des Wirtschaftsministers Jaumann. Das Problem war dabei: Der Politiker aus dem Kreis Donau-Ries war ein innerparteilicher Rivale des übermächtigen CSU-Chefs Franz Josef Strauß. Und alles, was aus dem Hause Jaumann kam, wurde mit Argusaugen beobachtet.

Glasnost und Perestroika auch in der CSU

Wer dann noch Strauß’ patriarchalischen Führungsstil anprangerte, dem war eine verbale Abreibung des Parteichefs sicher. Müller durfte mehr erleben. Der forderte nämlich in seiner Zeit als JU-Chef „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umgestaltung) auch in der CSU. Diese Worte benutzte ursprünglich Michail Gorbatschow, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, für einen anderen politischen Kurs der Sowjetunion.

Strauß schickte Müller in die Verbannung – was in diesem Fall das Landratsamt in Amberg bedeutete. Ein Recht hatte er nicht dazu – eigentlich. Für einen Schwaben sei es ohnehin immer schwierig gewesen, an so eine Spitzenposition zu kommen, sagt der Günzburger Kreisvorsitzende Alfred Sauter am Donnerstagabend vor einem festlichen CSU-Treffen in Günzburg.

Oberbayerns strukturelle Mehrheit

Denn der Bezirk Schwaben habe in der Vergangenheit im Gegensatz zu dem viel größeren Oberbayern mitsamt der Landeshauptstadt München nie eine „strukturelle Mehrheit“ gehabt. Die musste im Vorfeld wichtiger Entscheidungen in vielen persönlichen und Telefongesprächen organisiert werden.

Sauter hat es bei seiner Wahl selbst erlebt. Drei Stimmen Vorsprung hatte er im ersten Wahlgang, fünf im zweiten gegen seinen Kontrahenten. Nur dass bei der ersten Stimmenabgabe mehr Zettel ausgezählt wurden, als Delegierte im Saal waren. Der 68 Jahre alte Jurist sollte mit acht Jahren die längste Amtszeit an der Spitze der JU vorweisen (1979-1987). Mit ihm konnte nur noch ein anderer gleichziehen – und der ist heute Ministerpräsident.

Reisen bildet und bindet

Sauter reiste viel mit den Nachwuchspolitikern, um für Themen vor Ort ein Gefühl zu bekommen. „Reisen bildet. Und es bindet“, ergänzt am Donnerstag Waigel, der es zugleich bedauert, dass der Austausch mit den USA gerade auch auf politischer Ebene bei weitem nicht mehr so stark ist wie er war.

Der aktuelle JU-Vorsitzende Hans Reichhart (Jettingen-Scheppach; seit 2013) kann aus Altersgründen nicht mehr kandidieren. Seine größte Herausforderung sei es gewesen, in der Auseinandersetzung von CSU und CDU (im Besonderen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel) wegen der Flüchtlingspolitik nicht in diesen Sog zu geraten. Es habe einige gegeben, die die JU Bayern gerne eigenständig und nicht länger als Teil der Jungen Union Deutschland gesehen hätten. Dies war aber nicht sein Weg.

Familienbande reichen auch weiterhin in die JU-Spitze

Am Freitag macht der Verkehrsminister auf der JU-Landesversammlung im oberpfälzischen Freystadt Platz für den 31-jährigen Christian Doleschal aus Tirschenreuth (Oberpfalz). Etwas von der JU-Spitze wird aber wohl doch in der Familie bleiben. Denn Ludwig Lenzgeiger (Adelsried, Kreis Augsburg) kandidiert als stellvertretender Landesvorsitzender. Das gesamte Führungstableau ist gesetzt, Personaldiskussionen sind nicht zu erwarten. Und Lenzgeiger heiratet an diesem Samstag Reichharts jüngere Schwester Barbara kirchlich.

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