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Interview

08.01.2019

Das Doppelleben des CSU-Politikers Leo Wagner kommt jetzt ins Kino

Im Bundestag hielt Leo Wagner (CSU) als Parlamentarischer Geschäftsführer die Fäden in der Hand. Als die Union SPD-Kanzler Willy Brandt 1972 stürzen wollte, machte er nicht mit.
Bild: Lichtblick Film

Der Günzburger Bundestagsabgeordnete war wegen seines Lebensstils so klamm, dass ihn die Stasi bestach. Jetzt läuft ein Film über ihn an - gedreht vom Enkel. 

Herr Schwarzer, erinnern Sie sich an die letzte Begegnung mit Ihrem Großvater, dem CSU-Politiker Leo Wagner?

Benedikt Schwarzer: Es wurde immer schwieriger in der Familie, deswegen gab’s da gar nicht so viele Begegnungen. An eine Einzige kann ich mich noch erinnern. Das wird Anfang der 90er-Jahre gewesen sein, ich war um die fünf Jahre alt. Auf der Fahrt nach Günzburg war mir ziemlich schlecht. Und ich war sehr aufgeregt. Meine Mutter hatte mir gesagt: „Frag den Opa doch mal nach dem Loch im Arm.“ Er hatte nämlich eine Kriegsverletzung. Ihm wurde der linke Oberarm durchschossen. Ich stand da mit meinem Vater vor ihm. Die haben über Politik geredet – wie immer. Ich kann mich noch gut an die sonore Stimme von meinem Opa erinnern. Er trug natürlich einen Anzug und Krawatte. Ich kenne ihn gar nicht anders. Er hat sich nicht so wirklich für mich interessiert. Und ich konnte auch nur die ganze Zeit an dieses Loch im Arm denken. Das war nicht so eine typische Opa-Enkel-Beziehung.

Benedikt Schwarzer führt Regie im Film über Großvater Leo Wagner

Am Mittwoch zur Filmvorpremiere kommt auch Ihre Mutter nach Günzburg. Das Kino liegt nur eine kurze Distanz von deren Elternhaus entfernt, wo die zweite Frau des Großvaters nach wie vor lebt. Er hat sie – offenbar eine Bekanntschaft seit Mitte der 70er – im Jahr 1980 wenige Wochen nach der Beerdigung der Großmutter als neue Frau an seiner Seite mitgebracht. Wie groß sind da die Emotionen?

Schwarzer: Sehr groß, das weiß meine Mutter. Das Elternhaus ist für sie emotional aufgeladen. Meine Großmutter und sie waren supereng. Die waren immer zu zweit in diesem Haus. Das letzte Jahr, als schon klar war, dass die Mutter Elfriede sterben wird, war ein sehr qualvolles. Und als sie dann nicht mehr da war, ist für meine Mutter eine Welt zusammengebrochen. Sie war 15 Jahre alt und fühlte sich vollkommen alleine.

Und das mit all der unverarbeiteten Trauer. Dazu kommt noch plötzlich eine wildfremde Frau ins Haus. Das ist alles zu viel geworden.

Filmregisseur Benedikt Schwarzer (roter Pullover) in München im Gespräch mit GZ-Redaktionsleiter Till Hofmann.
Bild: Jörg Sigmund

Schwarzer: In dieser Zeit war das Tagebuch meiner Mutter ein essenzieller Ansprechpartner. Sie hat ihm ihre ganzen Gefühle von Wut bis Ausweglosigkeit anvertraut. Dass meine Mutter von den dramatischen Entscheidungen, die sie daraufhin traf, im Film erzählt, beeindruckt mich immer noch sehr. Das Tagebuch hat Leo dann auch in die Hände bekommen und meiner Mutter Vorwürfe gemacht, wie sie nur so über ihn denken könne.

Gibt es Kontakt zu der zweiten Ehefrau?

Schwarzer: Ich habe vor gut vier Jahren, als ich bei meinen Recherchen schon einiges zusammengetragen hatte, tatsächlich mit ihr gesprochen; habe sie zum Geburtstag angerufen, ihr gratuliert und mich quasi zu ihr eingeladen. Sie konnte im ersten Augenblick nichts mit mir anfangen. Der Name hat ihr gar nichts gesagt.

Sie hatten sich wohl auch nicht vorgestellt als Enkel.

Schwarzer: Doch, doch. Da hat sie aber erst einen Moment gebraucht, um sich zu erinnern. Nach dem Tod Leos 2006 gab es keinerlei Kontakt. Es folgte ein sehr spannendes Gespräch. Ich bin da reingegangen, geprägt von den Erzählungen meiner Eltern. Ich habe im Verlauf des Gesprächs aber gemerkt, dass es damals für alle Beteiligten nicht besonders einfach war. Sie wollte dann aber mit dem Film überhaupt nichts zu tun haben. Ich habe es mehrmals danach trotzdem probiert. Es wäre toll gewesen, wenn der Leo auf bestimmte Art einen Anwalt in dem Sinne gehabt hätte, dass jemand mit solch intimer Kenntnis seine Handlungsweisen vielleicht besser hätte erklären können. So einen „Anwalt“ habe ich Leo im Film in dieser Form leider nicht an die Seite stellen können. Nach dem einen erwähnten Gespräch gab es keine Reaktionen mehr – weder auf Klingeln an der Haustür noch auf Briefe. Und die Telefonnummer, die ich für den ersten Kontakt gewählt hatte, gab es irgendwann auch nicht mehr.

Der Film soll Leo Wagners Geschichte als Politiker erzählen

Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, über Ihren Großvater einen Dokumentarfilm zu drehen?

Schwarzer: Das ist mein Debütfilm, der erste Film nach der Filmhochschule. Er war gar nicht als solcher geplant. Im Jahr 2000 wurde im Spiegel veröffentlicht, mein Großvater sei von der Stasi bestochen worden. Meine Mutter hatte den Artikel entdeckt und kam zu mir ins Zimmer mit der Bemerkung, ich könne da nachlesen, was der Opa alles gemacht habe. Ich habe mir den Artikel heruntergeladen und ihn in dem Ordner „Leo Wagner“ auf jedem meiner Rechner aufbewahrt. Als ich meinen Vordiplomsfilm fertig hatte, habe ich mit meinem Mentor, das ist Regisseur Hans Steinbichler, gesprochen. Der war der eigentliche Geburtshelfer des Filmes. Nachdem ich ihm von meinem Großvater erzählt hatte, war Steinbichler elektrisiert. Denn er wiederum hatte sich mit Rainer Barzel intensiv beschäftigt, weil er dessen Schicksal so spannend fand. Barzel war nach dem gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt am 27. April 1972 nicht Bundeskanzler, sondern politisch tot. Und mein Großvater, der als Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion eine herausgehobene Stellung hatte, soll da der entscheidende Verräter sein, der sich von der Stasi bestechen ließ und die deutsche Nachkriegsgeschichte beeinflusst hat. Ein Skandal, in dessen Zentrum mein Großvater steht. Hans Steinbichler hat zu mir gesagt. „Diesen Film musst du machen.“ Und er hat mir Feuer unter dem Hintern gemacht, dass es auch so kommt.

Dann haben Sie Ihren Opa auf ganz andere, sehr intensive Weise entdeckt.

Schwarzer: Ich hatte ja weder Tagebuch noch Nachlass von ihm. In der Familie hatte er aber von seinem Louis-Vuitton-Aktenkoffer erzählt, in dem er wichtige Dokumente gesammelt hat. Ich bin leider nie an diesen Koffer herangekommen, was meine Hoffnung gewesen ist. Und so habe ich dann alle Stellen und alle Personen, die ich irgendwie finden konnte, abgearbeitet – also von den üblichen Archiven und Ämtern bis zur Rentenkasse, dem Sohn von Gunter Sachs, dem Verfassungsschutz, natürlich der Stasi-Unterlagenbehörde und auch im Kölner Rotlichtmilieu.

Der Titel Ihres 80 Minuten langen Dokumentarfilms heißt: „Die Geheimnisse des schönen Leo“. Über Schönheit lässt sich trefflich streiten.

Schwarzer: Ich habe mit einer über 90 Jahre alten Günzburgerin gesprochen, die nicht nur einmal betont hat, was das für ein schöner Mann gewesen sei. Wenn ich mit Frauen aus meinem Altersbereich darüber spräche, dann würden sie wohl grinsen und sagen, dass das eine andere Zeit gewesen sein müsse.

Wie erklären Sie sich die Attraktivität, die dieser Mensch offensichtlich auf andere Frauen ausgeübt hat?

Schwarzer: Er war eine Erscheinung. Es gibt da ein tolles Buch, das heißt „Bonn in Frack und Schärpe“ von einer Bonner Gesellschaftskolumnistin, die unter Pseudonym I.M. Winter schreibt. Und sie zitiert aus „Die Bayern in Bonn“, wie er, ein „Frauentyp“, damals „durch seine eigentümlich gerade Haltung, sein gemessenes Schreiten und das ,interessante Grau’ seiner Schläfen“ in jeder Umgebung auffalle.

Dominik Schwarzer: Habe von meinem Großvater geträumt

Sie haben über Archivmaterialien und Zeitzeugen über Ihren Großvater mehr und mehr erfahren. Ist er Ihnen im Laufe Ihrer Recherchearbeit irgendwann unheimlich geworden? Haben Sie Ihre Mutter mit ihrer Antipathie gegen deren eigenen Vater besser verstehen können?

Schwarzer: Ich glaube, dass man jeden für sich alleine sehr gut verstehen kann. Im Zusammenspiel entwickelt das Ganze dann eine Dramatik und Traurigkeit. Ich habe auch mit einer Psychologin zusammengearbeitet, weil ich so wenige Dinge hatte, die mir Informationen über den Menschen Leo Wagner lieferten. Mit der Psychologin habe ich dann versucht, ein Persönlichkeitsprofil von ihm zu erarbeiten und ein Gefühl für ihn zu bekommen. Und alle diese Dinge zusammen haben dazu geführt, dass ich von ihm geträumt habe. Das war dann eine ziemlich intensive Erfahrung. Es gibt da diese Unterlagen von dem Gerichtsverfahren gegen ihn wegen Kreditbetrugs. Da sind auch psychologische Gutachten dabei. Besonders ein Interview im Wortlaut sticht da für mich heraus. Die Strategie der Verteidigung war es, auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren. In mehreren psychologischen Gutachten wurde versucht, ihn in diese Ecke zu stellen, um ihn herauszubekommen aus dem Verfahren. Das muss man zwar immer mitbedenken, wenn man das liest. Trotzdem habe ich auch damit das Gefühl gehabt, ihm etwas näher zu kommen.

In seinem Schlusswort sagte Wagner, dass er gerne Dinge anders gemacht hätte und machen wolle. Was meint er damit?

Schwarzer: Er sagte beispielsweise, dass er sich anders um seine Kinder kümmern wolle. Zu seiner ersten Frau hätte er gerne ein besseres Verhältnis gehabt. Die Psychologin hat mir das so erklärt, dass Männer der Generation meines Großvaters, die nicht oder noch nicht so fest im Leben standen, vom Nationalsozialismus unheimlich erfüllt worden seien. Sie hatten auf einmal eine große Aufgabe vor sich und sind zu Helden erzogen worden. Dann gab’s 1945 einen krassen Schnitt – und sie waren die Täter. Die Devise hieß ab diesem Zeitpunkt: Wir beschäftigen uns nicht mehr mit der Vergangenheit, sondern der Blick geht nach vorne. Nach Ansicht der Gesellschaftspsychologin sind das viele Rauchen, Saufen und die dicken Bäuche nicht nur auf das Wirtschaftswunder in den 50er- und 60er-Jahren zurückzuführen. Männer mit ihren nicht verarbeiteten Kriegserlebnissen mussten diese gewissermaßen hinunterschlucken. Gefühle zu zeigen, das gab es nicht.

Ihr Großvater hat nach der parlamentarischen Arbeit in Bonn abends regelmäßig Kölner Bordelle aufgesucht und am Wochenende in Günzburg „einen auf Familie gemacht“, wie es ein Gesprächspartner im Film formulierte. Wegen seines ausschweifenden Lebensstils hatte er permanente Geldsorgen und ließ sich – das war jedenfalls der Stand – von der Stasi dafür bezahlen, dass er sich wie ein weiterer Politiker der CDU beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen SPD-Kanzler Willy Brandt 1972 der Stimme enthielt. Hinter welche Geheimnisse, sind Sie erst im Laufe Ihrer Nachforschungen gekommen?

Schwarzer: Leo Wagner hat es immer abgestritten, sich wegen 50000 D-Mark von der Stasi der Stimme im Bundestag enthalten zu haben. Das aufzuklären, war mein ursprünglicher Beweggrund. Doch so einfach lassen sich da die Antworten nicht finden. Im Film befrage ich verschiedene Stasi-Forscher. Und da stellt sich dann schnell die Frage, wie stichhaltig es ist, dass es 1972 zu einer Zusammenarbeit zwischen Leo Wagner und der Stasi kam und er so den CDU-Kanzler Barzel, eigentlich auch ein Duz-Freund von ihm, verhindert hat. Ich habe versucht, alle Quellen und Personen zu befragen, die sich damit beschäftigen. Das ist aber nur der eine Teil meiner Reise in die Vergangenheit. In Bezug auf Geheimnisse geht es da nämlich erst so richtig los. Während des Drehs haben wir noch ganz andere Geheimnisse gelüftet, gerade im Familiären.

Welches zum Beispiel?

Schwarzer: Leo Wagner hatte in einem Gerichtsgutachten behauptet, dass meine Mutter gar nicht seine Tochter sei. Wir haben daraufhin einen Test durchführen lassen. Danach war klar, dass meine Mutter und ihr Bruder nicht denselben Vater haben. Das wirft weitere Fragen auf.

Haben Sie eine Chance, Ihren Großvater neutraler zu sehen als das Ihre Mutter vermag?

Schwarzer: Ja. Das war schon mein Versuch. Ich will weder anklagen noch reinwaschen. Mit diesem Anspruch bin ich an das Filmprojekt herangegangen. Es geht mir um das Verstehen.

Sie sagten vorher, man könne jeden Einzelnen für sich allein betrachtet in diesem Familien-Politik-Drama verstehen. Für wen ist Ihr Verständnis besonders gewachsen?

Schwarzer: Insbesondere für meine Mutter.

Haben Sie da ein konkretes Beispiel?

Schwarzer: Nehmen wir Weihnachten. Meine Mutter ist unheimlich darauf bedacht, dass es ein wunderschönes Fest wird. Sie kocht sehr gut und hängt sich da mordsmäßig rein, um etwas Besonderes zu schaffen. Mir ist das fast zu detailverliebt. Aber ich habe dafür Verständnis entwickelt, weil ich denke, dass sie alles für eine heile Welt tut, die sie selbst nie gehabt hat.

Wenn Sie Ihrem Großvater gegenübersäßen und ihm eine Frage stellen könnten, welche wäre das?

Schwarzer: Ich würde ihn fragen, ob ich weitere 100 Fragen stellen darf, denn da gäbe es viel zu fragen. Wo Sie das eben gesagt haben, da habe ich gemerkt, wie es im Bauch kribbelt. Denn diese Vorstellung, ihm so direkt gegenüberzusitzen, das wäre schon eine unglaublich fantastische Sache.

Vorpremiere ist an diesem Mittwoch

Der Dokumentarfilm „Die Geheimnisse des schönen Leo“ läuft in einer Vorpremiere am Mittwoch, 9. Januar, im Günzburger BiiGZ. Beginn ist um 20 Uhr. Karten können im Internet unter www.biigz.de reserviert oder gekauft werden. Bundesstart für den Film ist am 17. Januar.

Zur Person: Leo Wagner (1919-2006) war Mitbegründer der CSU und zählte zu den engsten Vertrauten von Franz Josef Strauß. Er hatte zahlreiche kommunalpolitische Ämter inne. Der Lehrer gehörte von 1961 bis 1976 dem Bundestag an. Wegen seines ausschweifenden Lebensstils geriet er in Verruf. Benedikt Schwarzer, 31, war fast fünf Jahre mit diesem Projekt beschäftigt. Er studierte an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film.

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22.01.2019

Danke für dieses einfühlsame und spannende Interview!

Ich habe die Sonntagsmatinee mit Regisseur Schwarzer im Landsberger Olympia Filmtheater besucht und war tief bewegt.
Drei Anmerkungen dazu.

Erstens und vor allem habe ich den Mut bewundert, mit dem ein doch bislang eher höchst privates Familienleben eines in der Nachkriegsgeschichte bedeutsamen Politikers dokumentiert wurde. Hochachtung!

Zweitens bin ich etwas enttäuscht gewesen, dass es trotz intensivster Recherche leider weiterhin unklar bleibt, welche Rolle Leo Wagner beim Misstrauensvotum gegen Willy Brandt 1972 gespielt hat.
Schade auch, dass Theo Waigel, anders als Alfred Sauter, keinen Beitrag zur Dokumentation geleistet hat.

Drittens bin ich auf die Knie gefallen vor dem Olympia Filmtheater, hat es doch wieder einmal einen höchst bemerkenswerten Film ins Programm genommen.
Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich von diesem Kino begeistert bin!

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